Diktatur mit beschränkter Haftung
Super-Gau im Cyberspace
1. Vom Dominoeffekt zum Super-Gau
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Dabei können den Bankenaufsehern die
Verluste einzelner
Händler und Banken im Prinzip gleichgültig sein. Gefährlich
wird es jedoch, wenn große Banken und Investmentgesellschaften
zahlungsunfähig werden. Dadurch würde das gesamte
System in Gefahr geraten. Die Pleite eines Instituts kann
über Nacht weitere in Mitleidenschaft ziehen und einen weltweiten
Dominoeffekt auslösen. »Dann schwappt das Risiko
auf die Börsen, von dort auf die Wechselkurse und damit in die
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reale Welt«, sorgte sich bereits Anfang 1994 der Präsident des
deutschen Sparkassenverbandes.
Horst Köhler. Ein solcher
»GAU« sei » durchaus möglich«.
(68)
Der Handel käme schlagartig
zum Erliegen, das ganze System kollabiert, und ein globaler
Crash wäre unvermeidlich, wie ihn die Welt zuletzt am
Schwarzen Freitag im Oktober 1929 erlebte.

2. Wirkungslose Schutzbestimmungen
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Mit dem zentralen Terminus technicus der Atomingenieure,
dem »größten anzunehmenden Unfall«, wählt
Köhler den
richtigen Vergleich. Denn die so genannten systemischen Risiken
auf den Finanzmärkten sind denen von Kernkraftwerken
ganz ähnlich. Die Wahrscheinlichkeit, daß es zum Ernstfall
kommt, ist gering, das Ausmaß des potentiellen Schadens
jedoch beinahe unendlich. Darum versuchen die Kontrollbehörden
im Bankensektor der großen Industrieländer seit Jahren,
harte Vorschriften durchzusetzen. So gilt seit 1992 die Grundregel
von Tokio bis Frankfurt, daß jede Bank mit Eigenkapital
in Höhe von mindestens acht Prozent aller ausstehenden Kredite
ausgestattet sein muß. Wird ein Großkredit faul, muß dieses
Kapital zur Deckung des Ausfalls zur Verfügung stehen.
Der Derivathandel führt diese Vorkehrung jedoch ad
absurdum. Die offenen Handelspositionen der Händler tauchen
in den Bilanzen meist gar nicht auf, und wenn es so ist, bleibt es
den Geldhäusern überlassen, wie hoch sie das Risiko bewerten.

3. Warnungen vor der Explusivkraft der Börsen
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Seitdem die Skandale und Unfälle sich häufen, schlagen viele
Aufseher laut Alarm. Es sei »fünf Minuten vor zwölf«, warnte
etwa der Chef der US-Wertpapierbehörde Securities and Exchange
Commission (SEC),
Arthur Levitt, kurz vor dem Barings-Unfall.
(69)
Wilhelm Nölling, der bis 1992 als Präsident der
Hamburger Landeszentralbank auch Mitglied im Direktorium
der Bundesbank war, forderte, die internationale Politik müsse
dringend »die Finanzwelt vor sich selbst schützen« und entsprechende
Vorkehrungen gegen einen »Super-Gau im Finanzsystem«
treffen.
(70)
Auch der New Yorker Bankier und Kandidat
für das Amt des Vizepräsidenten der US-Notenbank,
Felix Rohatyn,
erkannte das »tödliche Potential, das sich in der
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Kombination aus neuen Finanzinstrumenten und hochtechnisierten
Handelstechniken verbirgt, die zur Auslösung einer
zerstörerischen Kettenreaktion beitragen können. Die
Weltfinanzmärkte sind heute eine größere Gefahr für die Stabilität
als die Atomwaffen.«
(71)
Ins gleiche Horn blies im April 1995
Jochen Sanio, Vizepräsident des Bundesaufsichtsamtes für das
Kreditwesen. Der Fall Barings sei vergleichsweise ein kleiner
Fisch. Problematisch werde es, wenn einer der Global Player
einbreche. Häuser wie Goldmann Sachs, Merryll Lynch oder
Citibank gebe es nur wenige, auf sie sei aber der allergrößte
Teil des Derivatgeschäfts konzentriert. Falle einer dieser
Knotenpunkte aus, »könnte das Netz schlagartig einer großen
Zerreißprobe unterworfen werden«. Notwendig sei darum eine
weltweit vernetzte »Evidenzzentrale«, verlangte
Sanio, bei der
große Derivatgeschäfte, ähnlich wie schon jetzt auf nationaler
Ebene die Großkredite, gemeldet werden müßten. Nur so
könnte rechtzeitig erkannt werden, wo der Markt zu hohe
Risiken akkumuliere.
Sanio: »Der Zwang zum Handeln ist übergroß.«
(72)
Selbst der Finanzguru
George Soros, einer der größten
Profiteure des schnellen, grenzenlosen Geldgeschäfts,
mahnt zur Vorsicht. Gegen größere Krisen sei das Finanzsystem
nicht gewappnet, erklärte er im Januar 199S den
3000 Zuhörern aus Top-Management und Weltpolitik beim
Weltwirtschaftsforum in Davos. Im Ernstfall drohe der
Kollaps.
(73)

4. Empfehlungen statt Gesetze
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Doch merkwürdig, trotz so vieler Warnungen hat sich bisher -
fast - nichts geändert. Die geforderte Evidenzzentrale
verschwand ebenso aus der Diskussion wie der Ruf nach schärferen
Gesetzen. Statt dessen stritten sich die Aufsichtsbehörden
der großen Finanzplätze, die bei der Basler Bank für internationalen
Zahlungsausgleich eine ständige Koordinierungsgruppe
unterhalten, mit den Banklobbyisten zwei Jahre lang darum;
nach welchen Methoden die Handelsrisiken berechnet werden
sollen. Im Dezember 1995 mündete dies in einer unverbindlichen
Richtlinie, die es den Banken freistellt, ihr Risiko selbst zu
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taxieren. Nur mögen sie das Resultat, probehalber, bitte mit
drei multiplizieren und entsprechend der so ermittelten Summe
Eigenkapital vorhalten.
(74)

5. Wachen Auges ins Crash-Risiko
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Die Empfehlung, die erst nach drei Jahren vielleicht gesetzlich
vorgeschrieben werden soll, hat die Debatte vorerst beruhigt,
eine wirksame Sicherheitsmaßnahme ist sie ganz sicher
nicht. Das räumte indirekt sogar
Edgar Meister ein, dem bei
der Bundesbank das Direktorat Bankenaufsicht untersteht. In
einem Vortrag vor dem »European Risk Management Round
Table«, in einem abgeschirmten Tagungshaus im Taunus hielt
er im Januar 1996, gerade mal sechs Wochen nach der
Verabschiedung der Basler Empfehlung, den versammelten
Risikoexperten der Geldbranche die Schwächen ihrer gängigen
Berechnungen gleich im Dutzend vor. Viele Modelle enthielten
»vereinfachende Ausnahmen«, würden »extreme Ausschläge
der Kurse« nicht einkalkulieren, unzulässig »von der Vergangenheit
auf die Zukunft schließen« und schließlich »Liquiditätsengpässe
kaum berücksichtigen, wie dies bei der Metallgesellschaft
und Barings der Fall war«.
(75)
Mit anderen Worten, das
selbstorganisierte Risikomanagement versagt genau dann,
wenn es am dringendsten gebraucht wird: bei unvorhersehbaren,
großen Marktbewegungen. Das bestätigt auch
Thomas Fischer,
der bis zum Sommer 1995 den Derivathandel bei der
Deutschen Bank leitete. » Schlimm wird es, wenn keiner mehr
durchblickt, was eigentlich gerade passiert «, erklärt der erfahrene
Händler. »Dann wollen alle verkaufen, und nur wenige
wollen es haben« - der Markt wird illiquide. »In solchen Situationen
taugen alle Berechnungsmodelle nichts mehr, in drei
Sekunden sind die Händler an ihrem Verlustlimit, und nichts geht
mehr.«
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6. Verschwiegene Schwachstellen
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Verschärft wird das Crash-Risiko durch eine besonders brisante
Schwachstelle im System, die zumeist peinlich verschwiegen
wird: Die High-Tech-Architektur des elektronischen
Marktplatzes ist alles andere als perfekt. Mit den schnellen
Deals am Handelstisch und auf dem Börsenparkett sind die
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Geschäfte keineswegs auch durchgeführt. Den Handel rechtsverbindlich
zu vereinbaren, Zahlungen anzuweisen und das
Eigentum an Wertpapieren auch tatsächlich zu überschreiben,
all das organisieren erst im nachhinein die Heerscharen von
Helfern in den sogenannten »back offices«. Deren System
aber, anders als das der Händler, arbeitet langsam - zu langsam
für eine Branche, die in wenigen Stunden die ganze Welt in den
Konkurs treiben kann.

7. Nationale Verrechnung als Bremsklotz
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Ihr wichtigstes Instrument ist die »Society For Worldwide
Interbank Financial Telecommunication?«, kurz Swift. Diese
Organisation betreibt das leistungsfähigste private Kommunikationsnetz
der Welt, dem über 5000 Institute angeschlossen
sind. Über einige Dutzend regionaler Anschlußstellen und
zwei Großrechner an geheimen Orten nahe Amsterdam und
Washington organisiert Swift die Übermittlung von jährlich
über 500 Millionen Anweisungen weltweit. Erst hier, in perfekter
Verschlüsselung, die militärischen Anforderungen entspricht,
tauschen die Banken für sich und ihre Kunden die
Vereinbarungen aus, die als verbindlich gelten. Erst nachdem die
Swift-Botschaften doppelt bestätigt sind, folgt die eigentliche
Abwicklung, also die Belastung und Gutschrift auf den jeweiligen
Konten. Das geschieht nach wie vor ausschließlich über die
jeweiligen nationalen Giro-Netze, in Deutschland etwa über
das Leitsystem der Landeszentralbanken. Mark-Guthaben
verlassen niemals wirklich die Bundesrepublik, sondern wechseln
lediglich auf Konten der zugelassenen Banken den Besitzer.
Wer immer eine Transaktion in D-Mark ausführen will,
braucht eine Bank oder Filiale in Deutschland. Schon wegen
der verschiedenen Zeitzonen dauert all das aber zwei, manchmal
sogar drei Tage, auch wenn nur ein einfaches Devisengeschäft
erledigt wird. Im Krisenfall wissen die Bankmanager
darum erst viel zu spät, ob sie wirklich über die gehandelten
Summen verfügen können.

8. Wertpapierhandel über Euroclear
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Noch komplizierter ist die Abwicklung im internationalen
Wertpapierhandel. Das ist das Geschäft von Euroclear, einer
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einzigartigen Organisation mit Sitz in der Brüsseler Avenue
Jaqumain. Ohne Firmenschild, hinter einer anonymen Fassade
aus Granit und Glas, versteckt sich einer der empfindlichsten
Knotenpunkte des Weltfinanzsystems. Nur zehn der 950 Mitarbeiter
dürfen die hochgesicherte Computerzentrale betreten,
die von eigenen Generatoren und großen Reservetanks auf
dem Dach betrieben wird, die das System notfalls autonom mit
Strom und Kühlwasser versorgen können. Zudem läuft an
einem geheimgehaltenen Ort eine weitere komplette Anlage
parallel, um bei Ausfall des Hauptrechners sofort alle
Operationen übernehmen zu können. Täglich übermittelt ein
privates Telekom-Netz des US-Konzerns General Electric die
Anweisungen für 43 000 Transaktionen in die Rechner, die
tagsüber die Botschaften annehmen und nachts verarbeiten.
Dabei kommt nie auch nur eine Aktie oder ein Schuld-Zertifikat
in Brüssel an. Vielmehr schafft Euroclear ein System der
Systeme, das zwischen den nationalen Abwicklungsorganisationen
vermittelt. In der Bundesrepublik ist das der deutsche
Kassenverein mit Sitz in Düsseldorf, wo die Mehrzahl der deutschen
Wertpapiere verwahrt wird. An nur einem Geschäft
können schnell bis zu zehn verschiedene Adressen beteiligt sein
- neben den eigentlichen Handelspartnern noch die Broker, die
nationalen Depotzentralen sowie die Banken, auf deren Konten
die entsprechenden Zahlungen verbucht werden müssen. So
dauert das Verfahren, trotz optimaler elektronischer Ausrüstung
und weltweiter Vernetzung, insgesamt drei Tage.
(77)

9. Die gefürchtete Blockade
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Dieser Verzug könnte der ganzen Finanzwelt im Ernstfall
zum Verhängnis werden. Denn während die Händler längst mit
den erwarteten Einnahmen weiter handeln, kann an anderer
Stelle der milliardenwerte Datenfluß schon zum Stillstand
gekommen sein. »Ein größerer Bruch in der Abwicklungskette
kann große Teile des Systems zum Stillstand bringen«, warnt
Gerald Corrigan,
Chefstratege für internationale Anlagen bei
Goldman Sachs und früherer Präsident der New Yorker Fed.
»Dann könnte die gefürchtete Blockade eintreten, in der die
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Marktteilnehmer zu dem Schluß kommen, das Sicherste sei,
nichts mehr zu tun, Zahlungen zurückzuhalten, die hinterlegten
Sicherheiten der Handelspartner zu kassieren und schon
verkaufte Papiere nicht mehr freizugeben.« Die Guthaben, die auf
diese Weise blockiert werden könnten, seien viel zu groß geworden.
Das Handelsvolumen und die damit verbundenen Risiken,
so
Corrigan,
»wachsen viel schneller als die Fähigkeit der Banken,
diese auch zu tragen«.
(78)

10. Bedinungsfehler der Weltfinanzmaschine
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Vor dem Hintergrund solcher Warnungen erscheint ein
Super-Gau im staatsfreien Cyberspace der Weltfinanz weitaus
wahrscheinlicher, als viele ihrer Akteure sich selbst und ihren
Kunden weismachen. Zwar haben Aufseher und Risikomanager
zahllose Sicherheitsmechanismen installiert. So müssen sich
die meisten Händler strikt an vorgegebene Limits halten. Fast
überall dürfen sie nur mit Partnern dealen, deren Kreditwürdigkeit
vorher geprüft wurde. Clearing-Zentralen wie Euroclear
halten interne Kreditpuffer und Wertpapierreservefonds bereit,
um Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Aber weder mit Technik
noch mit Prüfung können die Sicherheitsexperten der
Weltfinanzmaschine verhindern, was auch die Manager anderer
großtechnischer Systeme am meisten fürchten: menschliches
Versagen. Im Einzelfall hat das an den Händlertischen und auf
dem Börsenparkett kaum Bedeutung. Die Verluste des einen
sind die Gewinne des anderen. Doch im globalen Rennen um
Rendite ist Irrtum ansteckend. Wenn branchenbekannte
Händler namhafter Banken und Fonds große Risiken eingehen,
regiert schnell der Herdentrieb. Nicht nur bei einem, sondern
bei Tausenden siegt dann die Gier über die Vernunft, und
die sonst kühl kalkulierenden Strategen setzen im Rudel alle
Sicherheitsregeln außer Kraft.

11. Die Raffgier als Irrtum
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Nichts anderes stand hinter der »ersten großen Krise unserer
neuen Welt der globalisierten Märkte«, mit der IWF-Chef
Camdessus und die US-Regierung im Januar 199S kämpften.
Als die mexikanische Regierung zunächst den Peso abwertete
und kurz darauf zahlungsunfähig wurde, beklagten zahlreiche
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US-Geldmanager, sie seien über das Ausmaß des mexikanischen
Dollardefizits getäuscht worden, Mexiko habe zu lange
die wahren Daten geheimgehalten. Nur deshalb hätten sie ihre
Milliarden in das vordem vielversprechende Entwicklungsland
gepumpt. Derlei Behauptungen belegen aber bestenfalls eine
kollektive Selbsttäuschung oder waren schlicht gelogen. Moody's
und andere Rating-Agenturen verfügten über alle Daten
und hatten Anlagen in mexikanischen Staatspapieren schon
während des gesamten Jahres 1994 als hochriskant eingestuft.
Aber in diesem Fall wollten selbst die Manager der größten
Fonds den brancheneigenen Wachhunden nicht glauben. »Die
Gewinne waren einfach zu sexy«, gestand einer der beteiligten
Händler. Schon für die »Tesobonos«, die in Dollar nominierten
Staatsanleihen, die nicht von Abwertung bedroht waren,
bot das mexikanische Finanzministerium lange vor Ausbruch
der Krise zweistellige Zinsraten und holte so 14 Milliarden
Dollar von amerikanischen Anlegern ins Land. Ausgerechnet
der größte Publikumsfonds der Welt, die Fidelity Investment
Group, die das Geld von Millionen amerikanischen Sparern
verwaltet, stieg zeitweilig zum größten Gläubiger Mexikos
auf. Entsprechend panisch reagierte die US-Finanzbranche, als
sich in Mexiko-Stadt die Zahlungsunfähigkeit der Regierung
abzeichnete.

12. Regellosigkeit als Fluch und Segen
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Plötzlich verpuffte der ansonsten so gern ventilierte Zorn
über staatliche Regulierungswut und inflationstreibende
Haushaltsdefizite. Statt dessen erklärten die Sprecher aller
Märkte bei Angehörigen des US-Kongresses und in Kontakten
mit dem IWF-Direktor die systemsprengenden Folgen eines
weltweiten Domino-Effekts und mahnten jene Milliarden-Hilfe
an, die
Camdessus und Finanzminister
Rubin schließlich
mit ihrer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Steuergeldern
zusammenkratzten.

Die Peso-Krise enthüllte aber nicht nur die Schwäche der
Staaten gegenüber der unkontrollierten Spekulation, sondern
auch die Ohnmacht der Marktmacher gegenüber ihren eigenen
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Schwächen. Die anarchische, antistaatliche Gesinnung der
Lenker des Kapitalflusses dreht sich immer dann ins Gegenteil,
wenn es gilt, die von ihnen verursachten Unfälle zu bewältigen.
Die Märkte sollen zwar regieren, aber nur als Diktatur mit
beschränkter Haftung. Für Krisen bleibt die internationale
Staatengemeinschaft zuständig. Doch wie viele Mexikos wird diese
Gemeinschaft noch aushalten? Längst kursiert ein weiteres
Crash-Szenario. Um ihren angeschlagenen Finanzsektor zu
sanieren, überschwemmt die Bank of Japan seit Anfang 1995
die Welt mit beinahe zinslos ausgegebenen Yen und beschert
gewieften Anlegern eine sagenhafte Bonanza. Fonds und Banken
aus aller Welt liehen sich billige Yen in Milliardenhöhe,
tauschten in Dollar und kassierten Zinsmargen von bis zu
sechs Prozent. 300 Milliarden Dollar aus japanischen Quellen
flossen allein in den Erwerb von US-Anleihen. Den fetten
Gewinnen folgte die Furcht vor dem dicken Ende. Wie sollte diese
Geldwalze wieder abgebaut werden? Was würde geschehen,
wenn die japanische Konjunktur anspringt und die Notenbank
den Zins wieder hochsetzt? Bis August 1996 hielt der Yen-
Segen noch an, der Japan-Zins blieb niedrig. Aber weltweit
grübelten Analysten und Zentralbanker, ob womöglich ein
erneutes Erdbeben an den Bond-Märkten bevorstehe wie schon
im Frühjahr 1994, diesmal mit dem Epizentrum Tokio statt
Washington.
(79)

13. Krisenwellen durch die Finanzmaschine
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Aufruhr an den Märkten stiftet auch die Lage an den brasilianischen
Börsen. Der US-Ökonom
Rüdiger Dornbusch
warnte im Juni 1996, Brasilien drohe Ähnliches wie Mexiko.
Auch in Brasilien halte die Regierung an einem unrealistischen
Dollarkurs für ihre Landeswährung Real fest und ziehe mit
überhöhten Zinsen zuviel ausländisches Spekulationskapital
in den Markt. Brasilien fahre »auf der falschen Straßenseite in
der Erwartung, daß niemals Gegenverkehr kommt«, spottete
Dornbusch.
(80)

So wächst Jahr für Jahr die Wahrscheinlichkeit, daß die
wildgewordene Finanzmaschine weltweite Krisenwellen
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auslöst, die allein mit dem Glauben an die ordnende Kraft des
Marktes nicht zu beherrschen sind. Aber bald schon könnte
auch der Ruf nach dem Staat ins Leere zielen. Denn die Internationale
der Hochfinanz untergräbt unentwegt, worauf sie im
Krisenfall am dringendsten angewiesen ist: die Handlungsfähigkeit
der Nationalstaaten und ihrer internationalen
Institutionen.

Damit steht die Finanzbranche allerdings nicht allein. Am
gleichen Ast sägt auch die zweite Gruppe der neuen, selbsternannten
Weltenlenker im Zeichen der Globalisierung: die
Dirigenten der transnationalen Konzerne aller Sparten. Im
Gefolge der Zeitenwende von 1989 haben sie einen Siegeszug
angetreten, der die Welt schneller und radikaler verändert als je
irgendein Imperium oder eine politische Bewegung zuvor.
Doch auch dieser Sieg schmeckt bitter. Und das Triumphgefühl
wird nicht lange anhalten.

14. Das Gesetz der Wölfe
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Anmerkungen
(68)
Der Spiegel 12 /1994.

(69)
Wirtschaftswoche 47 / 1994.

(70)
Wilhelm Nölling, Die Finanzwelt vor sich selbst schützen, in: Die Zeit, 5. 11. 1993.

(71)
Felix Rohatyn, Globale Finanzmärkte: Notwendigkeit und Risiken, in:
Lettre intenational, Nr. 46, Herbst 1994, und: America in the year 2000,
Vortrag beim Bruno Kreisky Forum, 8. 11. 1995, Wien.

(72)
Handelsblatt 13. 4. 1995.

(73)
Deutsche Presse-Agentur, 27. 1. 1995.

(74)
Frankfurter Allgemeine Zeitung 13. 12. 1995.

(75)
Edgar Meister, Mitglied des Direktoriums der Bundesbank, Derivate aus der Sicht
der Bankenaufsicht, Vortragsmanuskript 29. 1. 1996.

(76)
Gespräch am 21. 1. 1996 in Frankfurt.

(77)
Gespräch mit Euroclear-Sprecher David Thomas am 21. 1. 1996 in Brüssel.

(78)
International Herald Tribune, 5. 2. 1996.

(79)
The Economist, 17. 2. 1996.

(80)
International Herald Tribune, 4. 6. 1996.

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