Bequeme Lügen
Die Legende vom Standort und der gerechten Globalisierung
1. Vom Industriefachmann zum Gelegenheitsarbeiter
|
Stumm sitzt er da, die Hände zwischen
den Beinen gefaltet, die
Lippen zusammengepreßt. Nie hätte der Mexikaner Jesus
Gonzalez gedacht, daß er hier landen würde. Lange Jahre rackerte
er sich ab, konnte sich zum Elektrotechniker hocharbeiten
und fand schließlich einen der begehrten Jobs in der
prosperierenden Fahrzeugindustrie, ordentlich bezahlt und
scheinbar gesichert. Stoßdämpfer für Mexikos Motorräder
und Traktoren wurden in seiner Fabrik montiert, da sollte
nichts schiefgehen. Doch dann brach alles zusammen, zuerst
die Währung, dann der Handel, schließlich die Volkswirtschaft.
Seine Firma ging in Konkurs. Jetzt verbringt der dreißigjährige
Familienvater seine Tage auf dem Gehsteig der lärmenden
Avenida San Jose im Zentrum von Mexico City. Er
sitzt auf einem blechernen Handwerkskasten, auf einem Stück
Pappe preist er sich in krakeliger Schrift als »Electricista« an
und hofft auf Gelegenheitsaufträge. Mit besseren Tagen rechnet
er nicht mehr. Die Krise, sagt er, »wird viel länger dauern,
als wir gedacht haben«.

2. Mexikanische Wirkichkeit und die Pläne der Weltbank
|
Das Schicksal des
Jesus Gonzalez ist in Mexiko im Jahr 1996
der Normalfall. Jeder zweite Mexikaner im erwerbsfähigen Alter
ist ohne Job oder arbeitet unterbeschäftigt als Tagelöhner
in der Schattenwirtschaft. Seit anderthalb Jahren sinkt die
Wirtschaftsleistung je Einwohner. Politische Unruhen, Streiks
und Bauernaufstände erschüttern das Land. Dabei hatten die
Regierung und ihre amerikanischen Berater alles ganz anders
geplant. Zehn Jahre lang befolgten drei verschiedene Präsidenten
folgsam die Ratschläge der Weltbank, des Internationalen
Währungsfonds und der US-Regierung. Sie privatisierten den
|194|
größten Teil der staatlichen Industriebetriebe, beseitigten
Hindernisse für ausländische Investoren, bauten Einfuhrzölle ab
und öffneten das Land dem internationalen Finanzsystem.
1993 schloß Mexiko mit den USA und Kanada sogar das
Freihandelsabkommen Nafta ab, mit dem das Land binnen zehn
Jahren voll in den nordamerikanischen Markt integriert werden
soll. Die internationale Gemeinde der Neoliberalen hatte einen
Musterschüler gefunden. Mit der Aufnahme Mexikos in die
OECD honorierte der Club der reichen Länder 1994 schließlich
den vermeintlich vorbildlichen Kurs der Mexikaner.

3. Die wügende Importwelle
|
Auf den ersten Blick schien das Konzept auch zu funktionieren.
Zahlreiche transnationale Konzerne eröffneten oder
vergrößerten Fertigungsbetriebe. Die Exporte stiegen jährlich um
sechs Prozent, und die Auslandsverschuldung des Staatshaushalts,
die das Land 1982 noch kollabieren ließ, ging zurück.
Erstmals erlebte Mexiko auch den Aufstieg einer zwar kleinen,
aber kaufkräftigen Mittelklasse, die neue Unternehmen gründete
und Steuern zahlte. Aber vom Wunder profitierte in Wirklichkeit
nur ein kleiner Teil der Ökonomie und der Bevölkerung.
Die neuen, dynamischen Wachstumsindustrien in der
Chemie-, Elektronik- und Autobranche waren hochgradig
importabhängig und boten nur relativ wenig neue Arbeitsplätze.
Die ehedem staatliche Großindustrie fiel an einige wenige
Großaktionäre. Lediglich 25 Holdinggesellschaften kontrollieren
ein Firmenimperium, das die Hälfte des Bruttosozialprodukts
hervorbringt.
(1)
Gleichzeitig setzte aber die rasante Öffnung
gegenüber den Vereinigten Staaten wichtige nationale
Wirtschaftsbereiche der US-Konkurrenz aus. Eine Importwelle
überschwemmte das Land, und die arbeitsintensive, mittelständische
Industrie ging in die Knie. Allein im Maschinenbau
mußte die Hälfte aller Betriebe schließen, ebenso in der bis dahin
stabilen Textilbranche. Das reale Wirtschaftswachstum
sank unter die Zuwachsrate der Bevölkerung. Fatal wirkte sich
die forcierte Kapitalisierung der Landwirtschaft aus, die den
Export ankurbeln und helfen sollte, den riesigen amerikanischen
|195|
Mitbewerbern Paroli zu bieten. Mehrere Millionen mexikanischer
Landarbeiter verloren ihre Jobs an Maschinen und
flohen in die ohnehin überfüllten Städte. Ab 1988 wuchsen die
Einfuhren viermal schneller als die Ausfuhren und türmten ein
Handelsdefizit auf, das 1994 eine Summe erreichte, die so groß
war wie das Defizit aller anderen lateinamerikanischen Staaten
zusammengenommen.
(2)

4. Die Falle der Freihandelspolitik
|
Doch nun konnten Mexikos
Wachstumsstrategen nicht mehr zurück. Um die Wähler bei Laune
und die Importe billig zu halten, verteuerte die Regierung die
eigene Währung mit Höchstzinsen. Das würgte nicht nur die
Binnenwirtschaft ab, sondern holte auch über 50 Milliarden
Dollar kurzfristiger Anlagen von US-Investmentfonds ins
Land. Im Dezember 1994 folgte das Unvermeidliche: Der
Boom auf Pump brach zusammen, die Abwertung des Peso
wurde unumgänglich. Aus Furcht vor dem Zorn geprellter
US-Anleger und der Angst vor einem weltweiten Finanzkrach
brachten Washingtons Finanzminister
Rubin und IWF-Chef
Camdessus den größten Notkredit aller Zeiten auf den Weg
(siehe Kapitel: Diktatur mit beschränkter Haftung). Das rettete
zwar die ausländischen Investoren, stürzte Mexiko allerdings in
eine wirtschaftliche Katastrophe. Um das Vertrauen der internationalen
Märkte wiederherzustellen, verordnete Präsident
Ernesto Zedillo seinem Land eine weitere Schockbehandlung.
Jährliche Zinsen von real über 20 Prozent und enorm eingeschränkte
Staatsausgaben provozierten die schlimmste Rezession
seit 60 Jahren. Binnen weniger Monate waren 15 000
Unternehmen bankrott, an die drei Millionen Menschen verloren
ihre Arbeit, und die Kaufkraft der Bevölkerung schrumpfte um
mindestens ein Drittel.
(3)

Nach einem Jahrzehnt neoliberaler Reformen steht die 100-
Millionen-Nation südlich des Rio Grande nun schlechter da
als zuvor. Von der Bauernguerilla der Zapatisten im Süden bis
zu den rund eine Million organisierten Mittelständlern, die
ihre hochgeschnellten Kreditzinsen nicht zurückzahlen können,
destabilisieren die verschiedensten Protestbewegungen
|196|
den Staat. Mexiko sei noch immer ein Schwellenland, urteilt
die Sozialwissenschaftlerin und Landeskennerin
Anne Huffschmid,
aber nicht auf dem Sprung in die Reichtumszone, sondern
»an der Schwelle zur Unregierbarkeit, zum Bürgerkrieg«.
(4)

5. Mexiko, vom Absatzmarkt zum Armenhaus
|
Damit fällt auch für den übermächtigen Nachbarn im Norden
die Bilanz des Nafta-Abenteuers negativ aus. Als zunächst
amerikanische Montagefabriken in den Süden abwanderten,
konnte die
Clinton-Administration noch argumentieren, in der
US-Exportindustrie schaffe die wachsende Güterausfuhr nach
Mexiko 250.000 zusätzliche Arbeitsplätze in den Vereinigten
Staaten. Mit dem ökonomischen Absturz verfiel aber auch die
Nachfrage der Mexikaner nach US-Produkten, der Handelsüberschuß
der Vereinigten Staaten gegenüber Mexiko von
1994 verkehrte sich ins Gegenteil. Vom erhofften Jobzuwachs
in den Vereinigten Staaten blieb nichts übrig. Gewachsen ist
dagegen der Gewinn für all jene Firmen, die mit der Billigarbeit
in Mexiko ihre Lohnkosten gesenkt hatten. Die Abwertung des
Peso verschaffte vielen US-Konzernen, aber auch zahlreichen
deutschen und asiatischen Automobil- und Elektronikunternehmen,
sogar noch einen zusätzlichen Vorteil auf dem Weltmarkt.
Die Arbeitsplätze in diesen Firmen bieten vielen mexikanischen
Familien eine Existenzgrundlage, aber sie gleichen
nicht annähernd die Verluste aus, die der Zusammenbruch der
Binnenwirtschaft verursachte. Darum stieg auch wieder die
Zahl der mexikanischen Flüchtlinge, die illegal und oft unter
abenteuerlichen Umständen den Rio Grande durchqueren und
in den USA nach Überlebenschancen suchen, obwohl das
Nafta-Abkommen mit Mexiko genau diese Migration
verhindern sollte.

6. Von der Vision zur Illusion des Wirtschaftswunders
|
So entlarvt die mexikanische Erfahrung die Vision vom
Wohlstandswunder durch den totalen Markt als naive Illusion.
Wann immer ein weniger entwickeltes Land ohne gezielte
Industrieförderung und den Schutz durch Zollschranken
versucht, gegen die überlegene Konkurrenz aus den westlichen
Industrieländern anzutreten, ist das Scheitern absehbar: Der
|197|
Freihandel bedeutet lediglich die Durchsetzung des Rechts der
Stärkeren - nicht nur in Mittelamerika.

Europas Mexiko ist die Türkei. In der Hoffnung auf einen
schnellen Modernisierungsschub schloß die Regierung in
Ankara mit der Europäischen Union einen Vertrag über die Bildung
einer Zollunion, der Anfang 1996 in Kraft trat. Türkische
Industrielle erwarteten davon mehr Exporte in die EU. Doch die
Modernisierer am Bosporus unterschätzten wie die Mexikaner
die Folgen der Öffnung für ihre eigenen Märkte. Seitdem Waren
aus aller Welt zu EU-Bedingungen in die Türkei importiert werden
können, sind ausländische Billigprodukte ein Renner. Binnen
eines halben Jahres rutschte die türkische Handelsbilanz
tief in die roten Zahlen. Zwar legten die Exporte um zehn Prozent
zu, die Einfuhren stiegen aber um 30 Prozent. Aus Angst um
ihre gefährdeten Devisenreserven führte die neue Regierung unter
Führung der islamistischen Wohlfahrtspartei sofort eine Importabgabe
von sechs Prozent ein. Der Zollvertrag mit der EU
erlaubt solche Schutzmaßnahmen aber nur 200 Tage lang. Die
Türkei steckt in der Falle.
(5)

Wiederum erweist sich, daß die ungeschützte Integration von
hoffnungsvollen, aber kapitalschwachen Entwicklungsländern
in die Freihandelszonen der hochentwickelten Industrienationen
mehr Schaden stiftet als Nutzen. Diese Erkenntnis ist freilich
alles andere als neu. Anders als die marktgläubigen Europäer
und Amerikaner haben viele Regenten ärmerer Länder in
der südlichen Hemisphäre dies schon vor Jahren begriffen und
bahnten ihren Nationen einen weit klügeren Weg in den
Wohlstand.

7. Drachen statt Schafe: Das asiatische Wunder
|
Anmerkungen
(1)
Silvio Bertolami, Kater nach dem Tequilarauch in: Die Weltwoche, 12. 1. 1995.

(2)
Daten aus: Anne Huffschmid, Demaskierung auf mexikanisch, in: Blätter für
deutsche und internationale Politik 6 / 1995.

(3)
Newsweek, 18. 3. 1996.

(4)
Daten aus: Anne Huffschmid, Demaskierung auf mexikanisch, in: Blätter für
deutsche und internationale Politik 6 / 1995.

(5)
Frankfurter Allgemeine Zeitung 2. 7. 1996.

|