Rettet sich wer kann. Nur: Wer kann?
Erste Hochrechung: Die Wiederkehr der k.u.k. Hauptstadt
1. Wiener Stadtidylle
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Müßte wie bei Wahlen auf der
Basis von Trends und der
Auszählung erster Stimmen eine Vorhersage über die Sieger der
Zukunft abgegeben werden, die ehemalige kaiserliche und
königliche Reichshauptstadt Wien läge voran. Die zur vergangenen
Jahrhundertwende siebtgrößte Metropole des Erdballs
liegt zwar heute im Rennen um die schiere Menschenmasse im
Feld von inzwischen 325 Millionenstädten weit hinten. Aber
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schon bald kann sie von einstiger Größe gleichermaßen profitieren
wie von ihrer gegenwärtigen Überschaubarkeit.

Wenn spätestens im Jahr 2050 der klimabedingt absehbare
Anstieg des Meeresspiegels die meisten Stadtungetüme
bedrohen wird und Bergregionen weltweit mit unfaßbaren
Schlammlawinen kämpfen, ist der Geburtsort der Moderne
um die Wiener Secession fein raus: Trotz höherer Temperaturen
noch immer gemäßigtes Kontinentalklima, kein Meer in
Sicht, nur die sanften Hügelketten des vielbesungenen und
schon gegen die Türkenheere verteidigten Wienerwalds.

Die Regenten von heute haben aus den Fehlern der Habsburger
gelernt: Anders als in den Wirren der vergangenen Fin de
siecle ist der Zuzug unerwünschter Fremder gestoppt, ehe er
noch richtig einsetzen konnte. Keine ungewaschenen
Bosniermassen, Zigeunerhorden oder gar schwarzafrikanische
Schwarzhändler sollen die neuen Oberschichtidyllen um den
Wiener Prater stören, in dessen unmittelbarer Nähe vor
100 Jahren mehr als 100000 Juden Zuflucht vor noch schlimmerer
Armut und neuen Pogromen in Osteuropa suchten.

2. Fremdenfeindlichkeit ohne Ausländer
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Keine Angst, mit einer zweiten Judenvertreibung ist kaum zu
rechnen, das würde sich doch gar nicht auszahlen, es sind ja
bloß noch ein paar da, so die keineswegs nur an Wiener
Stammtischen vernehmbare Infamie. Dennoch hat das so effiziente
österreichische Exportprodukt Antisemitismus a la
viennoise ein zeitgemäßes, nicht minder erfolgversprechendes
Nachfolgemodell gefunden: die Xenophobie, die Fremdenfeindlichkeit,
ohne Ausländer.

Die Österreich noch regierende Große Koalition aus Sozialdemokraten
und Volkspartei reagierte bereits 1994 mit weiser
Voraussicht, natürlich nur aus Furcht vor der in
Jörg-Haider-Stimmen
so eindeutig vernehmbaren Volksseele. Wie stets
einstimmig verabschiedete der Ministerrat ein Gesetzespaket, das
die Alpenrepublik bei der Integrationspolitik von Ausländern
an die letzte Stelle aller westeuropäischen Staaten beförderte.
Jedes Jahr erhalten nur noch wenige tausend Fremde, die
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keinen EU-Paß vorweisen können, eine erstmalige Arbeitsbewilligung,
es sind vor allem hochqualifizierte Managertypen oder
Profisportler.

Doch
Haider schadet das keineswegs, im Gegenteil, die
Fremdenfeindlichkeit ist so endgültig salonfähig geworden. Und
Haider gewinnt weiter, die Politik verhaidert, auch ohne ihn an
der Macht. Wenn der sozialdemokratische Innenminister
Caspar Einem,
ein direkter Nachfahre des deutschen Reichskanzlers
von Bismarck, wenigstens einen Hauch von Großzügigkeit
bei der Familienintegration anmahnt, müssen sich
seine Berater vor ihres sozialdemokratischen Kanzlers engstem
Vertrauten wie dumme Schulbuben rechtfertigen, als
hätten sie dem Innenminister gerade geraten, für die Straffreiheit
für Heroin-Dealer einzutreten.

3. Integrationswille und Aufenthaltsgenehmigung
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In ihrer Not, im Oktober 1996 bei den Wiener Stadtparlamentswahlen
die jahrzehntelang bewahrte absolute Mandatsmehrheit
zu verlieren, propagierten die Sozialdemokraten in
Person ihres Verkehrsstadtrates
Johann Hatzl den Rechtsweg:
»Also ich kann mir durchaus vorstellen, daß wir bei
einer Überprüfung feststellen, daß jemand mit Aufenthaltsgenehmigung
(damit ein legal in Österreich lebender Ausländer)
laufend Verkehrsstrafen wegen Schnellfahrens oder Falschparkens
hat. Das ist auch mangelnder Integrationswille. Dann
ist die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen.«
(27)

Trotz solcher Säuberungen sind mit der wachsenden ökonomischen
Zuspitzung die unappetitliche Armut und lästige Aggression
auch von Nicht-Ausländern nicht mehr vollständig zu
verhindern. In den goldenen roten zwanziger Jahren mühten
sich die Sozialdemokraten noch, den Gürtel, einen beinahe
geschlossenen Straßenkreis um die inneren Wiener Stadtbezirke,
nach dem Vorbild des prachtvollen Rings mit Sozialwohnbauten
zu einer »Ringstraße des Proletariats« aufzuwerten. Der
Straßenzug ist inzwischen zur Verkehrshölle verkommen,
entlang der Parkspur drängen sich Prostituierte, vor allem aus
Osteuropa.
Haider geißelt instinktsicher die »Verslumung«
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dieser Gegend und einiger angrenzender Bezirke, in deren
Billigquartieren vor allem Gastarbeiter aus Südosteuropa leben.
Die Stadtverwaltung bemüht sich neuerdings mit einer sogenannten
»Urban Gürtel-plus«-Initiative um eine Aufwertung
des Gebiets.

4. Provinzielle Weltstadt Wien
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Visionär ist das nicht. Es würde sich im Sinne
Hatzls und
Haiders
doch anbieten - anstatt wie bis 1850 am Ring gegen
die Türken und andere Eindringlinge -, nunmehr entlang des
Gürtels eine Stadtmauer hochzuziehen, diesmal allerdings von
High-Tech-Format. In der traditionsreichen k. u. k. Metropole
wären damit nicht nur durch die Krise sichere Arbeitsplätze
geschaffen, Wien hätte auch ein weltweit beachtetes
Renommier- und Pilotprojekt vorzuweisen. Die gegenwärtig
politisch so bewegte Bundeshauptstadt, die nie eine Stadt der
Bewegung sein wollte, könnte in ihrem gesunden Kern damit
auch bald wieder zu jener Ruhe kommen, die ihr in ihrer
Geschichte doch immer so wertvoll war.

Willkommen bleiben dagegen Fluchtgelder aller Art, wie sie
in den durch ein strenges Bankgeheimnis geschützten Filialen
der sehenswert renovierten Innenstadt seit Jahrzehnten diskret
verbucht werden. Die wenigen, ausgesuchten russischen Besucher,
so meldete das österreichische Fernsehen im Sommer
1996 anläßlich der Ermordung eines zweifelhaften georgischen
Geschäftsmannes im Stadtzentrum, geben in Wien schon
mehr Geld aus als die tägliche Flut aller deutschen Touristen.
(28)
Besonders geschätzte Kunden sind die Gäste aus Rußland bei
Immobilienmaklern, die ihre Villen früher mit Vorliebe saudischen
Millionären anboten, und bei Juwelieren. Der Edelsteinverkauf
bricht die Rekorde, Schmuck-Boutiquen führender
Händler werden aufwendig umgebaut.

5. Wiener Luxus und Außenbezirke
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»Luxus ist weltweit gesellschaftsfähig, er versteckt sich
nicht mehr, wird akzeptiert, respektiert und tritt gar in den
Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Dieser Trend ist ein Leitmotiv
der neunziger Jahre. Durch die Umgestaltung der Boutique
in Wien bestimmt
Cartier diesen Trend maßgeblich mit«,
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ließ
Cartier Joalliers
im Juli 1996 seine Kunden wissen und
heftete diesen Brief selbstbewußt auch an den Bauzaun vor der
Filiale am noblen Kohlmarkt in unmittelbarer Nachbarschaft
des wohlriechenden, aber berüchtigten k. u. k. Hofzuckerbäckers
Demel.

Doch, wie unpäßlich, das Schreiben wurde mehrfach
heruntergerissen, die Wand sogar mit primitiven antikapitalistischen
Schmierereien verunziert, flanierende Passanten zeigten
sich indigniert. Die Cartier-Geschäftsführerin mußte
schließlich den ganzen Bauzaun mit kostbar bedrucktem
Firmenpapier neu tapezieren lassen. Solche Irritationen ließen
sich mit einer laserunterstützten Bewachung der Stadtmauern,
persönliche Daten speichernden Chip Karten und
durch effiziente Personenkontrollen an den Durchgängen und
U-Bahn-Stationen durchaus vermeiden. Leichtsinnigerweise
steuert dieses schicke Verkehrsmittel auch die Außenbezirke
an. Ignoranterweise bietet es aber keine Fluchtverbindung
zum Flughafen. Vernünftigerweise sind aber innerhalb des
Wiener Gürtels die Mieten und Wohnungspreise schon heute
so hoch, daß die Bewohner beruhigenderweise dem
Cartier-Kundenstamm und nicht diesen arbeitsscheuen
Schmierfinken zugerechnet werden dürfen.

6. Tempo, ...: Der Turbo-Kapitalismus überfordert alle
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Anmerkungen
(27)
Zitat aus: Falter 31 / 1996, S. 9.

(28)
ORF, Zeit im Bild, 2. 8. 1996.

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