Das Ende der Orientierungslosigkeit
Der Sackgasse entkommen
1. Marktwirtschaft und Demokratie
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Wieviel Markt hält die Demokratie aus? Noch bis vor wenigen
Jahren schien es müßig, dieser Frage nachzugehen. Schließlich
waren es die demokratischen Gesellschaften des Westens, in
denen die Marktwirtschaft zusehends mehr Menschen ein Leben
ohne große materielle Sorgen ermöglichte. Markt plus
Demokratie, so lautete die Siegerformel, die am Ende die
Parteidiktaturen des Ostens in die Knie zwang.

Doch das Ende der kommunistischen Regime markierte
eben nicht das Ende der Geschichte, sondern die ungeheure
Beschleunigung der gesellschaftlichen Veränderungen. Gut
eine Milliarde Menschen sind seitdem zusätzlich in die Sphäre
der Weltmarkt-Ökonomie integriert worden, und die
Verflechtung der nationalen Volkswirtschaften kam erst richtig in
Fahrt. Nun aber wird immer deutlicher sichtbar, was schon die
Begründer der Wohlfahrtsstaaten der Nachkriegszeit aus bitterer
Erfahrung gelernt hatten: Marktwirtschaft und Demokratie
sind keineswegs unzertrennliche Blutsbrüder, die einträchtig
den Wohlstand für alle nähren. Vielmehr stehen die beiden
zentralen Leitbilder der alten Industrienationen des Westens
fortwährend im Widerspruch zueinander.
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2. Zweigeteilter Individualismus in der Wohlstandsgesellschaft
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Eine demokratisch verfaßte Gesellschaft ist nur dann stabil,
wenn die Wähler spüren und wissen, daß die Rechte und Interessen
eines jeden zählen, nicht nur die der wirtschaftlich Überlegenen.
Demokratische Politiker müssen daher auf den sozialen
Ausgleich dringen und die Freiheit des einzelnen zugunsten
des Gemeinwohls beschneiden. Gleichzeitig bedarf aber die
Marktökonomie unbedingt der unternehmerischen Freiheit,
wenn sie prosperieren soll. Erst die Aussicht auf den individuellen
Gewinn setzt jene Kräfte frei, die durch Innovationen und
Investitionen neuen Reichtum schaffen. Unternehmer und
Aktionäre versuchen deshalb seit je, das Recht der (Kapital-)
Starken durchzusetzen. Die große Leistung der westlichen
Nachkriegspolitik bestand in dem gelungenen Versuch, zwischen
diesen beiden Polen die richtige Balance zu finden.
Nichts anderes steht hinter der Idee der sozialen Marktwirtschaft,
die den Westdeutschen vier Jahrzehnte lang Stabilität
und Frieden sicherte.

Doch dieses Gleichgewicht geht jetzt verloren. Der Verfall
der staatlichen Lenkungsmöglichkeiten im Weltmarkt läßt das
Pendel immer weiter zugunsten der Starken ausschlagen. Mit
erstaunlicher Ignoranz werfen die Ingenieure der neuen
Globalökonomie die Einsichten der Begründer ihres Erfolges über
Bord. Anhaltende Lohnsenkungen, längere Arbeitszeiten,
gekürzte Sozialleistungen, in den Vereinigten Staaten gar der
vollständige Verzicht auf ein Sozialsystem sollen die Völker
»fit machen« für den globalen Wettbewerb. Den meisten
Konzernlenkern und liberalen Wirtschaftspolitikern gilt jeder
Widerstand gegen dieses Programm nur als nutzloser Versuch,
einen Status quo zu verteidigen, der nicht zu halten ist. Die
Globalisierung sei unaufhaltsam, sagen sie, vergleichbar nur
der industriellen Revolution. Wer sich ihr entgegenstelle, werde
am Ende untergehen wie die Maschinenstürmer im England des
19. Jahrhunderts. |313|

3. Vorwärts in die dreißiger Jahre?
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