Wem gehört der Staat?
Markt ohne Staat
1. Der drohende nationale Reflex
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Dieses System muß scheitern. Es bedarf keiner Prophetie, um
vorherzusehen, daß mit dem Räte-Prinzip der Minister der
Reformstau binnen weniger Jahre unerträgliche Ausmaße annehmen
wird. Je größer die sozialen Spannungen in Frankreich,
Italien, Österreich, Deutschland und anderswo werden, um so
stärker werden sich die Regierungen gezwungen sehen, nationale
Notlösungen zu finden, wenn die EU ihnen keine Perspektive
bietet. Die Schwäche des Europas der Regierungen bereitet
all jenen Populisten den Weg, die ihren Wählern versprechen,
die Politik ließe sich wieder renationalisieren. Auch wenn Propheten
der nationalen Wiedergeburt wie
Jean-Marie LePen,
Jörg Haider oder
Gianfranco Fini nicht die parlamentarische
Mehrheit erobern, werden sie die regierenden Parteien erheblich
unter Druck setzen. Der »nationale Reflex«, wie die EU-
Beamtenelite spöttisch den Widerstand gegen ihr Regime
nennt, wird immer schwerer zu kontrollieren sein, egal wie
irrational und ökonomisch unsinnig das Ausscheren aus dem
EU-Verband auch sein mag.
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2. Probleme der Währungs- und Wirtschaftsunion
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Spätestens mit der Währungsunion werden zwischen den
EU-Staaten Konflikte erwachsen, die mit der bisherigen
Verfassung der Union und ihrer Gesetzgebung im Hinterzimmer
unmöglich zu schlichten sind. Wenn etwa eines der beteiligten
Länder im Wettlauf um steigende Produktivität nicht mithalten
kann, gerät seine Wirtschaft unweigerlich in die Krise. Mit
der Abwertung der eigenen Währung können die einzelnen
Notenbanken solche Entwicklungen bisher noch dämpfen und
zumindest ihre Exportbetriebe stützen. Dieser Puffer entfällt
mit der Währungsunion. An seine Stelle werden Ausgleichszahlungen
treten müssen, mit denen die prosperierenden Länder
den notleidenden Regionen unter die Arme greifen. Innerhalb
der Staaten ist ein solcher Finanzausgleich längst gang
und gäbe. Aber wie sollten die Ministerräte das auf europäischer
Ebene organisieren? Ein Vermögenstransfer, der aus
Steuergeldern gespeist wird, ist ohne demokratische Legitimation,
ohne das breite Einverständnis der Bevölkerung, in den
reicheren Ländern niemals durchsetzbar. Dies wäre aber nur
herzustellen, wenn die Brüsseler Ratsentscheidungen ans Licht
der Öffentlichkeit gezerrt würden und die Wähler sicher sein
können, daß sie darauf mit dem Wahlzettel Einfluß nehmen
können. Erst dann wären die Möchtegern-Gesetzgeber in den
Ministerräten gezwungen, ihren Wählern etwa in Deutschland
zu erklären, warum ihnen das Wohl der Griechen nicht gleichgültig
sein kann. An dem gleichen Hindernis scheitert bisher
auch die Schaffung einer gemeinsamen Polizeibehörde. So
dringend das »europäische FBI«
(Helmut Kohl) gebraucht
wird, so unvorstellbar ist innerhalb des heutigen EU-Systems
eine mit exekutiven Befugnissen ausgestattete Polizeitruppe,
die europaweit ermittelt. Ohne die Kontrolle durch unabhängige
Gerichte und ein Parlament würde sie sich nur selbst in
mafiose Strukturen verstricken.

3. Demokratiedefizite in der EU und den Mitgliedsländern
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Schon in allernächster Zeit werden sich die EU-Regenten daher
der Frage stellen müssen, wie die Union eigentlich noch
funktionieren soll, die sie da schmieden, und wie sie zu
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demokratisieren ist. Anders als gemeinhin angenommen, liegt der
Schlüssel zur Öffnung Europas für seine Bürger aber am wenigsten
beim Europäischen Parlament in Straßburg. Schon
heute verfügen die 626 Euro-Abgeordneten theoretisch über
alle Rechte, die notwendig sind, um die bisherige Debattenrunde
in ein echtes demokratisches Kontroll- und Gesetzgebungsorgan
zu verwandeln. Sie könnten, wenn es dafür eine
Mehrheit gäbe, die EU-Kommission schon morgen entlassen.
Indem das Parlament den Haushalt und den Abschluß aller
internationalen Verträge blockiert, kann es auch den Ministerrat
zu Erfüllung jeder Forderung zwingen.
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Würden die Euro-Parlamentarier es mit ihrem Ruf nach einem demokratischen
Europa ernst meinen, wären sie ohne weiteres auch in der
Lage, die hierfür erforderlichen Kompetenzen einfach an sich
zu ziehen. Mit einer schlichten Begehung wäre von einem Tag
auf den anderen die Öffentlichkeit der Ministerratsrunden zu
erzwingen. Kein Minister würde es wagen, die mit bis zu einer
halben Million Stimmen gewählten Abgeordneten durch Polizisten
entfernen zu lassen. Mit dem demokratischen Elan der
Straßburger Parlamentarier ist es jedoch deshalb nicht so weit
her, weil auch ihre an die 100 Heimatparteien das europäische
Demokratieproblem nicht ernst nehmen. Darum läuft die
Mehrheit in Straßburg stets am Gängelband der nationalen
Regierungen, die im Konfliktfall klare Anweisungen für das
Abstimmungsverhalten geben.

4. Die Europäische Union als Staatenverbund
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Das Versagen der Straßburger Versammlung legt den Schluß
nahe, Europa sei noch nicht reif für die kontinentale Demokratie.
Die Union sei schließlich kein Staat, die Politik überwiegend
national orientiert, rechtfertigt Parlamentspräsident
Klaus Hänsch die Unterwerfung der Euro-Parlamentarier
unter das Diktat der Regierungsfürsten und spricht damit
sicher für die große Mehrheit seiner Kollegen. Auch das
Bundesverfassungsgericht argumentierte in seinem Urteil über den
Maastricht-Vertrag, die EU sei nur ein »Staatenverbund«,
dem ein »europäisches Staatsvolk« fehle. Darum seien es
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»zuvörderst die Staatsvölker der Mitgliedsstaaten, die über
die nationalen Parlamente die EU-Entscheidungen demokratisch
zu legitimieren haben«. Schon aus Mangel an einer
gemeinsamen Sprache werde es »einen breiten öffentlichen Diskurs
auf europäischer Ebene noch auf lange Sicht nicht geben«,
erläuterte Verfassungsrichter
Dieter Grimm. Mangels
wirklich europäischer politischer Kommunikation werde
jedes Euro-Parlament immer wieder »in nationale Partikel zerfallen«,
und darin liege auch »der fundamentale Unterschied
zur deutschen Reichsgründung« im vorigen Jahrhundert oder
zur Gründung der Vereinigten Staaten. Folglich bleibe vorerst
nur ein Ausweg: Die » beschleunigte Kompetenzabwanderung
von den Nationalstaaten zur EU« sei »zu bremsen«, die
einzelstaatlichen Parlamente brauchten »stärkeren Einfluß
auf die Positionen, die die Regierungen im Ministerrat
einnehmen«.

5. Mangelnde demokratische Dynamik
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Das klingt plausibel, doch die vorgeschlagene Lösung ist
keine. Denn Sprachenvielfalt hin, europäisches Staatsvolk her,
Märkte und Mächte sind in Westeuropa längst untrennbar
miteinander verwoben. Die eigentliche europäische Revolution
war die Herstellung des offenen Marktes, der die beteiligten
Länder auf Gedeih und Verderb aneinander schmiedet. Die
Währungsunion wird die gegenseitige Abhängigkeit noch einmal
verstärken. Wollen
Helmut Kohl und seine Partner ihre
Union handlungsfähig machen, wird ihnen darum nichts anderes
übrigbleiben, als selbst den ersten Schritt zu gehen. Zwei
Veränderungen würden ausreichen, den gesamten Entscheidungsprozeß
der EU vom Kopf auf die Füße zu stellen: Die
Räte müßten künftig mit qualifizierter Mehrheit entscheiden
können, wie es bisher nur in Detailfragen zulässig ist. Die
Gewichtung der Stimmen würde den kleineren Mitgliedsstaaten
ausreichend Einfluß sichern. Und die Minister müßten ihre
Gesetze in aller Öffentlichkeit beraten und beschließen. Sofort
würde europaweit eine demokratische Dynamik einsetzen, die
turbulent und widersprüchlich, aber nicht mehr aufzuhalten
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wäre. Plötzlich müßten sich die Deutschen damit auseinander-
setzen, daß das Elend der spanischen Jugend auch ihr Problem
ist. Dann erst würden die Niederländer erfahren, wie borniert
ihre Regierung das Recht heimischer Spediteure verteidigt,
einen endlosen Treck umweltschädlicher 40-Tonner über die
Autobahnen der Nachbarn zu schicken. Und alle gemeinsam
würden lernen, welche Finanzminister dafür verantwortlich
sind, daß Unternehmen und Vermögende kaum noch Steuern
zahlen. Binnen kurzem würden sich politische Allianzen nicht
mehr an Staatsgrenzen, sondern an Interessenlagen orientieren,
und der Aufstieg des Europarlaments zum Kraftzentrum
der europäischen Politik wäre nur eine Frage der Zeit. Daß
demokratische Prozesse auch europaweit möglich sind, erlebten
die EU-Bürger nach der Vertragsunterzeichnung in Maastricht.
Weil ausnahmsweise die Wähler in Frankreich und Dänemark
mitentscheiden durften, setzte im Vorlauf zu den beiden
Referenden eine wahrhaft europäische Debatte ein, die bis
heute anhält. Wo immer sich politisch denkende EU-Bürger
verschiedener Nationalität begegnen, haben sie seitdem ein
gemeinsames Thema, dessen Für und Wider sie erörtern können,
weil auch ihre Regierungspolitiker gezwungen waren, ihr
Vorhaben öffentlich zu rechtfertigen.

6. Britische Sabotage an Europa
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Schon im Vorlauf zu einer demokratischen EU-Reform
müßte allerdings die andere prinzipielle Zukunftsfrage der
Union beantwortet werden: die nach der Mitgliedschaft
Großbritanniens. In der bisherigen Geschichte der europäischen
Integration haben die Regierungen des Vereinigten Königreichs
eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Sie blockierten jeden Fortschritt
im Umweltschutz, insbesondere die europaweite
Einführung einer Ökosteuer auf den Energieverbrauch. Am britischen
Widerstand scheiterten alle Anläufe, die Sozialpolitik
der Mitgliedsländer einander anzunähern. Britannien widersetzt
sich einer gemeinsamen Außenpolitik der Union ebenso
wie einem Handelsregime, das auch die Interessen der Arbeitnehmer
schützt. Die Bändigung der Finanzmärkte ist mit den
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Sachwaltern der Londoner City schon gar nicht zu machen.
Ihren Gipfel erreichte die britische Sabotage an Europa im Juni
1996, als Premier
John Major in Antwort auf das Exportverbot
für BSE-verseuchtes Rindfleisch mit der Blockade aller
anstehenden Entscheidungen die ganze EU-Maschinerie lahmlegte.
Seit 23 Jahren verstoßen die Briten so gegen den Artikel
fünf des EU-Vertrages, der jedem Mitgliedsstaat alle » Maßnahmen
untersagt, welche die Erfüllung der Ziele dieses
Vertrages gefährden«.

7. Großbritannien vor die Alternative stellen
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Ironischerweise rührt der Widerstand gegen die EU-Integration
bei den meisten britischen Euro-Gegnern aus einem
tief verwurzelten demokratischen Bewußtsein. »Die Demokratie
findet bei uns zu Hause statt«, sagt Premier
John Major
und trifft damit den Kern des Unbehagens seiner Landsleute
gegenüber dem EU-Projekt, die sich eben nur dem
Mehrheitswillen im eigenen Land unterwerfen wollen, nicht
aber dem in allen EU-Nationen gemeinsam. Dabei erkennen
die Euro-Kritiker auf der Insel nicht, daß es auch ihre nationale
Souveränität, die sie so verbissen verteidigen, gar nicht
mehr gibt. Gleichwohl ist das grundsätzliche Mißtrauen, das
die Mehrheit der Briten und ihrer Politiker der europäischen
Einigung entgegenbringt, zu akzeptieren, auch wenn es sich
zuweilen in chauvinistischen Anwürfen gegen die Nachbarn
auf dem Kontinent äußert.

Doch umgekehrt werden die übrigen Länder alsbald die
britischen Wähler und ihre Regierung mit den Alternativen
konfrontieren müssen, ob sie nun kooperieren oder den Staatenbund
nicht besser verlassen wollen. Mit den Risiken eines
solchen Vorhabens konfrontiert, könnte die britische Europa-
Debatte vielleicht in rationalere Bahnen gelenkt werden.
Schließlich wäre der Austritt aus der Union für die britische
Wirtschaft »ein Alptraum«, wie der Chef des Unilever-Konzerns
und Europasprecher des britischen Industrieverbandes,
Niall FitzGerald, seine Landsleute mahnt.
(35)
Abgekoppelt vom
Kontinent verlöre der letzte britische Trumpf im Wettbewerb,
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die Rolle als gewerkschaftsfreie Niedriglohnzone für den EU-
Binnenmarkt, schnell seinen Wert. Gelingt die politische
Einbindung jedoch nicht, und vieles spricht dafür, kann Europa
nur ohne Britannien vorankommen. Denn bliebe es bei der britischen
Bremse, müßten alle übrigen EU-Staaten auch künftig
auf jeden Eingriff in die ökonomische Sphäre verzichten. Das
groteske Ergebnis wäre aber, daß der Kontinent sich dem britischen
Modell anpaßt - eine wenig erstrebenswerte Entwicklung.
Kein anderes der großen EU-Länder hat so niedrige Einkommen,
ein so heruntergekommenes Bildungssystem und
eine so weitgehende Polarisierung in Arm und Reich wie
Großbritannien. Das qualifiziert das Land besser für den Status
eines 51. Bundesstaats der USA als für die Europäische Union,
wo nach wie vor die Mehrheit der Wähler und Politiker den
sozialen Ausgleich wenigstens sucht.

8. Eine europäische Souveränität begründen
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Eine demokratische Union, die eine neue europäische Souveränität
begründet und gemeinsam antritt, die destruktive Kraft
der Märkte zu bändigen - es liegt nahe, dieses Ziel als utopische
Vision abzutun. Aber was geschieht, wenn die Nationen
des alten Kontinents nicht diesem Weg folgen? Gegen Konzerne,
Kartelle und Kriminelle bedarf es staatlicher Gegenmacht,
die sich auf den Willen der Mehrheit ihrer Bürger stützen
kann. Im grenzenlosen Markt ist aber jeder europäische
Staat dazu allein nicht mehr fähig. Die europäische Alternative
zum Laisser-faire-Kapitalismus amerikanisch-britischer Prägung
wird entweder in einer demokratisch legitimierten Union
stattfinden oder gar nicht.
Helmut Kohl hat recht mit der
Mahnung, die europäische Einigung habe existentielle Bedeutung,
sie entscheide über Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert.
Aber er irrt, wenn er behauptet, es gebe »kein Zurück zur
nationalen Machtpolitik und zu überkommenem Gleichgewichtsdenken«.
Die Apologeten der Renationalisierung sind
längst europaweit angetreten, und jede weitere Drehung der
globalisierten Abwärtsspirale für Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit
und sozialen Ausgleich treibt ihnen Millionen Anhänger
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zu. Entweder es gelingt, die Europäische Union so weit zu
entwickeln, daß sie die Balance zwischen Markt und Staat
wiederherstellen kann, oder sie wird über kurz oder lang auseinanderfallen.
Für die Entscheidung zwischen diesen beiden Wegen
bleibt nicht mehr viel Zeit.

9. Das Ende der Orientierungslosigkeit
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Anmerkungen
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Genau nachzulesen in: Harald Schumann, Europas Souverän, in: Kursbuch 117,
Berlin 1994.

(35)
Niall FritzGerald, A European Nightmare, in Financial Times, 5. 6. 1996.

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