Wem gehört der Staat?
Der Niedergang der Politik und die Zukunft der nationalen Souveränität
1. Hochfinanz unter staatlicher Kontrolle
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Armer reicher Martin. Als Anfang März 1996 in der
Frankfurter Zentrale der Commerzbank 250 Steuerfahnder die Büros
der Auslands- und Steuerabteilung nach belastenden Dokumenten
durchsuchten, ging das dem Chef des viertgrößten
deutschen Bankhauses an den Nerv. Er,
Martin Kohlhaussen,
einer der Großen in der Welt der Hochfinanz, und mit ihm
seine Bank, eine der besten Adressen der deutschen Wirtschaft,
sollten Opfer einer staatlich organisierten Verschwörung werden,
wähnte der Spitzenmanager. Die Durchsuchung sei eine
»gezielte Aktion gegen unsere Bank, unsere Kunden und uns«,
schrieb er in einer Hausmitteilung an seine Mitarbeiter. Kein
Vorstandsmitglied habe »gegen bestehende Gesetze verstoßen.
Unsere Bank hat sieh nichts vorzuwerfen«, lamentierte er.
»Wir alle werden in ungerechtfertigter Weise kriminalisiert.«

2. Verluste als Gewinne
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Kohlhaussen
wußte es besser. Noch am Tag, als sein Dementi
für Ruhe an der PR-Front sorgte, formulierten seine beiden
Vorstandskollegen
Klaus Patig und
Norbert Käsbeck
einen Brief an das zuständige Frankfurter Finanzamt III, in
dem sie schwere Verstöße gegen das Steuerrecht einräumten,
um eine mögliche Strafverfolgung noch abzuwenden. Die
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gegenüber den Steuerbehörden erklärten Bilanzen enthielten
»Unrichtigkeiten«, gestanden die Banker. »Wertberichtigungen
betreffend die den ausländischen Betriebsstätten zuzuordnenden
Forderungen hätten nicht mit steuerlicher Wirkung in
das ausländische Ergebnis einfließen dürfen.« Im Klartext:
Indem die Bank die Verluste aus ausländischen Tochtergesellschaften
mehrfach gegen den Gewinn der deutschen Konzernmutter
aufrechnete, minderte sie ihren inländischen Gewinn
und damit die Steuerlast. Weil sie dabei allzu plump vorging,
war die Verlustverschiebung in diesem Fall rechtlich unzulässig,
berichtete Der Spiegel kurze Zeit später unter Berufung auf die
Fahnder. Die Bank habe seit 1984 ein Jahrzehnt lang falsche
Steuererklärungen abgegeben. So sollen die Steuerstrategen der
Commerzbank allein im Jahr 1988 den zu versteuernden
Gewinn ihres Instituts um 700 Millionen Mark heruntergerechnet
haben. Insgesamt seien dem Fiskus über die Jahre Einnahmen in
Höhe von einer halben Milliarde Mark entgangen.
(1)

3. Steuerliche Grauzonen
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Am konkreten Fall und mit handfesten Beweisen führten die
hessischen Steuerfahnder so der Öffentlichkeit erstmals vor,
was Insider und Finanzbeamte schon seit Jahren berichten: Im
Zuge der globalen Verflechtung operieren transnationale
Unternehmen in einer steuerrechtlichen Grauzone, in der sich die
Besteuerung der Erträge leicht auf ein Minimum reduzieren
läßt. Mit der spektakulären Durchsuchungsaktion in der deutschen
Bankenhauptstadt markierten die Finanzbehörden den
vorläufigen Höhepunkt ihrer seit zwei Jahren andauernden
Offensive gegen die Steuerflucht deutscher Bürger und Firmen ins
Ausland. In über 40 Filialen solch renommierter Geldinstitute
wie der Dresdner Bank, der Bayerischen Hypotheken- und
Wechselbank und dem US-Bankhaus Merrill Lynch beschlagnahmten
sie Kontounterlagen von mehreren tausend Kunden,
die im Verdacht stehen, Teile ihres Vermögens nach Luxemburg,
Liechtenstein und anderswohin verschoben zu haben, um
sie der Besteuerung zu entziehen. Endlich, so schien es vielen
Beobachtern, w ar es vorbei mit dem laisser-faire der Behörden
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gegen die von den Banken organisierte Steuerfreiheit für die
Vermögenden. Sogar
Helmut Kohl
bekundete seine »Schadenfreude«
angesichts der Ermittlungen, schließlich habe ein Land,
in dem Steuerhinterziehung nur noch als Kavaliersdelikt
angesehen werde, »seine Zukunft schon verloren«.

4. Krieg mit dreisten Methoden
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Die Gefahr schätzt der Kanzler richtig ein, doch zur Freude
besteht kein Anlaß. Gleich wie oft und wie hart die Finanzbehörden
prüfen und ermitteln, den seit Jahren latenten Krieg um
die steuerliche Erfassung von Vermögens- und Unternehmenserträgen
können sie nicht gewinnen. Denn nur schlecht informierte
Privatleute oder besonders dreiste Manager bedienen
sich illegaler Methoden, um Vermögen und Zinserträge der
Steuer zu entziehen. Gut geführte Konzerne und Vermögensverwaltungen
haben das nicht nötig. Auch ohne Gesetzesbruch
läßt sich im Dschungel des transnationalen Finanzmarkts die
Steuerbelastung beliebig herunterfahren, notfalls auf unter
zehn Prozent.

5. »Von uns kriegt ihr nichts mehr!«
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Anmerkungen
(1)
Der Spiegel 11/1996.

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