Rettet sich wer kann. Nur: Wer kann?
Das Ende der deutschen Einheit
1. Die Nöte der Mittelstandsjugend
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Die Preisgabe des Konzepts der wohlhabenden
Volkswirtschaften,
eine möglichst breite Mittelklasse mitverdienen zu
lassen, ist begleitet von wachsendem sozialem Zerfall.
In Deutschland hat sich zumindest schon ein Viertel der
Bevöllerung vom Wohlstand verabschiedet, die untere Mittelschicht
verarmt schleichend. Die noch immer reichste Gesellschaft
Europas läßt vor allem ihre Jugend verkommen, eine
Million Kinder lebt bereits von Sozialhilfe.
(11)
Der Bielefelder
Jugendforscher
Wilhelm Heitmeyer warnt: »Jugendliche haben
in ihrer Biographie immer die Aufgabe zu bewältigen, den
Status der Herkunftsfamilie zu erhöhen oder mindestens zu
halten. Damit aber wird es heute arg eng, denn die praktischen
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Chancen auf Arbeits- und Ausbildungsplätze werden enorm
knapp. Diese Planungsunsicherheit sickert nach und nach in
alle Milieus durch. Und Gewalt ist eine Möglichkeit, mit dem,
Streß und Konkurrenzkampf umzugehen.«
(12)

Seit 1989/90 verzeichnen die Statistiker in Deutschland
einen krassen Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität.
Gängigen Erklärungsmustern, die dies mit einem »Verfall von
Moral und Sitten« begründen, hält
Heitmeyer entgegen, daß
»die auffälligen Jugendlichen die Ideale der marktradikalen
Gesellschaft nicht ablehnen, sondern im Gegenteil
übererfüllen«.
(13)

2. Bescheidene Mittelmäßigkeit
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»Klauben, rauben, treten für den schnellen Genuß «, charakterisiert
die Berliner
Tageszeitung
gewohnt knackig das Lebensgefühl
der jungen Generation: »Der Konkurrent lauert
überall.«
(14)
Die »Eltern vernachlässigen die Erziehung«,
erklärt der Vorsitzende im Bundestags-Innenausschuß, der
SPD-Abgeordnete
Wilfried Penner, doch Millionen Eltern kontern:
Wieviel Zeit bleibt uns, die wir zum Doppelverdienen gezwungen
und völlig gestreßt sind, denn noch für die Erziehung übrig,
und überhaupt, wie viele Kinder wachsen denn noch bei
beiden Elternteilen auf?
(15)

Der Absturz von Millionen wohlsituierter Mitglieder der
deutschen Mittelschicht in eine neue bescheidene Mittelmäßigkeit
läßt sich auch mit einer umfassenden und zweifellos notwendigen
Bildungsoffensive in den kommenden Jahren nicht
mehr bremsen, so schnell schaffen auch die klügsten kleinen
Bengel und Mädchen nicht den Schulabschluß.

Die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich, wer zu den
Besserverdienern zählt, will sich mit dem immer aggressiver
erscheinenden Volk immer weniger gemein machen. Die deutsche
Einheit zerfällt, obwohl sie geographisch doch erst vollzogen
wurde. Statt dem »Wohlstand für alle«, so im Jahr 1957
das damals richtungweisende Buch von
Ludwig Erhard, setzt
sich jetzt überall »die Revolte der Eliten« durch, entsprechend
der These des 1995 postum veröffentlichten letzten Werks des
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amerikanischen Historikers
Christopher Lasch. Die Abkapselung
der Reichen wird zur Norm, Brasilien zum Vorbild.

3. Der Verrat der Eliten: Weltmodell Brasilien
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Anmerkungen
(11)
Die Zeit, 31. 5. 1996, S. 9-11.

(12)
Die Woche. 28. 6. 1996, S. 6.

(13)
Publik-Forum, 14. 6. 1996, S. 12.

(14)
Die Tageszeitung, 16. 2. 1996, S. 13.

(15)
Frankfurter Rundschau, 22. Juni 1996, S. 4.

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