Bequeme Lügen
Drachen statt Schafe: Das asiatische Wunder
1. Asiatische Boomplätze
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Nach Penang kommen Ausländer schon
lange gern. Seeklima
und fruchtbare Böden lockten im vergangenen Jahrhundert die
britischen Kolonisatoren an, die auf der Insel vor der
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thailändisch-malaysischen Westküste einen Stützpunkt einrichteten.
Auch heute herrscht in George Town, dem Hauptort des Eilands,
reger Betrieb. Aber nicht mehr der Handel mit Plantagenfrüchten
oder touristisch Sehenswertes zieht die Fremden
an. Dennoch drängeln sich hellhäutige Besucher aus Japan,
Europa und den USA in der Ankunftshalle des Flughafens an den
Förderbändern fürs Fluggepäck. Penangs neue Attraktion ist
sein Industriegebiet. Texas Instruments, Hitachi, Intel, Seagate
und Hewlett Packard zeigen mit großen Schildern, daß es sich
kein großer Elektronikkonzern leisten kann, hier nicht mit
eigenen Betrieben vertreten zu sein. »Silicon Island« nennen
die Malaysier stolz ihre ehemalige Badeinsel, deren Fabriken
den südostasiatischen Staat zum weltgrößten Exporteur von
Halbleiterprodukten aufsteigen ließen und schon 300.000
Menschen Arbeit geben.

2. Die asiatisch, staatlich gelenkten Wirtschaften
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Penang ist nur eines von vielen verblüffenden Zeichen der
ökonomischen Revolution, die das frühere Agrarland seit 25
Jahren erlebt. Längst ist Malaysia kein Entwicklungsland
mehr. Die Volkswirtschaft wächst seit 1970 jährlich durchschnittlich
um sieben bis acht Prozent, die Industrieproduktion
sogar um mehr als zehn Prozent. Statt fünf arbeiten heute 25
Prozent der Erwerbstätigen in der Industrie, die bereits ein
Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung hervorbringt. Von
1987 bis 1995 verdoppelte sich das Pro-Kopf-Einkommen des
20-Millionen-Volkes auf 4000 Dollar im Jahr. Bis 2020 soll es
sich, wenn die Pläne der Regierung aufgehen, verfünffacht
haben und damit US-Niveau erreichen.
(6)

Auf spektakulärer Aufholjagd in den Wohlstand befindet
sich nicht nur Malaysia. Südkorea, Taiwan, Singapur und
Hongkong, schon früh als Asiens »Tiger« apostrophiert,
erreichten Malaysias Standard schon fünf bis zehn Jahre vorher.
Zuletzt starteten Thailand, Indonesien und Südchina durch
und verzeichnen nun als »Drachen« ganz ähnliche Erfolge.
Weltweit feierten Ökonomen und Industrielle das asiatische
Wirtschaftswunder als vorbildlich, als lebendigen Beweis dafür,
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daß es doch einen marktwirtschaftlichen Ausweg aus
Armut und Unterentwicklung gibt. Allein, mit dem Laisser-faire-Kapitalismus
der meisten OECD-Länder hat der asiatische
Boom wenig gemein. Ohne Ausnahme setzten die Aufsteiger
des Fernen Ostens auf eine Strategie, die im Westen nachgerade
verpönt ist: massive staatliche Intervention auf allen Ebenen
des Wirtschaftsgeschehens. Statt sich wie ein Schaf zur
Schlachtbank des internationalen Wettbewerbs führen zu lassen,
wie es Mexiko wiederfuhr, entwickelten die Drachen des
staatlich gelenkten Aufbaus von Djakarta bis Peking ein vielfältiges
Instrumentarium, mit dem sie die Entwicklung unter
Kontrolle halten. Für sie ist die Integration in den Weltmarkt
nicht das Ziel, sondern nur ein Mittel, dessen sie sich - vorsichtig
und wohlüberlegt - bedienen.

3. Devisenkurse, Investitionshilfe, Bildungspolitik
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Die Öffnung der Wirtschaft für das Ausland folgt in allen
asiatischen Wachstumsländern dem Flugzeugträgerprinzip,
wie es die Japaner erfanden. Hohe Einfuhrzölle und technische
Vorschriften behindern in all jenen Wirtschaftszweigen den
Import, in denen die Planer ihre landeseigenen Unternehmen
als zu schwach für die internationale Konkurrenz ansehen und
die Beschäftigung schützen wollen. Umgekehrt fördern Behörden
und Regierung mit allen Mitteln vom Steuererlaß bis zur
kostenlosen Infrastruktur die Exportproduktion. Ein wichtiges
Instrument dieser Strategie ist die Manipulation der Devisenkurse.
Alle asiatischen Länder kopieren das japanische
Vorbild und halten den Außenwert ihrer Währungen mittels
Notenbankverkäufen künstlich niedriger, als es der realen
Kaufkraft im Land entspricht. Darum liegt der Wert der
durchschnittlichen Löhne in Südostasien nach Kurs bei nur einem
Vierzigstel der westeuropäischen, obwohl sie gemessen an ihrer
Kaufkraft immerhin einem Achtel des europäischen
Niveaus entsprechen.
(7)

Nicht nur in die kurzfristigen Kapitalströme auf den Finanzmärkten
greifen die asiatischen Wachstumsingenieure ein,
auch die direkten Investitionen der transnationalen Konzerne
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unterliegen präzisen Auflagen. Malaysia etwa organisiert
systematisch die Beteiligung eigener staatlicher und privater
Firmen an den Konzernfilialen. So ist sichergestellt, daß eine
wachsende Zahl einheimischer Arbeitnehmer selbst das
Know-how für den Weltmarkt erwirbt. Um die allgemeine
Qualifikation ihrer Bevölkerung zu heben, investieren alle
Staaten zudem einen erheblichen Teil ihres Budgets in den
Aufbau eines leistungsfähigen Bildungssystems.

4. Ökonomische Souveränität als oberstes Ziel
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Wo das nicht reicht, sichern zusätzliche Verträge über Lizenzen
und Patente den Technologie-Transfer. Vorschriften über
den Anteil inländischer Hersteller an der Produktion für den
Weltmarkt sorgen zudem dafür, daß genügend Gewinn aus
dem Export im Land selbst bleibt und in den Aufbau nationaler
Unternehmen fließt. Das günstigste Auto in Malaysia ist
darum der Proton, der zwar unter Beteiligung von Mitsubishi
hergestellt, aber zu 70 Prozent im Inland gefertigt wird. Gegen
den vergeblichen Protest der Autokonzerne aus den OECD-Ländern
verfolgt auch Indonesien die gleiche Strategie gemeinsam
mit zwei koreanischen Autofirmen. Alle diese Maßnahmen
dienen einem gemeinsamen Ziel: Die Regierungen bleiben
ökonomisch souverän und stellen sicher, daß sowohl das einheimische
als auch das ausländische Kapital die politisch
gesetzten Ziele erfüllt. Wer nicht mitmacht, ist draußen.
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5. Globalisierung mit zentraler Wirtschaftsplanung
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Der Erfolg gibt den asiatischen Wirtschaftsplanern recht.
Fast alle ostasiatischen Boom-Staaten starteten zunächst wie
Mexiko als bloße Zulieferer in der Funktion einer verlängerten
Werkbank der Weltkonzerne. Aber die Lenker in den
Regierungsbehörden verlieren bis heute nie den Schutz und das
Wachstum ihrer Binnenwirtschaft aus den Augen, die sie mit
den Exporten der Konzernfilialen nur finanzieren. Nach und
nach schufen sie eigene, halb staatlich, halb privat kontrollierte
Großunternehmen, die nun selbst auf dem Weltmarkt
antreten. Nicht nur Korea hat seine gewaltigen, »Chaebol«
genannten Unternehmens-Konglomerate wie Hyundai oder
Samsung, die vom Auto über Computer bis zum Schiff gleich
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mehrere Branchen unter einem Konzerndach integrieren. Auch
das vergleichsweise kleine Malaysia mit seinen 20 Millionen
Einwohnern verfügt schon über sechs Multis. Deren größter,
Sim Darby, beschäftigt in 21 Ländern und über 200 Tochterfirmen
50000 Menschen. Sein Aktienkapital ist bereits mehr wert
als etwa Asiens führende Fluggesellschaft, die Singapore
Airlines.

So folgt die Globalisierung der Weltwirtschaft keineswegs
einem einzigen, universalen Prinzip. Während die alten Wohlstandsländer
den Rückzug des Staates propagieren und den
Marktkräften immer größeren Raum geben, praktizieren die
neuen Aufsteiger das genaue Gegenteil. Und die gleichen
Konzernstrategen, die in den USA oder Deutschland jede
Einmischung des Staates in ihre Anlageentscheidungen brüsk
zurückweisen, unterwerfen bereitwillig milliardenschwere
Investitionen in Asien den Auflagen staatlicher Bürokraten, die
ohne jede Scheu ihre Arbeit als zentrale Wirtschaftsplanung
bezeichnen. Die Gewinne, die bei zweistelligen Wachstumsraten
winken, schieben alle ideologischen Vorbehalte beiseite.

6. Fairer Handel: Schutz für die Armen?
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Anmerkungen
(6)
Beschrieben in Anlehnung an: Frédéric Clairmont, Von Singapur lernen,
Le Monde diplomatique, 10. 6. 1995.

(7)
Nach Berechungen des Wirtschaftsberaters der französischen Regierung Gerard
Laffy, Professor für Ökonomie an der Universität Paris, in: Die Zeit, 12. 4. 1996.

(8)
Den prinzipiellen Unterschied zwischen der westlichen udn asiatischen
Entwicklungsstrategie analysiert der Ökonom Charles Gore von der
Internationalen Arbeitsorganisation ILO präzise in: Methodological nationalism
and the misunderstandign of East Asian industrialization, UNCTAD Discussion
paper No 111, Genf 1995.

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