Diktatur mit beschränkter Haftung
Die Off-shore-Anarchie
1. Basislager staatsfreier Plätze
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So hat der Verzicht auf (Grenz-)Kontrollen
im Kapitalverkehr
eine verhängnisvolle Eigendynamik in Gang gesetzt, die systematisch
die Souveränität der Nationen aushebelt und längst
anarchische Züge trägt. Staaten verlieren ihre Steuerhoheit,
Regierungen werden erpreßbar, und Polizeibehörden stehen
kriminellen Organisationen machtlos gegenüber, weil sie deren
Kapital nicht habhaft werden.
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Nichts dokumentiert den staatsfeindlichen Trend des
Weltfinanzsystems drastischer als die Entwicklung der sogenannten
Off-shore-Finanzplätze. Von der Karibik über Liechtenstein
bis Singapur sind heute schon an die 100 Standorte über den
Erdball verstreut, von denen aus Banken, Versicherungen und
Investmentfonds das Geld vermögender Kunden verwalten
und planmäßig dem Zugriff der Herkunftsstaaten entziehen.
Das Konzept der Hafenbetreiber für Fluchtkapital ist überall
gleich: Sie versprechen niedrige oder gar keine Besteuerung der
Einlagen von Ausländern und stellen jede Preisgabe der Identität
der Kontoinhaber unter Strafe, auch bei Anfragen
staatlicher Behörden.

2. Cayman-Inseln und Affenfelsen
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Marktführer unter den Steuerflucht-Plätzen sind die karibischen
Cayman-Inseln, die zu den sogenannten »dependent territories«
der britischen Krone zählen. Auf dem Haupteiland
von gerade mal 14 Quadratkilometern Größe mit 14.000
Einwohnern sind über 500 Banken registriert. Vertreten ist alles,
was in der Geldbranche Rang und Namen hat, darunter auch
die zehn größten deutschen Geldhäuser. Selbst staatseigene
Banken wie die Westdeutsche Landesbank oder die Hessische
Landesbank sind sich nicht zu schade, auf den Cayman-Inseln
Fluchtgelder zu akquirieren.
(24)
Ihre europäischen Kunden sind
für die Steuerhinterziehung freilich nicht auf die Karibik
angewiesen. Den gleichen Service finden sie ebenso auf den europäischen
Kanal-Inseln Jersey und Guernsey sowie in den Fürstentümern
Liechtenstein und Luxemburg.

Zum neuen Kapitalmagneten unter den euphemistisch als
»Oasen« bezeichneten Zentren der internationalen Steuerkriminalität
ist seit einigen Jahren Gibraltar aufgestiegen. Schon
mehr als 100.000 Reiche haben ihr Vermögen pro forma auf
den »Affenfelsen« transferiert. Berater wie
Albert Koch, Inhaber
der Firma »Marina Bay Consultants«, vermitteln von der
Einrichtung einer anonymen Briefkastenfirma bis zu den Papieren
für eine Scheinauswanderung alles, was Steuerhinterzieher
brauchen. Mit dem Slogan »Kluge Anleger steuern jetzt
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Gibraltar an« wirbt auch die deutsche Commerzbank für die
Steuerflucht in den Süden. Bei den 20 Angestellten ihrer Filiale
in der Main Street der britischen Kronkolonie an der Südspitze
Spaniens sind alle Steuerflüchtlinge willkommen, die mindestens
100.000 Mark auf einem Festgeldkonto anlegen. Wer
eine zinsbringende Vermögensverwaltung wünscht, muß eine
halbe Million Mark mitbringen. Filialleiter
Bernd von Oelffen
triumphiert: »Hier gibt es noch ein echtes Bankgeheimnis.«
(25)

3. Fluchtplätze des Kapitals
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Der Schaden, den das Off-shore-System anrichtet, ist kaum
noch zu ermessen. Für international organisierte Kriminelle
könnte es gar keinen besseren Nährboden geben. Das Aufspüren
ihrer illegal erworbenen Vermögen ist praktisch unmöglich
geworden. Ob und wieviel Gewinne aus Verbrechen aller Art
über die Off-shore-Plätze in den legalen Geldkreislauf eingeschleust
werden, läßt sich nicht erfassen. »Darüber gibt es kein
empirisches Material«, gesteht
Michael Findeisen, der beim
Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen die Geldwäsche-Bekämpfung
deutscher Behörden koordinieren soll.
(26)
Die Schweizer
Bundespolizei schätzt, daß allein aus Rußland seit 1990 über
50 Milliarden Dollar aus illegalen Quellen in den Westen verlagert
worden sind.
(27)
Finanztechnischer Brückenkopf der
verschiedenen Russenmafias ist das Off-shore-Zentrum Zypern,
wo 300 russische Banken pro forma Filialen unterhalten und
Jahresumsätze von zwölf Milliarden Dollar melden.
(28)
Diese
Banken haben auch Zugang zum elektronischen Zahlungsverkehr
in Deutschland, versichert Findeisen. Für kriminelles
Geld steht entgegen den Versicherungen des deutschen Innenministers
und der Bankenlobby das Tor weit auf. Das gleiche
gilt für Österreich. Auf 200 Milliarden Schilling, umgerechnet
rund 19 Milliarden Dollar, schätzen Wiener Sicherheitsexperten
das Vermögen aus dem Umfeld der Mafia, das bei Banken
der Alpenrepublik angelegt wurde.

4. Steuerausfall bei den Staaten
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Die Gefahr der Unterwanderung durch multinationale
Verbrecher-Organisationen verblaßt jedoch vor den verheerenden
Verlusten, die die legal organisierte Kapitalflucht den staatlichen
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Kassen zufügt. Über 200 Milliarden Mark parkten deutsche
Vermögensbesitzer allein bei den Luxemburger Filialen
und Investmentfonds der deutschen Finanzbranche. Damit
entgehen dem Finanzministerium jedes Jahr Einnahmen in
zweistelliger Milliardenhöhe, etwa die Hälfte dessen, was den
Steuerzahlern an Solidarzuschlag abverlangt wird. Den größten
Teil des Fluchtgeldes legen die Fondsverwalter wieder in
Deutschland an, vielfach sogar in Staatsanleihen. Damit wird
der Staat Schuldner bei jenen, die ihn um seine Steuer betrügen,
und zahlt sogar die Zinsen, die den Gläubigern ein steuerfreies
Zusatzeinkommen bescheren.

Dabei ist die Luxemburg-Variante nur einer der Kanäle,
durch die der Staatshaushalt zur Ader gelassen wird. Werden
alle Fluchtorte zusammengerechnet, erreicht der Steuerausfall
vorsichtig geschätzt an die 50 Milliarden Mark pro Jahr, annähernd
soviel wie die jährliche Neuverschuldung des Bundes.
Für die Gemeinschaft aller Staaten addieren sich die Verluste
zur permanenten finanziellen Katastrophe. Ausweislich der
Statistik des IWF werden insgesamt über 2000 Milliarden Dollar
unter der Flagge irgendwelcher Off-shore-Zwerge verwaltet
und sind somit dem Zugriff der Staaten entzogen, in denen
das Geld erwirtschaftet wurde. Cayman allein meldet schon
seit einem Jahrzehnt mehr Einlagen von Ausländern als alle
Geldinstitute in Deutschland zusammengenommen. Und
längst nicht alle Fluchtgelder werden erfaßt. Jahr für Jahr weist
die internationale Zahlungsbilanz ein zweistelliges Milliardendefizit
aus. Das heißt, der Abfluß der Gelder wird noch registriert,
aber - statistisch gesehen - kommen sie nirgendwo an,
weit viele Banken an den Off-shore-Plätzen nicht einmal für
statistische Zwecke Daten herausgeben. Bereits 1987 bezifferten
Experten der OECD und des IWF den Umfang der Vermögen,
die in diesem Schwarzen Loch der Weltwirtschaft versteckt
sind, auf eine weitere Billion Dollar.
(29)

5. Der Cyberspace machts möglich
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Groteskerweise ist all das keineswegs materiell an jene
unscheinbaren politischen Gebilde gebunden, die der Finanzwelt
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ihre Flaggen zur Verfügung stellen und deren nationale Souveränität
bestenfalls geborgt ist. Kaum jemand reist tatsächlich
mit Koffern voller Bargeld in die Karibik oder nach Liechtenstein.
Dort gibt es auch fast nie eine Infrastruktur, wie sie zur
Verwaltung der Gelder benötigt würde. Das ist auch gar nicht
erforderlich. Ein Briefkasten und ein Generalvertreter oder
Treuhänder genügen. Den Rest besorgen die Rechner. Denn
physisch realisiert sich das Fluchtgeschäft in den Computernetzen
der Banken und Unternehmen. Deren Zentralen befinden
sich zwar auf deutschem, britischem, japanischem oder
amerikanischem Boden. In ihrer Vernetzung deklariert die
Geldbranche aber große Teile ihrer Festplattenspeicher kurzerhand
zum exterritorialen Gebiet.

Es wäre darum ein leichtes für Steuer- und Polizeibehörden,
die Fluchtkanäle zu verstopfen, ohne daß sie kleine Länder
besetzen müßten. Ein solches Vorgehen ist aber mit dem freien
Kapitalverkehr unvereinbar. Bislang konnten die Geldkonzerne
jeden Vorstoß gegen ihr »Geheimnis« mit dem schlichten
Hinweis verhindern, dies würde nur zur Verlagerung des
Geschäfts an andere Orte führen.

Eine erneute Aufführung dieser Farce erlebte die Bundesrepublik
Anfang 1996. Wegen des anschwellenden Haushaltsdefizits
starteten Deutschlands Steuerfahnder erstmals einige
Durchsuchungsaktionen bei großen Banken. Prompt protestierte,
neben vielen seiner Kollegen,
Jürgen Sarazin, Chef der
Dresdner Bank, diese Aktion sei »nicht geeignet, die Steuermoral
zu heben«, sondern schade nur dem Finanzplatz Deutschland.
Und wie zum Beweis für ihre Fluchtmöglichkeiten legte
die Deutsche Bank kurze Zeit später eine Jahresbilanz vor, in
der sie mit einem Betriebsergebnis von 4,2 Milliarden Mark
den zweithöchsten Gewinn ihrer Geschichte auswies, ihre
Steuerzahlungen aber gegenüber dem Vorjahr um 377 Millionen
Mark kürzte. |96|

6. Der faustische Pakt
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Anmerkungen
(24)
Erich Diefenbacher, Organisation Business Crime Control, Die
Off-Shore-Bankplätze, Vortragsmanuskript zur Fachtagung »Geldwäsche« der
Friedrich-Eber-Stiftung, Berlin 7. 10. 1993.

(25)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 11. 1995.

(26)
Gespräch am 8. 1. 1996 in Berling.

(27)
Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartment, Bericht dre AG »Lagebild
Ostgelder«, Oktober 1995.

(28)
Ausweislich einer internen Dokumentation des Bundesministeriums für Finanzen,
erstellt im Sommer 1995.

(29)
Jean-François Couvrat / Nicolas Pless, Das verborgene Gesicht der
Weltwirtschaft, Münster 1993.

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