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Verspätet, aber provokant gemächlich
rollt der Canadair-Jet,
Lufthansa-Flug 5851, in Wien-Schwechat zur Startbahn,
unterwegs nach Berlin-Tegel. In der 16. Reihe am Fenstersitz
rechts streckt sich der dreißigjährige
Peter Tischler. Betont locker
will er wirken, doch sein Körper signalisiert: Ich kann nicht
mehr. Abgekämpft starrt er auf das hochgeklappte Tischchen
vor ihm, sein Blick geht ins Leere, und er beginnt zu erzählen.
(2)
Um fünf Uhr früh ist er an diesem Freitagmorgen im Juni
1996 aufgestanden, mit einem Leihwagen raste er durch Mähren
und das ostösterreichische Weinviertel, um die Neun-Uhr-
fünf-Maschine nach Berlin zu erreichen. Dort hat er noch am
Vormittag einen Termin, abends wird er zu Hause in Eitorf in
der Nähe von Bonn sein. Am Wochenende soll er nach Spanien,
am Dienstag muß er in die USA. Fliegen ist für ihn so
selbstverständlich wie für andere das Stralsenbahnfahren -
führt er damit ein beneidenswertes Leben?
Tischler
kennt die Welt, doch niemand kennt ihn. Er ist kein
Manager oder Tennisprofi, sondern eine Art Mechaniker im
Globatisierungszeitalter, genauer: Er korrigiert Fehler in den
Programmen computergesteuerter Spritzgußanlagen, er ist
gehetzt und frustriert, und er nimmt kein Blatt vor den Mund.
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»Lohnt sich denn der Aufwand noch?« fragt er rhetorisch.
»Ich arbeite 260 Stunden im Monat, davon knapp 100
Überstunden. Von 8000 Mark Gehalt bleiben mir gerade
4000 Mark, da ich in Steuerklasse eins veranlagt werde.« Für
eine Familie fehle ihm die Zeit, »der Staat verpraßt mein Geld,
und für meine Rente wird nichts übrigbleiben«. Obwohl sein
Arbeitgeber, die hochspezialisierte Maschinenbaufirma
Battenfeld, schöne Gewinne schreibe, seien in jüngster Zeit ein
Viertel aller Jobs gestrichen worden, »das macht doch keinen
Spaß mehr«. Ungefragt nennt Tischler diejenigen, die seiner
Meinung nach schuld sind an dieser Freudlosigkeit, »die Aussiedler
und die Türken«. Außerdem »kann ich nicht nachvollziehen,
warum wir so ein Heidengeld für Rußland und die
Entwicklungshilfe ausgeben und auch an die Juden noch Kohle
bezahlen«. Dieser »Ausverkauf, der mit unserem Land und
unseren Firmen gemacht wird, ist doch Wahnsinn«. Als einer,
der »reichlich internationale Erfahrung« hat, weiß er, wen er
wählt: »Klar, die Republikaner«, auch wenn das leider »noch
nicht die richtige Partei« sei. Zwar dürfe er dies »nicht laut
sagen«, aber »es bewaffnen sich jetzt viele Bürger«.
Szenenwechsel, ein anderer Flughafen, ein ähnliches Leben,
eine ganz andere Reaktion: An einem schwülen Julinachmittag
1996 muß
Lutz Büchner,
stellvertretender Flugmanager bei
der Lufthansa in Frankfurt, einen aufgebrachten Vielflieger
beruhigen, der erst zwölf Minuten vor Abflug seiner Maschine
am Gate B 31 eintrifft und nicht mehr an Bord gelassen wird,
weil die minimale Abfertigungszeit vor wenigen Wochen von
zehn auf 15 Minuten verlängert wurde. Gelassen erklärt Büchner
die neuen Regeln und zeigt Verständnis für den eiligen Reisenden:
»Man spürt den überall wachsenden Druck. Selbst
Leute, von denen man es früher nie erwartet hätte, reagieren«
jetzt schon bei einem kleinen Mißgeschick mit Aggressionen.«
(3)
Dennoch, erklärt Büchner glaubwürdig, »freue ich mich, wenn
ich jeden Morgen zur Arbeit komme. Ich stehe hinter dieser
Firma.« Ein paar Tage zuvor stand er allerdings gemeinsam
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mit 1000 seiner Kollegen vor den Eingangstüren des Flughafens,
weil trotz guter wirtschaftlicher Lage erneut 86 Lufthansa-Angestellte
gekündigt werden sollten.
Wie der gestreßte EDV Systemspezialist
Peter Tischler hat
der 35 Jahre alte Büchner keine Kinder, »weil die Arbeitslosigkeit
bald auch mich treffen kann«. Selbstverständlich sei er zu
persönlichen »Einsparungen und Gehaltsverzicht bereit, wenn
das unsere Jobs sichert«. Doch die Abwärtsspirale der Globalisierung
werde nicht unbeantwortet bleiben, »es wird eine Rebellion
geben, ganz klar«, meint Büchner. Er aber sei »absoluter
Pazifist. Natürlich werde ich mich engagieren, aber bei
einer Demonstration lasse ich mich nicht erschießen, vorher
übersiedle ich mit meiner griechischen Freundin auf eine kleine
Insel in der Ägäis.«
Verkörpern der moderne Radikale
Peter Tischler und der
verstörte, friedliche
Lutz Büchner, zwei bislang gutsituierte,
unscheinbare Bürger, die Prototypen der zukünftigen Entwicklung
in Deutschland, vielleicht gar in Europa? Zeichnet sich
entlang dieser Charaktere der politische Alltag um die
Jahrtausendwende ab? Draufhauen oder abhauen, wird das zur alles
entscheidenden Frage? Auch wenn sich Geschichte nicht
zwangsläufig wiederholt, so spricht doch vieles für ein Wiederaufleben
von Konflikten, wie sie in den zwanziger Jahren den
europäischen Kontinent beherrschten.
Der soziale Kitt, der Gesellschaften zusammenhält, ist brüchig
geworden. Das heraufziehende politische Erdbeben fordert
alle modernen Demokratien heraus. Am augenfälligsten,
wenn auch erstaunlich wenig untersucht, ist dies in den Vereinigten
Staaten von Amerika.
Anmerkungen (1)
Am 29. 9. 1995 in San Francisco.
(2)
Gespäch am 21. 6. 1996 auf dem Flug von Wien nach Berlin.
(3)
Gespräch am 24. 7. 1996 in Frankfurt.
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