Das Gesetz der Wölfe
Die grenzenlose Jobkrise und die neue Transnationale
1. Globale Konstruktion
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In
Dearborn im US-Staat Michigan arbeiten im Schein zahlreicher
Computer-Bildschirme die wertvollsten Ingenieure des
Ford-Konzerns, des zweitgrößten Autobauers der Welt. Mühelos
demonstrieren sie die Symbiose von Mensch und Maschine.
Ein Karosserie-Designer fährt mit seinem verkabelten
Stift über das elektromagnetische Zeichenfeld auf seinem
Tisch. Ein schneller Druck hier, eine Linie dort, und auf seinem
Monitor werden die Umrisse eines Fahrzeugs erkennbar, das
vielleicht bald als das neueste Ford-Modell in Ausstellungsräumen
in aller Welt die Blicke der Käufer auf sich ziehen wird.
Plötzlich ertönt aus einem unscheinbaren Lautsprecher neben
dem Monitor eine hohle Stimme: »Das gefällt mir ganz gut«,
kommentiert der Anonymus das Gezeichnete, »aber wie wäre
es, wenn wir es so machen?« Und wie von Geisterhand gesteuert
verändert sich die Fahrzeugskizze auf dem Schirm, wird
oben ein wenig runder und seitlich noch schnittiger.

Das mitzeichnende Phantom sitzt in Köln, der Europa-
Zentrale von Ford. Mal gleichzeitig, mal nacheinander im
Schichtbetrieb arbeiten die Entwickler in Deutschland mit ihren
Kollegen in Dearborn an denselben Projekten. Sie führen
europäische, amerikanische und auch japanische Ideen und
Vorstellungen zusammen. Silicon Graphics Computer stehen
überall, fünf über die Kontinente verstreute Entwicklungslabors
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bilden ein einziges, globales Studio für die Autokonstruktion,
in dem jeder virtuelle Crash-Test, jede aerodynamische
Berechnung für jedes Modell nur noch in einer gemeinsamen
Testserie durchgeführt werden muß.

2. Provinzfilialen als Weltkonzern
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Das Design per Video- und Rechnerschaltung über alle
Ozeane und Zeitgrenzen hinweg ist Teil der bislang radikalsten
Reorganisation des Ford-Konzerns. Seit Anfang 1995 entwickelt
nicht mehr jede regionale Tochtergesellschaft ihre eigenen
Modelle, wird nicht mehr das fertige Konstrukt der einen
Division von der nächsten überarbeitet und in der dritten angepaßt.
Statt dessen verordnete Ford-Chef
Alex Trottman
die Verschmelzung der alten Regionalkonzerne zu zwei großen
Einheiten, die den Markt in Europa und den USA sowie in
Asien und Lateinamerika bedienen werden. Was vor kurzem
noch als schwerfällig und umständlich erschien - die Anwendung
modernster Informationstechnik stößt die Tür auf für die
global integrierte Unternehmensmaschine. Entwicklung, Einkauf,
Vertrieb - Ford optimiert online im Weltmaßstab und
vermeidet jede Doppelarbeit bis in die abgelegenste Provinzfiliale.
Das Ergebnis sind »global cars«, mit denen Ford einmal
mehr den weltweiten Standard dafür setzt, wie die Herstellung
von Automobilen auf größtmögliche Effizienz getrimmt werden
kann. Die Umstellung spart Kosten in Milliardenhöhe und
voraussichtlich mehrere tausend hochqualifizierte, gutbezahlte
Jobs von Managern, Ingenieuren und Verkäufern. Für
das zuletzt weltweit vermarktete Modell, den Mondeo, benötigten
die Ford-Konstrukteure noch zwei Monate und 20 internationale
Arbeitskonferenzen, ehe das Projekt beschlußbereit
war. Für das neueste Modell Taurus waren gerade mal 15
Arbeitstage und drei Kontrollsitzungen nötig, bis der Vorstand
grünes Licht für den Produktionsstart gab, ein Effizienzsprung
von über hundert Prozent.
(1)

3. Wertloses Wissen in der Arbeitswelt
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Die »Revolution bei Ford«, so das Wirtschaftsblatt
The Economist,
folgt nicht etwa dem Druck einer finanziellen
Krise. Über sechs Milliarden Dollar Gewinn fuhr der Konzern
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im Jahr 1994 ein.
Trottman
und seine Führungsmannschaft
vewirklichen lediglich, was ihnen die Awendung modernster
Technologie im globalen Netz ermöglicht - und alle anderen
werden folgen, nicht nur im Automobilbau.

Branche für Branche, Beruf für Beruf wälzt eine Revolution
die Arbeitswelt um. Kaum jemand bleibt verschont. Vergeblich
suchen Politiker und Ökonomen noch nach Ersatz für die verlorenen
Blaumann-Jobs, die im Vulkan-Schiffbau, in den Flugzeugwerften
der Dasa oder an den Fließbändern bei Volkswagen
verschwinden. Da hat die Angst um den Arbeitsplatz
längst auch in den Angestelltenbüros Einzug gehalten und
erfaßt die ehedem sichersten Sektoren der Wirtschaft. Aus Jobs
fürs Leben werden Gelegenheitsarbeiten, und wer gestern noch
einen Zukunftsberuf hatte, dessen Fähigkeiten können sich
über Nacht in wertloses Wissen verwandeln.

4. Banken ohne Personal
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So brechen für die knapp eine Million Angestellten des Banken-
und Versicherungsgewerbes dunkle Zeiten an. Seitdem
die Unternehmen der Finanzwirtschaft im Weltmaßstab
gegeneinander antreten, verheißt ihnen der grenzenlose Wettbewerb
ein Schicksal, wie es in der gleichen Härte vordem nur
den Beschäftigten in der Textilbranche widerfuhr. Mit Geldautomaten
und Kontoauszugs-Druckern ging es erst los. Nun
drängen amerikanische und japanische Banken, Versicherungen
und Investmentfonds auf den europäischen und vor allem
auf den deutschen Markt für Sparer und Kreditnehmer. American
Express zum Beispiel bietet seit 1995 Girokonten an, die
ohne Kündigungsfrist höhere Zinsen bieten als das Sparbuch.
Rund um die Uhr kann der Kunde telefonisch oder per PC Aufträge
aller Art erteilen, Erspartes binnen Minuten in höher
verzinste Anlagen umschichten und sich sogar das Bargeld nach
Hause senden lassen. Auch Fidelity Investments, die weltgrößte
Fondsgesellschaft mit Hauptsitz in Boston im US-Bundesstaat
Massachusetts, verkauft von ihrer Niederlassung in
Luxemburg aus in der ganzen Europäischen Union ihre Wertpapiere
per Telefon. Diese Marktstrategie stellt die traditionellen
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Strukturen des Bankgeschäfts auf den Kopf. Dichte Filialnetze,
die bislang wegen ihrer Nähe zum Kunden ein Vorteil
waren, werden nun zum teuren Luxus und Wettbewerbsnachteil.
Mit selbständigen Tochtergesellschaften wie der Bank 24
oder der Advance Bank, hinter denen die Deutsche Bank und
die Vereinsbank stehen, stellen derzeit alle großen deutschen
Geldhäuser auf das Telegeschäft um. Der Anlaufphase wird in
den kommenden Jahren eine radikale Ausdünnung der Filialen
folgen.

5. Bankpersonal als Billig-Jobs
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Bankkaufleute mit Abitur, Lehre, aufwendiger betrieblicher
Weiterbildung und entsprechend hohen Gehältern werden
dann nur noch in kleiner Zahl gebraucht. Vom traditionellen
Berufsbild des freundlichen, gutbezahlten Bankangestellten
von nebenan bleibt nicht viel übrig. Bei VB-Dialog etwa, dem
Direktbank-Ableger der Bayerischen Vereinsbank, gilt nicht
mehr der Tarifvertrag mit der Gewerkschaft. Statt der üblichen
23 bis 30 Mark erhalten die Mitarbeiter nur 16 Mark die
Stunde, wenig mehr als im Reinigungsgewerbe üblich ist. Das
Urlaubsgeld spart die Münchner Großbank bei den neuen
Mitarbeitern ebenso wie das Weihnachtsgeld. Zudem müssen sie
ohne Zuschlag rund um die Uhr einsatzbereit sein, selbst am
Wochenende. Sogar für die hochspezialisierten Experten, die
eine betuchte Klientel und Firmenkunden betreuen, wird es
eng, ebenso für die Millionenjongleure auf dem elektronisch
organisierten Weltfinanzmarkt. Schon fünf der großen deutschen
Finanzhäuser kauften sich bei Investmentbanken in London
ein und konzentrieren dort ihr Großkundengeschäft. Bei
Kleinwort Benson (Dresdner) oder
Morgan Grenfell (Deutsche)
haben deutsche Jobbewerber, selbst wenn sie aus dem
eigenen Haus kommen, nur geringe Chancen. Ihre Arbeitgeber
setzen lieber auf angelsächsische Kräfte.

6. Mit weniger Personal größere Renditen
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US-Finanzprofis in Washington und New York höhnen über
das ihrer Meinung nach veraltete, ineffiziente und vor allem
viel zu gewinnarme Bankensystem in Europa. »Das Management
des großen Geldes in der Schweiz«, erklärt ein führender
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Wall-Street-Fondsmanager, »ist in einer anderen Welt aufgewachsen.
Doch diese Leute werden alle das Boot verpassen,
wenn die Anleger bei uns 30 Prozent Jahresrendite bekommen
und Schweizer Banken vielleicht zwei oder drei Prozent bieten.«
Binnen weniger Jahre, so sind viele amerikanische Großspekulanten
überzeugt, werden sie auch Milliardenbeträge bislang
vorsichtiger deutscher, Schweizer und österreichischer
Sparer in ihre Risikofonds locken. »Zunächst eröffnen wir in
der Züricher Bahnhofstraße eine auffällige Filiale. Die Schweizer
Kunden werden die Nase rümpfen und uns mißtrauen.
Wenn aber ein mutiger Nachbar, der bei uns sein Geld anlegt,
nach wenigen Jahren mit einem Porsche vorfährt, den er sich
bei uns verdient hat, wird sich das sofort ändern«, erklärt ein
Insider plastisch die Strategie.

Die Konsequenzen werden hart. »Die Banken sind die Stahlindustrie
der neunziger Jahre«, prophezeit
Ulrich Cartellieri,
Vorstandsmitglied der Deutschen Bank.
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Das ist keine
Übertreibung, ermittelten Marktforscher der Unternehmensberatungsgesellschaft
Coopers & Lybrand. In einer Studie über die
Pläne der 50 führenden Banken der Welt sagen sie voraus, daß
im Geldgewerbe in den nächsten zehn Jahren die Hälfte aller
Mitarbeiter ihren Job verlieren wird. Hochgerechnet auf die
deutsche Finanzbranche bedeutet das den Verlust von einer
halben Million gutbezahlter Arbeitsplätze.
(3)

7. Drei Inder für einen Schweizer
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Anmerkungen
(1)
The Economist, 7. 1. 1995.

(2)
Zitiert in: Die Zeit 24. 11. 1995.

(3)
Finanzcial Times, 28. 3. 1996.

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