Rettet sich wer kann. Nur: Wer kann?
Tempo, Tempo, Tempo: Der Turbo-Kapitalismus überfordert alle
1. Familienwerte und Deregulierung
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Nein,
will man da aufschreien, nein, und nochmals nein. Eine
Wiedergeburt Wiens auf diese Weise möge nur ein Traum sein,
ein schlechter oder schlimmstenfalls ein erfolgreicher
Hollywood-Thriller, jedenfalls nichts Reales, schon gar nicht die
Wirklichkeit der Zukunft. Als völlig falsche Prognose wie zuletzt
bei Wahlgängen üblich, als verzerrte Phantasie möge sich
all dies erweisen, als Fiebertraum, den das viel zu schnelle
Tempo provoziert, mit dem die Globalisierung voranrast und
für nüchterne Überlegungen kaum noch Zeit läßt.
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Gerade die Geschwindigkeit, »die Beschleunigung des
Prozesses der kreativen Zerstörung ist das Neue am
marktwirtschaftlichen Kapitalismus von heute«, analysiert der
amerikanische Ökonom
Edward Luttwak, der dafür den Begriff des
»Turbo-Kapitalismus« prägte.
(29)
Das »horrende Tempo der
Veränderung«, so der gebürtige Rumäne, der sich auch als
Militärstratege und Historiker einen Namen machte, wird zum
»Trauma für einen Großteil der Bevölkerung«.
(30)

Luttwak,
der in den USA den Republikanern nahesteht,
greift seine Gesinnungsgenossen frontal an, wenn sie wie der
Präsidentschaftskandidat
Bob Dole in ihren Reden die
»family values« beschwören, aber die gegensätzliche Politik
betreiben: »Wer die Stabilität von Familien und Gemeinschaften
für wichtig hält, kann nicht gleichzeitig für Deregulierung
und Globalisierung der Wirtschaft eintreten, denn
diese sind die Wegbereiter des schnellen technologischen
Wandels. Die Auflösung der amerikanischen Familien, der in
vielen Teilen der Welt zu beobachtende Zusammenbruch
sinnstiftender Gemeinschaften und Unruhen in Ländern wie
zum Beispiel Mexiko sind Ergebnisse derselben zerstörerischen
Kraft.«
(31)

2. Geschwindigkeit der Warenwelten
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Ein »inzwischen schon klassisches Beispiel für die Folgen
des Turbo-Kapitalismus« nennt
Luttwak die Deregulierung
des Luftverkehrs in den USA, die zwar zu niedrigen Ticketpreisen,
aber eben auch zu Kündigungswellen und »chaotischen
und instabilen Fluggesellschaften« führte. Diese Entwicklung
»wäre ein interessanter Gegenstand für eine soziologische Studie:
Wie viele Scheidungen und damit Problemkinder mag sie
verursacht, wieviel wirtschaftlichen Streß für die Familien der
bei den Fluglinien beschäftigten Arbeitnehmer mit sich
gebracht haben?«
(32)

Eine andere, nicht minder schwerwiegende Konsequenz der
unheimlichen Geschwindigkeit: Im internationalen Wettbewerb
verändert sich das Warenangebot so schnell, daß selbst
Dreißigjährigen die Konsumwelt von wenige Jahre jüngeren
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Teenagern fremd ist. Unterhaltungs- und Computerelektronik
überfordern das Verständnis. Millionen Arbeitnehmer müssen
sich in ihrem Berufsleben mehrmals grundlegend neu orientieren,
wer vorankommen will, muß »Mobilität« beweisen und
häufig den Wohnort wechseln. »Es ist doch Wahnsinn«, sagt
Herbert Huber
in der Wiener Herrengasse, in der schon im
Revolutionsjahr 1848 Karl Marx Brandreden gegen die
Ausbeutung hielt, »früher genügte es, einen Rohrbruch pro Tag zu
reparieren, heute sind es mindestens acht. Auch am Bau muß
ein Bruchteil der Leute ein Vielfaches der früher üblichen
Arbeit erledigen.«

3. Hektik der Weltbilder
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Bei diesem Entwicklungstempo bleiben zwangsläufig immer
mehr Menschen zurück, die nicht bereit oder in der Lage
sind, ihr Weltbild fortwährend zu verändern und ein Leben
lang Höchstleistungen zu erbringen. Auch grundsätzliche
Entschlüsse über Lebensentwürfe oder Unternehmensziele
werden oft in gefährlicher Hektik getroffen, von Politikern
wird stets eine »Instant-Reaktion« erwartet. Parteipräferenzen
können sich noch in der Wahlzelle ändern und lassen
sogar aktuellste Prognosen obsolet werden. Zufällige Stimmungen
und Eindrücke werden auf diese Weise zu Grundlagen
weitreichender Entscheidungen.
Huber, der 25 Jahre lang
als Installateur Arbeit fand, sie dann verlor und jetzt als Portier
jobbt, wählte stets sozialdemokratisch, seit 1994 aber
»selbstverständlich
Jörg Haider. Man muß ihn doch probieren
lassen.«
(33)

Aus Notwehr »entwickle ich in Zeiten wie diesen eine Sympathie
für gewisse Ineffizienzen oder gar Schlamperei«, meint
Ehrenfried Natter,
Volkswirt und Organisationsberater in
Wien.
(34)
Das vermeintlich so altmodische »Innehalten«, zu
dem etwa der behutsame westösterreichische Nachdenker
Franz Köb
mahnt und der für eine individuelle »Verlangsamung
der Zeit« wirbt,
(35)
wird plötzlich zum globalen »talk
of the town«, zum Stadtgespräch in der einen Welt.

4. Die überfordernde Dynamik
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»Die Globalisierung führt zu einem Tempo des Strukturwandels,
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der von immer mehr Menschen nicht verkraftet
wird«, bemerkt nunmehr sogar
Tyll Necker, der langjährige
Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI),
der noch immer mit Stolz darauf verweist, »daß ich sehr maßgeblich
an der Entstehung der (deutschen) Standort-Diskussion
beteiligt war«.
(36)
Jetzt hält der sonst so selbstbewußte
Industrieführer »eine seriöse Diskussion der Auswirkungen der
Globalisierung« für »längst überfällig«. Die gegenwärtige Dynamik
überfordert offenbar alle - keineswegs nur die einfachen
Wähler, sondern auch die vermeintlich so unverwundbaren
Global Player.

5. Täter oder Opfer?
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Anmerkungen
(29)
Zitiert nach Los Angeles Times Syndicate International, June 1995, Abdruck
u. a. in: Welt am Sonntag, 25. 6. 1996.

(30)
Luttwak-Portrat und Zitat in: Die Weltwoche 31. 8. 1995.

(31)
Zitiert nach Los Angeles Times Syndicate International, June 1995,
Abdruck u. a. in: Welt am Sonntag, 25. 6. 1996.

(32)
Zitiert nach Los Angeles Times Syndicate International, June 1995,
Abdruck u. a. in: Welt am Sonntag, 25. 6. 1996.

(33)
Gespäch am 22. und 23. 8. 1996 in Wien. Name auf Wunsch
des Gesprächspartners geändert.

(34)
Gespräch am 8. 7. 1996 in Wien.

(35)
Franz Köb, Innehalten. Von der Verlangsamung der Zeit, 1996, Doppelfaut Presse,
Bad Teinach 1996.

(36)
Persönlicher Brief vom 24. 7. 1996.

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