Missglückte Welt (2006)

 

 

Kultur und Wahnsinn

 

Ayaan Hirsi Ali, die von einem wahnsinnigen Ritual kastriert worden ist, das man in anderen Gegenden eine angemessene kulturelle Praxis nennt, ohne dass deswegen darunter die Betroffenen weniger zu  leiden haben, ist Spezialistin für einen aufgeklärten Umgang mit kulturellen Irrtümern. So erkannte sie zutreffend, dass der Islam ein religiöser Irrtum sei und der radikale Islamismus nur ein Dreckhaufen, mit dem man als aufgeklärter Mensch nicht leben kann  - genau so wenig wie man mit der christlichen Religion des 15./16. Jahrhunderts als aufgeklärter Mensch im Angesicht des Aberglaubens leben könnte, der Ketzer und Hexen verbrennen ließ und einer kulturellen Praxis der Lebens- und Sexualfeindlichkeit huldigte, die die Menschen in den Wahnsinn trieb. Religion kann eine Existenzberechtigung nur zugestanden werden, insoweit sie sich den Erfordernissen einer aufgeklärten säkularen Lebenspraxis unterwirft, die ihre eigene Rationalität hat und keine allgemeinverbindliche religiöse Vorschrift duldet.

 

Schon Freud durchschaute, dass Kultur auf das Individuum gleich einem feindlichen Wahn wirken konnte, der seine Individualität unterdrückt. Nietzsche hingegen bemerkte, dass selbst unsere Vernunft, die kritisch allen Aberglauben auszumerzen trachtet, ein besonderer nihilistischer Wahn sein könnte, jeglichen Sinn aus der Welt zu tilgen, der dem Leben eine Bedeutung verleihen könnte. Womit die Vernunft sich selbst jeglichen Bezugspunkts zu berauben imstande ist, der auch  ihr selber eine Bedeutung zugewiesen hätte.

 

Denken und Sein

 

Philosophie befasst sich mit dem Teil des Erkenntnisvermögens, das man Denken nennt. Das heißt, ihr Gegenstand ist nur das, was man in der Welt betrachten und messen kann, nachdem es Gedanke geworden ist.  Philosophie zeigt also immer das Subjekt in der Welt und bringt seine Hervorbringungen auf den Begriff. Die Kunst hingegen bringt die Hervorbringungen des Subjekts auf eine sinnliche Anschauung. Die Synthese von Begriff und Anschauung aber ist keine bloße Wissenschaft, sondern das Leben in seiner spezifischen Ausprägung als menschlich.

 

Die Kunst setzt ihre entscheidenden Akzente, wo die instrumentelle Vernunft versagt und eine Bedeutung nicht mehr vermitteln kann. Der nicht hintergehbare Sinn, die letzte entscheidende Instanz, vermittelt sich in der individuellen Besonderheit und nicht in einem Allgemeinen als Abstraktion vom lebendigen Subjekt. So wie die Wissenschaft die Tatsachen misst, so ist aller Sinn dem zuzumessen, das alleinige Instanz der Sinnhervorbringung ist. Nur das Individuum bringt Bedeutung hervor, und Sinn ist der lebendige Zusammenhang, in dem die Bedeutung steht.

 

Mythos Freiheit

 

Freiheit in Form von Willensfreiheit ist der als Letztes zerplatzte Mythos der Aufklärung. Mit diesem Mythos zerfällt die aufgeklärte Weltkonstruktion, der Angelpunkt, der dem Ichgefühl Selbstgewissheit, Sinn, Verantwortung und Wahrhaftigkeit gegeben hat. Das autonome Ich, das selbstbewusst die Welt regieren sollte, wird zur Marionette des Gehirns degradiert, zur Marionette des Feuers unbewusster Neuronenregungen.

Wahrscheinlich hatte Nietzsche mit dem „Willen zur Macht“[1], der ja eigentlich kein Wille zur Wahrheit oder gar zum Dasein sei, eine Konstruktion des Willens gemeint, die ohne innere Freiheitsidee auskommt. Freiheit ist nur noch der Anspruch auf ungestörte Verwirklichung dessen in der Welt, was sich als Willen verfestigt hat, nachdem es im Subjekt bewusst zutage trat. Freiheit ist also, wenn sich das Subjekt mit der Welt in Übereinstimmung sieht; aus sich selbst heraus ist der Wille hingegen das undurchschaute Ergebnis eines triebhaft unbewussten Bildungsprozesses. Dort, wo der Wille sich mit der Welt einig weiß, ist er frei als Wille zur Macht. Die Intendiertheit des Willens ist damit lediglich  als das undurchschaubare Resultat dessen identifizierbar, was in dem Subjekt  als Sinnhaftigkeit der Welt und des Ichs erscheint, indem das Gehirn allen Dingen der Ichwelt und der Außenwelt eine Bedeutung gibt. Macht ist das Potential des Gehirns zur Bedeutung zu kommen, also das Ichpotenzial als Interpretationsvermögen.

Das Subjekt gibt den Dingen Bedeutung. Mit ihrer Bedeutung werden ihm die Dinge erkennbar, und somit erscheinen ihm die Dinge nicht nur als existent oder nichtexistent, sondern  in den Erscheinungen bemisst das Subjekt gleichermaßen, wie es selbst und wie die Dinge sein sollen. 

Nietzsche sah in seinem Willen zur Macht eine Art Urkraft. Ich sehe darin ein Bedeutungsvermögen.  Dieses Vermögen setzte Nietzsche mit Wahnsinn und Vernunft in eins, es kann sowohl lebensbejahend als auch weltverneinend sein, nihilistisch und schöpferisch.

 

Dass wir den Willen zur Macht (den Willen zur Bedeutung) irgendwie für eine gewalttätige Sauerei halten, wäre danach nur das Resultat einer missglückten Gesellschaft, von der wir nichts Gutes mehr erwarten dürfen, beziehungsweise, in der wir von den Mitmenschen in Wahnsinn und Vernunft nichts Gutes mehr erwarten dürfen.

 

Mythos Vernunft

 

Man kann sagen, dass der Mythos der Moderne die Vernunft war. Man hat Gott abgeschafft, um Vernunft als ein allgemeines Prinzip an seine Stelle zu setzen. Statt eines Gottes als Gesetzgeber macht sich der Mensch selbst zum Chef. Dass jemand, der seine Vernunft absolut setzt, sich damit selbst vergöttlichen könnte, diese postmodernen Erkenntnis  dürfte wohl inzwischen niemand mehr entgangen sein. Aber schon Kant hatte im Grunde gesehen, dass es mit der Vernunft sowohl in Theorie und sittlicher Praxis[2], als auch im konkreten Urteil, also in der Entscheidung des selbstbewussten Subjekts, wohl nichts werden wird und dass deshalb daneben der Idee der Freiheit eine Konsensidee an die Seite gestellt werden muss. Der Konsens ist die Idee einer Beistimmung aller, also eine Vertragsidee, wonach  jedermann einstimmen können muss, damit sie allgemeine Gültigkeit haben kann. Übrig geblieben ist von der Vernunftidee wohl nur noch der Restbestand, dass Handlungen mit denen Herrschaft ausgeübt werden kann, zumindest im Prinzip für jedermann zustimmungsfähig sein müssen. Vernünftig ist etwas, wenn es im Allgemeinen als zustimmungsfähig anerkannt wird, bevor man im Besonderen weiß, ob es einem persönlich im Konkreten zum eigenen Nachteil  betrifft.

 

Fortschritt als Massenbetrug

 

Im Ökonomismus entlarvt sich die totalitäre Struktur des modernen Kapitalismus als Nihilismus. Das Wirtschaftssystem war in jeder Kultur ein Mittel zum Zweck. Am Beginn der Moderne hatte die Marktwirtschaft die Funktion,  der Leistung der innovativen Subjekte, der Ideengeber, durch eine koordinierende Organisation der Interessen mehr Effizienz zu geben, um den menschlichen Subjekten, der einzig sinngebenden Instanz des Planeten, die wir kennen, nützlich zu sein.  Im Fortgang des technologisch angetriebenen Wirtschaftsgeschehens, das sich immer mehr der sozialen Kontrolle der ihr Unterworfenen  entzieht, wird das ökonomische System zum Selbstzweck stilisiert, um der herrschenden Klasse der Regierenden in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die Rechenschaftspflicht für ihr Tun gegenüber der Gesellschaft der Mitmenschen zu erlassen und ihre Allmacht als nicht hinterfragbar und quasi naturgegeben zu sakralisieren. 

 

Horkheimer und Adorno hatten erkannt, an welchem Punkt Aufklärung zum Massenbetrug wird[3], also wo die Ökonomie zur Fassade wird, hinter der sich die Ausbeutungspraxis zum Ausverkauf der Kultur verselbständigt hat. Aufklärung wird zum Massenbetrug, wo der manipulierende Wille die Freiheitsidee pervertiert. Die einstigen Brüder und Mitmenschen werden als bloße Objekte unter die Erfordernisse des Wirtschaftsbetriebs gestellt und auf eine Existenz als Konsumfetischisten und Lohnabhängige reduziert, falls man sie nicht gar als unnützen Menschenüberschuss aussortiert und weggeworfen hat.

Die Selbstvergöttlichung des Individuums als Herrscher ist der Punkt, an dem alle emanzipatorischen Impulse der Aufklärung in Barbarei umschlagen, wo die Freiheit des Marktes sich ihres innovativen Elements, den Menschen zu nützen, entledigt, um reiner Kapitalismus zu werden, der sich von allen kulturellen Bindungen gelöst hat, um sich als globale Allmacht des Geldes zu verabsolutieren.

 

Ökonomismus entlarvt sich  in der überstaatlichen Manier des sich selbst genügenden Kapitalismus, der als höchsten Selbstzweck der Selbstkapitalisierung die Währungsspekulation zur innovativen Speerspitze der Produktivität erklärt.

Denn das ist die höchste Verhöhnung der Freiheit, wenn eine Handvoll Währungsspekulanten und globalisierter Weltkapitalisten unkontrolliert ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben können und Armeen von Arbeitern und Angestellten wegrationalisieren, während den ohnmächtigen, jeglicher gesicherten Lebensperspektive beraubten,  kleinen Leuten im gleichen Atemzuge die Sozialversicherung gekürzt wird, und ihnen zeitgleich einredet wird, diesen Sozialabbau als ihre Freiheit zu deuten, die ihnen die Gelegenheit gibt, in ihrem geistigen und materiellen Elend mehr Selbstverantwortung zu zeigen.

 

 

Das Ende der westlichen Vorherrschaft

 

Werden diese ungeheuerlichen Schläge gegen das Selbstverständnis der westlichen Zivilisation unsere Kultur und Lebensweise zerstören?

 

Der kulturfeindliche, selbstzerstörerische Impuls des krisenhaften Kapitalismus, der ehemals die Herausbildung der totalitären Ideologien begünstigte, wird die westliche Zivilisation ein weiteres Mal empfindlich – möglicherweise diesmal irreparabel - schwächen. Für diese Schwäche wird bezahlt werden - mit einer unsäglichen Reprimitivierung der gesellschaftlichen Subjekte, wirtschaftlichem Abstieg, Krieg, Bürgerkrieg und Terror. Wer am Ende die Trümmer einsammeln wird, ist noch nicht ausgemacht.

 

Ich prognostiziere eine große Leidenszeit.

 

 

 

 



[1]  In seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ formulierte Nietzsche den Gedanken vom "Willen zur Macht" als einer lebensbejahenden "dionysischen" Schöpfungsenergie, die die Welt bewegt.

[2]  Kant konstatierte, dass die menschliche Vernunft keinen direkten Zugang auf das Ganze und die „Dinge an sich“ hat. Er teilte die menschliche Vernunft in theoretische Vernunft, praktische Vernunft und Urteilskraft. In seiner Philosophie wird somit der „reinen Vernunft“ nur ein regulativer Charakter im Zugriff auf die Wirklichkeit zuerkannt. In seiner Vernunftethik der „Kritik der praktischen Vernunft“ entwickelte Kant den sittlichen Grundsatz eines von einem freien Willen geleiteten kategorischen Imperativs: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Subjektive Willensbestimmungen des Begehrungsvermögens haben empirischen Charakter, denn ihr Entstehungsgrund ist das gesuchte subjektive Verhältnis zum Gegenstand der Wirklichkeit. Nach Maßgabe dieser Willensbestimmungen ist es nicht möglich, eine für jeden gültige Verpflichtung in Form eines allgemeinen Gesetzes herzustellen. Praktische allgemeingültige Gesetze der reinen Vernunft, deren objektive Notwendigkeit a priori erkannt wird, können sich daher allein auf eine bloß formale Willensbestimmung beziehen. 

Wie Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ feststellten, scheiterte die Morallehre Kants, die der als Aberglaube geschwächten Religionslehre eine Vernunftmoral entgegenzustellen suchte, in der jedermann einem allgemeinen Prinzip zustimmen solle, insoweit das Selbstinteresse der Subjekte dieser Lehre entgegen steht, denn die Imperative folgen keiner wissenschaftlichen Vernunft und können damit keine objektive gesetzmäßige Gültigkeit beanspruchen. Sie bleiben vom Aberglauben behaftete Wunschvorstellungen.  Meiner Ansicht nach wird nach Kants Sittenlehre in realistischer Betrachtung der gesellschaftlichen Zustände die ethische Verpflichtung zur bloßen Übereinkunft einer Allgemeingültigkeit, als würde man einen Gesellschaftsvertrag schließen.

[3] Vgl. Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Kapitel 4, Aufklärung als Massenbetrug, Frankfurt am Main, 1969

 

 

 

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