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| Die Gnade Osama Bin Ladens ist grenzenlos |
| Während in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Globalisierer und größenwahnsinnige Unternehmer Osama Bin Laden als Reinkarnation Mohammeds den heiligen Krieg und die Errichtung der Weltherrschaft des Islamismus plante, beschäftigte sich die Literatur des Westens mit dem Abfackeln von Hochhäusern durch Rammstöße per Flugzeug und mit der Philosophie des terroristischen Selbstmords (natürlich aus streng westlicher Sicht). |
(Anmerkungen zu einer Erzählung mit dem Titel: R1 (Hirnficker)
Teil I What's Going Wrong in Paradise?
Teil II -Solotan-)
Zu den seltsamsten Blüten der Literatur gehören vorsätzlich konstruierte Mißerfolge, also Literatur, die mutwillig als Mißerfolg konzipiert wurde, um daraus einen Erkenntnisgewinn zu produzieren.
Beispielsweise die Erzählung des Jahres 1997 'R1 (Hirnficker)' , eine Satire im Stil trivialer Science-Fiction-Romane, die konsequent einen terroristischen Standpunkt gegen die Lebenswelt der 'Technischen Moderne' einnimmt.
In seinem Vorwort beginnt der Autor der Erzählung mit einer Einführung in den Mißerfolg. Anschließend hält er in Gestalt des 'Präsidenten aller Geheimdienste' einen großen Monolog über Gott, die Welt und Hitler.
In den beiden Hauptteilen dreht sich die Geschichte vordergründig um die Suche nach einem Saboteur, der eine Genbank für die Züchtung von Elitemenschen zerstört hat; vielmehr aber geht es um den Zerfall der Gesellschaft im Terror der Mächte, die um die Weltherrschaft kämpfen.
Hauptperson ist die Geheimagentin 'Leda' an der Seite eines Ungeheuers 'R1'. Beide reisen durch die kulturell verwestlichte Welt, zwischen Himmel und Hölle - und hinterlassen auf ihrem Weg eine Spur der Verwüstung, um am Ende in Selbstmord und Selbstvergöttlichung unterzugehen.
Die Haupttechnik der Geheimdienstler bei der Verfolgung ihrer Gegner ist das Aussaugen der Gehirne, um an Informationen zu gelangen, bzw. um die Opfer - bis hin zum Selbstmord - gefügig zu machen.
Ansonsten ist die Vorgehensweise der Protagonisten auf konventionelle Weise terroristisch bzw. vernichterisch. Textbeispiel:
Die Solotankrieger hatten ein Blutbad unter den Verteidigern und den Besuchern des Etablissements angerichtet. Ihnen war es darum gegangen, möglichst keinen zu verschonen...Polizeiflugschrauber landeten. Einige Roboter durchkämmten das Gebiet nach Überlebenden, andere begannen sogleich die Toten einzusammeln und Schicht für Schicht auf einen Haufen zusammenzutragen. Die Verwundeten kamen auf einen wesentlich kleineren Haufen daneben. (Teil I, Seite 21)
Ledas Reflexion hierzu:"Es ist das Privileg der Solotangötter, einen noch gewaltigeren Blutdurst zu befriedigen, als ihn der Präsident des Landes oder einer seiner Geheimdienste je verspüren würden." (Teil I, Seite 21)
Im zweiten Teil handelt die Erzählung die Philosphie des Terrors ab:
(R1:)"Wir sind der institutionalisierte Terror gewesen. Irgendwann bist du satt, willst du, daß Schluß ist."
(Leda:) "Ich bin nicht satt, ich bin hungrig. Ich will mehr. Ich will, daß kein Stein auf dem anderen bleibt...Wenn ich sage: alles in die Luft sprengen...so meine ich Aufopferungswillen, Pflichterfüllung, Einsatzfreude, so gebe ich der Welt ein schönes Geschenk, eine schöne Idee, eine substantiierte Erkenntnis, eine schöne Explosion, weil ich menschenfreundlich bin." (Teil II, Seite 37)
Nichts erwarten die Helden sehnlicher als den Selbstmord:
(R1:) "Ich repräsentiere das Gegenteil aller glorreichen Ideen von Glück, Unendlichkeit, Vollkommenheit, als wäre ich die andere Seite der Medaille. Ich bringe das Unglück, das Ende, die Häßlichkeit. Ich bin der Vernichter...Morgen werden wir uns ins Vakuum sprengen, und es wird gut sein..." (T.II,S.44) (R1:) "Es ist aus. Definitiv. Ich aktiviere meinen Fusionsreaktor. Ich wandele ihn zur Zeitbombe um und sprenge uns mit allem in die Luft." (T.II,S.51) (Leda:) "Saug mich aus und programmiere mich auf Selbstzerstörung! Ohnehin fühle ich mich in deinem Gehirn lange schon heimisch." (T.II,S.51)
Die Terrorpraxis der Erzählung wartet mit zum Teil - zu seiner Zeit - kurios anmutenden Einzelheiten auf: von der Biowaffe, über das Rammen von Hochhäusern per Flugzeug, bis zur Messerattacke wird nichts ausgelassen.
So sind Messerattacke und Rammstoß per Flugzeug die logische Konsequenz der Sicherheitsmaßnahmen in der Welthauptstadt.
(Argus Flugkontrollstation:) "Sie wissen, daß die Hauptstadt neutrale Zone ist. Sie dürfen bei der Einreise keine schweren Waffen mit sich führen, in den Verhandlungsräumen dürfen auch keine Handfeuerwaffen getragen werden." (T.II,S.36)
Die Piloten lassen sich davon nicht aufhalten:
Der Solotanjäger knallte mit Getöse gegen das Dach eines tieferliegenden Gebäudes, segelte wieder hoch und schrammte ein weiteres Haus, das Feuer fing...Leda schloß die Kabinentür, denn R1 wurde wild, machte eine Kehrtwendung und rammte seitwärts ins oberste Stockwerk der Solotanzentrale, krachte in einer Wolke aus Staub, Stahl, Plastik, Glas in die Haupthalle und brach zur anderen Seite wieder aus dem Palast heraus."...
"Hallo Argus, wir genießen diplomatische Immunität", beschwerte sich R1 dreist über die vorbeizischenden Feuerwaffen, "das ist illegal, wir sind unbewaffnet. Feuer einstellen!" "Ihr Arschlöcher, wir werden einem wie dem anderen von euch den Hintern rösten", meldete der Argus-Kontrollturm. Hinter ihnen gab der Solotankrieger die Verfolgung auf, kippte zum Kontrollgebäude ab und durchtrennte mit mächtigem Drive den Arguskopf vom Rest des Turms...(T.II,S.47)
Der Blick zurück auf die Welthauptstadt:
Hinter der Leda-Truppe leuchtete das große Panorama der berühmten Megakunstobjekte, die im Solotankampf im halben Dutzend abgefackelt worden waren. "Abflug auf den Punkt!" begeisterte sich Circe... (T.II,S.47)
Nun liegen die Ähnlichkeiten der Autorenfantasie des Jahres 1997 mit den wahren Geschehnissen vom September 2001 nicht im Metaphysischen begründet, sondern in der Logik des Terrorgedankens. Die Terroristen taten das, was Hollywood in seinen apokalyptischen Katastrophenfilmen ahnte und jeder Knecht der Fantasie in seinen hypothetischen Überlegungen erkennen mußte, wenn er sich irgendwie ernsthaft mit der Thematik befassen wollte.
Doch gibt es einen Unterschied zwischen dem Denken Osama Bin Ladens und den Fantasien des Autors der Erzählung: Osama Bin Laden will den Sieg und das Gottesreich. Sein Terror ist Idealismus. Der Autor hingegen erkennt im Terror nur die Psychologie des Untergangs. In einem Satz: "Gebe deiner Hoffnung eine Abfallgrube." (T.I,S.31) Er sieht in der Unbezwingbarkeit des Terrors nur die Niederlage und die Hoffnungslosigkeit:
'Folge der göttlichen Ordnung!' stand als Wegzeichen an der Wand... (Stimme:) "Sei das Glück dieser Welt (oder verweigere dich:) ...Wenn du den rechten Hebel ziehst, muß die Welt untergehen. Entscheide dich."
(Helena:) "Also der rechte Hebel ist der Weltuntergang!? Dieses Ding muß wohl Größe haben." (T.II,S.55)
Der Autor glaubt - wir ahnen es - an gar nichts, seine Logik des Terrors ist der Weltuntergang; seine Wahrheit ist in letzter Konsequenz nur nihilistisch, und gegen diesen Nihilismus scheint die Gnade Osama Bin Ladens grenzenlos zu sein.
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