Diktatur mit beschränkter Haftung
Der faustische Pakt
1. Der erpressbare Staat
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Nach diesem Prinzip sind die
Nationalstaaten und ihre Regierungen
erpreßbar geworden. Unter dem Druck der organisierten
Finanzindustrie folgen sie beinahe weltweit dem Weg, den
Sarazin von der Dresdner Bank und seine Kollegen auch 1996
erneut vorgaben: Senkung der Steuern auf Vermögen und
Kapitalanlagen, Deregulierung aller Finanzdienstleistungen,
Einsparung bei Ausgaben für staatliche Dienstleistungen und
soziale Aufgaben. Denn, so
Sarazin, hohe Steuersätze »nähren
die Frustration und provozieren erst den Widerstand«, der zur
Steuerflucht führe. Haushaltsjahr für Haushaltsjahr, Steuergesetz
für Steuergesetz verfestigt sich so mit der Globalisierung
die Ungleichheit, egal wie verschieden die Kulturen oder die
gesellschaftlichen Werte auch sein mögen.

Die Mechanik dieser politischen Gleichschaltung läuft über
die staatlichen Haushalte. Der Anschluß ans internationale
Finanzsystem kommt für die betroffenen Länder einem »faustischen
Pakt« gleich, kommentierte das US-Nachrichtenmagazin
Newsweek.
(30)
Zunächst verschafft er den Regierungen Zugang
zu den global verfügbaren Kapitalreserven. Die Staaten können
sich für ihre Investitionen weit höher verschulden, als wenn sie
nur auf das Geld der heimischen Sparer und Reichen angewiesen
wären. Der Anreiz war bislang für jede ambitionierte Regierung
unwiderstehlich. Auch die deutsche Einheit wäre ohne das
Geld ausländischer Käufer von Bundesanleihen nicht finanzierbar
gewesen. Über ein Drittel der deutschen Staatsschuld liegt
heute in ausländischer Hand. Doch der Eintritt in die Sphäre
der Weltfinanzen muß teuer bezahlt werden: mit der Unterwerfung
unter das Gesetz der Zinshierarchie und der Auslieferung
an Mächte, von denen die meisten Wähler kaum eine
Vorstellung haben.

2. Die Bewertungsagentur der Finanzmärkte
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Die einflußreichste dieser anonymen Agenturen der Weltmacht
Finanzmarkt residiert in einem klobigen, elf Stockwerke
hohen Sandsteingebäude in der New Yorker Church Street 99.
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Im Schatten der beiden Türme des World Trade Center arbeiten
die 300 hochbezahlten Analysten des Moody's Investors
Service, der weltgrößten und gefragtesten Bewertungsagentur
für Kapitalanlagen. Ein mit Blattgold belegtes, mehr als zwölf
Quadratmeter großes Relief über dem Portal erläutert die
Firmenphilosophie und die Interessen: »Kommerzieller Kredit,
das ist die Schöpfung der Moderne, und er steht nur den
erleuchteten und bestregierten Nationen zu. Kredit ist der
Lebensatem des freien Systems im modernen Handel. Er hat mehr
als tausendmal soviel zum Reichtum der Nationen beigetragen
als alle [Edelmetall]-Minen der Welt.«

Hinter dem güldenen Glaubensbekenntnis beginnt eine
Sphäre von Macht und Geheimhaltung, die ihresgleichen
sucht. Wohl an keinem Ort der Welt werden die Geheimnisse
so vieler verschiedener Staaten und Unternehmen gehütet.
Kein fremder Besucher, gleich welchen Ranges, darf die
Arbeitsräume der Mitarbeiter betreten. Zunächst werden die
Gäste diskret in einen mit dicken Teppichen ausgelegten
Empfangsraum gebeten, Besprechungen finden ausschließlich in
den eleganten Konferenzzimmern im elften Stock statt.

3. Die Bewertungsklassen der Nationen
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Vincent Truglia, Vizepräsident bei dem schon Anfang des
Jahrhunderts gegründeten Unternehmen, erklärt zunächst nur,
was Moody's nicht sein möchte. »Nein, wir fällen keine Urteile
über ganze Nationen, unsere Bewertung ist nicht moralisch
und sagt nichts über die wahren Werte eines Landes. Nein, wir
sagen den Regierungen nicht, was sie tun müssen, wir geben
niemals Ratschläge.«
(31)
Doch angesichts der Praxis schwanken
solche Beteuerungen zwischen Understatement und Heuchelei.
Denn
Truglia ist Chef des Nation Rating bei Moody's, und
unter seine Ägide ordnet die Agentur die Nationen der Welt in
der Rangfolge ihrer Kreditwürdigkeit. Den Grad »Aaa«, die
sogenannte Triple-A-Auszeichnung, erhält nur die finanzökonomische
Elite wie USA, Japan und die stabileren Länder der
Europäischen Union wie Deutschland und Österreich. Schon
das ölreiche Norwegen muß sich die Einschränkung »Aa«
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gefallen lassen, weil, so die Moody-Definition, »die Langzeit-Risiken«
von Kapitalanlagen dort »etwas größer« seien. Das
hochverschuldete Italien muß sich mit einem einfachen »A«
begnügen, weil es als »anfällig für zukünftige Schwächung«
gilt, und Polen steht mit »Baa« ganz mies da. Hier erwartet das
Institut nur noch »angemessene finanzielle Sicherheit«. In
Ungarn (Ba) ist sogar dies »fragwürdig«.

4. Automatismen der Bewertung
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Die Bewertung hat unmittelbare Bedeutung: Die Händler
bei Fonds und Banken übersetzen das Rating automatisch in
Risikozuschläge für den Kauf von Staatsschuldpapieren.
Moody's ist damit Metapher und Gedächtnis des Marktes
zugleich. Moody's vergißt nie, und vergeben wird erst nach
Jahrzehnten. Argentinien etwa haftet unabänderlich das Etikett
des »B«-Landes an, weil es in früheren Jahren infolge
chaotischer Finanzpolitik mit dreistelligen Inflationsraten
geschlagen war und zuweilen seine Schulden nicht termingerecht
bediente. Heute hat Argentinien aber die stabilste Währung
Südamerikas. Seit immerhin fünf Jahren hält die Notenbank
die Parität zum Dollar konstant, die Inflationsrate ist nicht höher
als in den USA. Aufgrund der nunmehr rigiden Finanzpolitik
durchlebt das Land eine schwere wirtschaftliche Strukturkrise.
Die Opfer der Bevölkerung für die Währungsstabilität
werden von den Finanzmärkten jedoch nicht honoriert. Noch
immer muß die Regierung in Buenos Aires selbst auf
kurssichere Anleihen in D-Mark 3,8 Prozent mehr Zins entrichten
als das Triple-A-Land Deutschland.
(32)

Für
Truglia und seine Truppe ist all das lediglich Ausfluß
der konsequenten Anwendung ökonomischer Kriterien. Als
Schutz vor Bestechungsversuchen reisen Moody's Mitarbeiter
ausschließlich zu zweit, etwa um auf Einladung nationaler
Finanzministerien die Staatsfinanzen zu prüfen. Jeder Analyst
muß seine eigenen Investitionen monatlich offenlegen, niemand
dürfe im Vorgriff auf sein später veröffentlichtes Urteil
selbst mitspekulieren, versichert der Moody-Vizepräsident.
Auch wenn Regierungen Druck ausüben, Rücksicht werde
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keine genommen.« Wir kennen nur die Interessen der
Investoren, wir machen keine Politik.«

5. Politische Resultate der Bewertung
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Doch das Ergebnis ist politisch. Die Urteile der Agentur können
die betroffenen Länder Milliarden zusätzlicher Zinslasten
kosten und beeinflussen Wahlen ebenso wie das Selbstwertgefühl
ganzer Nationen. Als im Februar 1995 der kanadische
Dollar ins Rutschen geriet und an den Märkten schon als der
»nordische Peso« gehandelt wurde, versuchte Premier
Jean Chretien
die Kapitalflucht mit einem neuen Haushaltsplan und
Ausgabenkürzungen zu stoppen. Aber ehe der Plan im Parlament
diskutiert werden konnte, charakterisierte Moody's die
Kürzungen als unzureichend und kündigte eine mögliche
Herabstufung der Kanada-Bonds auf »Aa« an. Genüßlich bezichtigte
der Oppositionsführer daraufhin die Regierung einer
unsoliden Finanzpolitik.
Chretiens Wahlchancen sanken rapide,
und die New York Times kommentierte zynisch: »The Man
from Moody's rules the world.«
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Der gleiche Vorgang
wiederholte sich, als die Agentur 1996, wieder kurz vor Wahlen,
den Kredit-Status von Australien »under review«, zur Nachprüfung,
ansetzte. »Dunkle Wolken über der Regierung«
schlagzeilte Sydneys größte Zeitung. Die Labor Party verlor
die Wahl.

6. Gericht ohne Gesetz
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Anmerkungen
(30)
Newsweek 3. 10. 1994.

(31)
Gespräch am 1. 2. 1996 in New York.

(32)
Handelsblatt 25. 1. 1996.

(33)
New York Times, 27. 2. 1995.

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