Wenn ein Mensch etwa an einen Apfel denkt, zeigt sein Gehirn ein typisches Aktivitätsmuster.
Genauso erzeugt der Gedanke an ein Haus einen neuronalen Fingerabdruck.
Nun hat ein Team aus Informatikern und Neurowissenschaftlern einen Algorithmus entwickelt,
der diese Muster vorhersagen kann. Damit kann ein Computer berechnen, wie es im Gehirn
einer Versuchsperson aussehen wird, wenn diese an eine Kartoffel denkt. Andersherum lässt
sich aus einem tomographischen Gehirnscan lesen, an was für eine Sache jemand gerade denkt.
(Science, Bd. 320, S. 1191, 2008 - "Apfel, nicht Affe" Süddeutsche Zeitung v. 30.05.08, S. 18 v.
Hanno Charisius)
Auszug
aus R1 (Hirnficker), Teil I, Seite 26-31
Der Geheimdienst landete vor dem Hauptquartier der Grenztruppe des Landes.
„Krieg“, brüllte der Generalstabschef, „im Süden werden wir den Gegner
vernichtend schlagen, im Mittelabschnitt werden wir uns wacker halten, im
Norden werden wir uns aus taktischen Erwägungen zurückziehen. In sieben Tagen
werden wir das Verteidigungssystem ums feindliche Hauptquartier herum
zerschlagen haben und bomben sie alle in den Sarg, und dann spätestens ist
Schluß mit unserer Party.“
Er umarmte Leda, die, gefolgt von R1 und Lyra, verwundert aus dem Flugschrauber
geklettert war, während die Herrn Stabsoffiziere in süffisanter Manier sich
Sekt ausschenkten und auf den Geheimdienst einen Toast aussprachen.
Der Generalstabschef drückte auch R1 aufs herzlichste und setzte seine Rede
fort:
„Vorbei ist die Zeit, wo ich dem
Präsidenten die Kosten der zyklischen Verschrottung meiner Waffensysteme
vorzurechnen hatte. Jetzt nimmt der Krieg das Zepter in die Hand. Krieg ist
Rechnung, Planung, Schriftverkehr, Nachrichtensendung. Jeder kann zeigen was in
ihm steckt; wir haben sieben Tage aufreibende Kommandoarbeit zu leisten. Dienst
und Selbstverpflichtung! Dies meine Freunde, ist die Erfüllung meines
Lebenstraums, mich für die Sache des Vaterlands aufzuopfern.“
„Krieg“, schrie ein Offizier und hob sein Glas, „der Globus ist wie
angestochen, die Ränder fallen in die Wunde, so frißt sich alles in den Graben
der Vernichtung. Krieg. Unsterblichen Heilsbefehls befiehlt der General und
sachlich unbestechlich richtig. Unsterblichen Heilsbefehls auf seinen Lippen,
fällt der Soldat ins schwarze Loch der Mündung des Gewehrs. Für welche Freiheit
ich da kämpfe, für welche Hoffnung ich da kämpfe, sagt der Soldat,
unsterblichen Heilsbefehls auf seinen Lippen. Nur für die höchsten Ideale, nur
für die allerhöchsten Ideale kann ich meinem Feind den Kopf abschießen, und tut
es mir dann leid, und laß ich mir dann selbst den Kopf abschießen, ist (es) aus, das Leid.
Krieg ist ein Feuerzauber. Feuerberg zieht in das Land. Feuerberg zieht weiter,
das Hindernis wie abgeschmolzen. Was sagt mein in Asche überführter Feind? Gibt
er mir recht? Ist die Frage längst mit ihm verstummt. Soviel mehr an mir noch
ist, vergleiche ich mich mit der Asche, die zwischen meinen Fingern rinnt,
soviel habe ich mir gut getan. Soviel Krieg hat mir schon immer gut getan.“
„Hoch das Ideal“, rief ein Offizier, „wir kämpfen für den Sieg, und unser Lohn
ist Solotan.“
„Hoch“, riefen alle Offiziere, „unser Lohn ist Solotan.“
„Verstehst du, was los ist?“ sendete R1 an Leda, „der gesamte Generalstab muß
ins Irrenhaus.“
„Die haben hier verschmutzten Stoff im Hirn“, antwortete Leda nonakustisch.
„Hoch, Exzellenz“, brüllten alle Offiziere und klatschten.
Der Präsident baute sich in der Mitte seiner Offiziere als flimmerndes Hologramm
auf, prostete ihnen aufgeschlossen und weltmännisch zu und ließ sein Sektglas
wie von Zauberhand verschwinden.
„Der Solotan-Konzern fürchtet den Geheimdienst und seine gefährlichen Waffen.
Dank dem Geheimdienst! Dank unserer Geheimagentin, Leda! Dank ihrem
R1-Kampfautomaten! Dank für den unermüdlichen Einsatz, der Wahrheit im Lande
zum Sieg zu verhelfen“, sprach salbungsvoll der Präsident.
Das Hologramm stabilisierte sich zu fester Form. Der Präsident trat auf Leda zu
und schlug ihr mit beiden Händen anerkennend auf die Schultern, „gute Arbeit,
Leda“, klopfte R1 mit dem Zeigefinger symbolisch gegen die Schläfe, „guter
Kampf, R1“ und
kraulte, sich verlegen räuspernd, Lyra unterm Kinn, „guzzi, guzzi, neuerdings
hält man sich einen Narren in der Truppe.“
„Auf den Geheimdienst“, rief der Generalstabschef, „auf seine Exzellenz, den
Präsidenten aller Geheimdienste des Landes.“
Die Truppe erhob ihre Gläser, trank aus und warf die Gläser zu Boden, danach
feuerte sie sich mit ihren Druckpistolen Solotan in die Gehirne.
Der Präsident nickte selbstgefällig. „Erstmalig in der Geschichte der
Menschheit macht der Solotan-Konzern einem Land der Erde das Angebot,
Aktienanteile am größten Unternehmen aller Zeiten zu erwerben. Wir werden
zukünftig bestes Solotan zu Vorzugspreisen erhalten. Wir werden hier unten die
Nummer 1 sein, das mächtigste Land. Ich aber, euer Präsident, werde als ein
Gott des 22. Jahrhunderts in den Olymp des Solotan-Konzerns aufsteigen. Ich
werde Anteil haben an Ruhm und Macht und Ewigkeit.
Leichten Herzens werden wir den Preis dafür bezahlen. Als Gegenleistung für all
diese Wohltaten verlangt der Solotan-Konzern den Angriff auf das Hauptquartier
der Allianz der Versager und Vernichtung aller Feinde. Vernichtung insbesondere
des häretischen Technikers Perseus. Krieg dem Verräter, Krieg den Mißlungenen
und Unbrauchbaren. Krieg dem Abschaum des Widerstands gegen die göttliche
Ordnung.
Ja, Freunde, ich werde ein Gott sein in der Welt der Wissenden und Glorreichen,
ein Sieger für immer und ewig und Meister. Erfüllung meiner Träume, Lohn meiner
Mühe, Sieg meines Willens.
Ich fordere den totalen Krieg. Einsatz meiner Superwaffe, Pestbazillus Faktor
eine Million.“
„Exzellenz, wir bewundern Sie, Sieger für immer und ewig und Meister“,
heuchelte Leda.
„Superwaffe“, übertrumpfte sie R1, „geben Sie uns sogleich den Befehl,
Exzellenz, dies soll die Stunde der Entscheidung sein. Wo ist der Knopf, auf
den ich drücken kann?“
„Bei aller Begeisterung, überstürzen wollen wir nichts. Setzen wir überlegt
einen Schritt hinter den anderen“, beschwichtigte der Präsident, „erst machen
wir den Vertrag im Angesicht der Institution des Weltgerichts, danach
ergreifen wir die Initiative.“
„Verfügen Sie über mich, Exzellenz“, rief Leda scheinbar begeistert, „bauen Sie
im Augenblick ihres größten Triumphs auf meine Treue!“
„Meine wackeren Geheimdienstler, wie kann ich euch belohnen?“ faßte in einer
rhetorischen Geste der Präsident seine Rührung zusammen.
„Wir haben einen großen Wunsch, Exzellenz, einen wirklich langgehegten Wunsch
unserer Einsatzleiterin, den sie sich allerdings bis jetzt noch nicht an Sie zu stellen getraute“, ergriff R1 die Gelegenheit, „geben Sie uns die Ehre, in ihrem Palast
das bedeutende Kunstwerk ihrer Sammlung, „Leda mit dem Schwan“ im Original
bewundern zu dürfen. Lassen Sie uns dieses Kunstvergnügen mit Ihnen gemeinsam
teilen. Erfüllen Sie uns diesen heißersehnten Traum, lassen Sie uns nicht mehr
warten.“
„Ah, meine Kunstsammlung. Im Kunstsinn treffen sich die Leidenschaften der verwandten
Geister. Auf diese Freundschaft kann man bauen!“ zeigte sich der Präsident
geneigt, „kommt zu mir, meine Treuen und bewundert meine Schätze.“
„Wir haben ihn im Sack, den Alten“, funkte R1 an Leda und lächelte den
Präsidenten an.
„Wenn ich den Präsidenten im Original antreffe, meinst du, daß ich ihn dann zur
Begrüßung küssen muß?“ sendete Leda zurück und neigte ihren Kopf andächtig zum
Präsidenten.
„Ekelhafte Vorstellung, nicht wahr?“ grinste R1.
„Meine Damen und Herren! Stehen Sie stramm, der Präsident will sich verabschieden“,
brüllte der Generalstabschef. Alles stand stramm. Das Hologramm löste sich
huldvoll auf.
„Meinst du, er wird es schaffen?“ fragte Leda, blickte unsicher R1 ins Gesicht,
„wird er ein Gott des Solotan-Konzerns werden?“
„Natürlich nicht“, lachte R1 Leda aus.
Leda zog erleichtert Lyra an sich und küßte sie übermütig auf die Stirn. „Ich
übe schon mal.“
Lyra reagierte wenig erfreut und klammerte sich ängstlich an R1 fest.
„Abwärts“, triumphierte Leda im
Fahrstuhl, „merkwürdig, wie tief man sinken muß, um oben anzukommen. Unser
Präsident ist ein Sicherheitsfetischist und haust geheim wie ein Maulwurf 20
Stockwerke unter der Erdoberfläche. Würdest du dir einen Palast unter dem
Hauptquartier deiner Armee bauen?“
„Üb’ doch noch mal“, R1 spitzte ihre Lippen: „Mh, mh, mh“, simulierte
Luftküsse.
Es kam, wie es kommen mußte, der Präsident küßte Leda auf die rechte und die
linke Wange und anschließend auf den Mund. Als Zugabe gab es, ganz wie es der
Art des Präsidenten entsprach, eine Theorie über den Präsidentenkuß, der sich
angeblich gegen Ende des 20. Jahrhunderts unter Staatsoberhäuptern etabliert
hatte, damit alle Beteiligten sich sicher sein konnten, daß sie sich als
Original und nicht etwa nur als Hologramm begegneten.
Angeblich habe Stalin, ein berühmter Massenmörder und Anhänger der Sozialversicherung,
des sogenannten ‘Sozialismus', bei einem Geheimtreffen mit Hitler, anläßlich
ihres Hitler-Stalin-Paktes, erstmals diese Hologrammprüfung ausprobieren wollen.
Hitler habe den Kuß abgelehnt und sei wohl ein Hologramm gewesen.
R1 und Lyra, guzzi, küßte der Präsident nicht, denn Kriegsmaschinen und Narren
als Hologramme auftreten zu lassen, galt als unübliche Energieverschwendung.
Endlich öffneten sich die Tore zum Kunstkabinett, und die Gesellschaft trat vor
das Bildnis der Leda mit dem Schwan von Correggio.
„Fantastisch“, staunte Leda, „so eine Begegnung mit dem Schwan galt früher als
eine mythische Befruchtung mit dem Göttlichen. Derartige Befruchtungen würden
heutzutage, im Wissenschaftszeitalter, die Götter biotechnisch ausführen.“
„Verstehe ich nicht“, reagierte R1 höhnisch unsensibel, „was mag wohl der
riesenhafte Schwan mit seinem langen, dicken Hals zwischen den Beinen der Leda
anstellen?“
R1 trat näher an das Bild, prüfte die Nahtstelle der Leinwand, wo der Kopf der
Leda ausgeschnitten und wieder rekonstruiert worden war und fuhr mit dem Finger
den Ausschnitt entlang. „Wieso verknüpft man das Antike dieser Schwanszene mit
dem modernen Geist des Kopfabschneidens?“
„Im 20. Jahrhundert war es nur dem Besitzer erlaubt, die Bilder zu berühren.
Das Anfassen galt als Sakrileg und löste den Lärm von Alarmsirenen aus“, warf
der Präsident ein und fügte etwas pikiert hinzu: „Ich finde, Sie sollten die
Finger von meinem Kunstwerk lassen.“
Im Nebenraum polterte es prompt. Lyra hatte das Schwanenbild kalt gelassen und
war weitergewandert. Nun hielt sie den Hinterhereilenden eine Büchse hoch, die
sie aus einem Stapel gleichartig etikettierter Büchsen gezogen hatte.
„Hier steht ‘Kuhfurz’ drauf“, erheiterte sich Lyra.
Der Präsident nahm Lyra vorsichtig die Dose ab. „Dies ist ein typisches
Kunstwerk des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Es heißt ‘hundert Kuhfürze’ und
wurde von dem berühmten Künstler ‘Wurmhutz’ erdacht. Jede Büchse enthält einen
Kuhfurz und eine Meßsonde, die den Methangehalt des Furzes im Inneren des
Blechs anzeigt.“
„Was soll das? Ist das sinnvoll?“ fragte Leda irritiert.
„So stellt sich die Frage nicht“, bedachte der Präsident, „ob die Kunst eines
Sinns bedarf, war im 20. Jahrhundert streitig. Alle Kunsttheorien des
beginnenden Wissenschaftszeitalters widersprachen sich, sie waren sich
lediglich in einem einzigen entscheidenden Punkt einig, es bestand das
kategorische Verbot, das Schöne oder das Gute im Kunstwerk zu thematisieren.
Nur wer dieses Tabu beachtete, durfte sich moderner Künstler nennen.“
„Nun“, resümierte Leda, „immerhin ist dieses kategorische Verbot bis in die
Gegenwart durchgehalten worden. Das Schöne und das Gute zählen bis heute
nicht, insoweit ist die Moderne ohne Zweifel als erfolgreichste Stilrichtung
aller Zeiten zu bezeichnen. Die Abschaffung der Kunst selber hätte nicht
stilbildender auf das Selbstverständnis der menschlichen Gesellschaft wirken
können.“
„Prost“, kommentierte Lyra den Vortrag, hatte schon wieder eine Konserve in die
Hand genommen und zog an dem Verschluß, bis es knackte, um die entstandene
Öffnung zu beriechen.
„Heißt Kuhfurz und ist Kuhfurz“, stellte Lyra sachlich fest, „wo ist das
Geheimnis?“
„Die Dumpfbacke hat das Kunstwerk vernichtet“, entgeisterte sich der Präsident.
„Was macht das schon, Sie haben doch noch 99 andere Büchsen“, suchte R1 den
Präsidenten zu beschwichtigen.
„Verstehen Sie nicht, das Kunstwerk heißt ‘100 Kuhfürze’, nicht 99 davon?!“ Der
Präsident schlug sich mit der von ihm gehaltenen Konservendose auf die Stirn.
„Ich glaube, ich bereue bereits ein bißchen, daß ich Leute wie Sie zu mir
eingeladen habe, meinen Kunstsinn mit Ihnen zu teilen. Bei Ihnen ist das
zwecklos.“
„Sie haben Recht, Exzellenz, das Kunstwerk ist vernichtet, der Kuhfurz ist
weg“, korrigierte sich R1, „verzeihen Sie.“
Lyra stellte schuldbewußt ihre angebrochene Büchse mit aller Vorsicht in den
Stapel zurück.
„Ich muß pissen“, äußerte sich der Präsident ausfallend, ließ seine
Konservendose fallen und betrat die Toilette.
R1 folgte ihm.
„Wieso müssen Sie mir auch noch aufs Klo folgen?“ zeigte sich der Präsident ein
wenig überrascht. „Wir sind im Herrenklo! Sagen Sie mal, Sie haben doch nicht
etwa da unten...verstehen Sie, was ich
meine?
„Exzellenz, ich bitte Sie, Sie glauben doch nicht im ernst, ich hätte da unten
einen Schwanenhals“, gab sich R1 etwas distinguiert ob der unzulässigen Frage.
„Ist das witzig“, brach es lachend aus dem Präsidenten heraus, „ist das komisch
- einen Schwanenhals...!“
Der Präsident lachte noch immer, als R1 ihm mit ihrer Druckpistole in den
Nacken schoß und auf die Knie zwang. Langsam öffnete sie ihren Mund zum
Riesenmaul und klammerte mit einem Riesenbiß den Kopf von seiner Exzellenz.
„Bist du jetzt völlig durchgedreht?“ funkte Leda in die Aktion, „krieg’ dich
wieder ein, du bist außer Kontrolle.“
„Ich hab’s getan“, jubelte R1, „er blutet; ich mußte es tun, ich konnte nicht
anders, und ich fühle mich gut bei meiner Arbeit.“
„Komm Lyra!“ zog Leda ihre Gefährtin von dem Büchsenkunstwerk weg, „geh Ridika
hinterher und helfe ihr das Blut aufwischen. Es dürfen keine Spuren übrig
bleiben.“
Leda lächelte gelöst, begab sich zu Correggios Leda zurück und betrachtete das
Werk versunken.
„Wir sind Technokraten“, funkte Leda, „wir werden bis ans Ende gehen. Sauge ihn
aus. Mach es richtig und gut, aber so, daß es keiner merkt. Mach ihn zur
Marionette, aber nicht zum Idioten.“
„Ich sauge ihn vollständig aus und programmiere ihn um“, funkte R1, „er wird
mein Meisterwerk. Meine posthypnotischen Befehle werden ihn gefügig machen.“
R1 legte den ohnmächtigen Präsidenten ab. Lyra wischte mit Klopapier das Blut
von seinem Mund und vom Boden. „Schwachkopf, Schwachkopf“, murmelte sie und
wandte sich an R1: „Er soll mir nicht ähnlich werden. Ich will nicht, daß er
etwas von mir bekommt.“
„Das würde ich dir nicht antun“, beruhigte sie R1 und schüttelte den
Präsidenten wieder zu Bewußtsein.
„Was ist los mit mir?“ artikulierte sich der Präsident benommen.
„Sie hatten einen Schwächeanfall, Exzellenz.“
R1 half dem Ausgesaugten auf. „Sie haben sich eingepißt, Exzellenz, das tut uns
jetzt aber wirklich leid. Sie sollten niemandem von ihrer Schwäche berichten.
Wir müssen auf ihr Image achten.“
„Wir beschützen Sie“, sagte Lyra, stützte mit R1 den Präsidenten, der wankenden
Schritts in den Saal zu Leda zurückkehrte.
„Wo waren wir stehengeblieben? Ich erinnere mich nicht“, fragte der Präsident
und machte überhaupt keinen souveränen Eindruck mehr.
„Wir waren bei der Theorie des Küssens“, erinnerte sich Leda.
„Nach meiner Theorie versuchten sich die Menschen im 20. Jahrhundert
gegenseitig das Gehirn auszusaugen, wenn sie küßten, aber sie hatten noch nicht
die geeigneten Mittel dazu“, behauptete R1.
„Ich liebe Sie“, sagte der Präsident blöde.
„Wir sind Ihre Diener“, sprach Leda, „verfügen Sie über uns, Exzellenz, geben
Sie uns die neue Aufgabe, beim Solotan-Konzern die Einhaltung der
Vertragsbestimmungen zu überprüfen. Wir wollen in der Welthauptstadt dabei
sein, wenn Sie zum Solotangott werden. Wir wollen Ihnen auf dem Weg zum
Solotangott nützlich sein.“
„Ich will Solotangott sein“, blödelte der Präsident.
„Ich sagte unauffällig“, funkte Leda, „du solltest in jedem Falle vermeiden,
aus ihm einen Idioten zu machen. Du hast gepfuscht.“
„Findest du? Ich denke, er ist sich selbst jetzt ähnlicher als vorher“, funkte
R1.
„Wir müssen ihn nachbessern“, entschied Leda, „der Generalstab kommt uns doch
sofort auf die Schliche, wenn wir ihn nicht wieder hinkriegen.“
„Ich guck nachher noch mal in sein
Gehirn rein, wenn es dich beruhigt. Der wird schon wieder, beschwer dich
nicht“, funkte R1, „und im übrigen bist du schuld. Wenn du dich dem Präsidenten
gegenüber nicht immer wie eine dumme Gans benommen hättest, hätte ich es nicht
nötig gehabt, ihn auszusaugen. Klar haben sich alle beim Präsidenten eingeschleimt,
weil’s üblich ist. Aber bei dir hatte man stets den Eindruck, du würdest es
nicht aus bloßem Opportunismus tun, nicht aus reinem Kalkül, dir einen kleinen
Vorteil zu ergattern. Bei dir hatte man das Gefühl, du könntest gar nicht
anders, du wärst von deinem Chef beherrscht.“
„So bin ich gebaut; ich bin auf die Art funktionalisiert. Ich kann es mir nicht
aussuchen.“
„Es kann nicht sein, daß meine Meisterin von einem anderen Tier beherrscht
wird, von einem Affen über ihr, von einem Oberaffen.“
„Und nun ist die Situation gänzlich verfahren. Der Präsident beherrscht mich,
ich beherrsche dich, und du beherrschst den idiotischen Präsidenten.“
„Ich bin frei“, entgegnete R1.
„Der Präsident stinkt“, mischte sich Lyra in die unhörbare Unterhaltung, „der
Präsident muß die Hose wechseln.“
„Uns bleibt nichts erspart“, klagte Leda, „benehmt euch bloß unauffällig.“
„Zum Glück sind die Blechroboter hier einfach zu dämlich, um was zu merken“,
lachte R1, während sie, an den Maschinen vorbei, den Wohntrakt des Präsidentenpalastes
betraten, „zur Not programmieren wir die auch noch um.“
(2) Weiterer Auszug Teil I, S. 17-19
(3) Weiterer Auszug Teil II, S. 44-45