Diktatur mit beschränkter Haftung
Das Billiardspiel auf dem Weltfinanzmarkt
1. Kreditgeber der Nationen
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Michel Camdessus
ist zweifelsfrei ein Mann der Macht. Seiner
Sprache fehlen die Schnörkel, seine Aussagen dulden kaum
Widerspruch. Von seinem wuchtigen Schreibtisch aus, im
13. Stock des abweisenden Stahlbetonbaus an der G-Street im
Nordwesten der US-Hauptstadt, steuert der französische Elite-Bürokrat
eine der umstrittensten und offenbar doch unentbehrlichen
Institutionen der Welt: den Internationalen Währungsfonds,
kurz »IWF« genannt. Wann immer Regierungen
Hilfe bei ausländischen Finanzministern und Banken suchen,
weil sie ihre Schulden nicht mehr tilgen und wirtschaftliche
Krisen nicht mehr ohne internationale Unterstützung bewältigen
können, werden sie an Camdessus und seine 3000 Mitarbeiter
starke Weltfinanzbehörde verwiesen.

Vor dem IWF-Chef, der schon seit zehn Jahren amtiert, sind
selbst die Vertreter so großer Nationen wie Rußland, Brasilien
oder Indien einfache Bittsteller. In Verhandlungen, die bisweilen
Jahre andauern, müssen sie sich stets zu drakonischen Sparprogrammen
und einer radikalen Schrumpfung ihrer Staatsbürokratie
verpflichten. Erst dann legt
Camdessus den reichen
Geberländern des Fonds, allen voran den Repräsentanten der
USA, Japans und Deutschlands, die Verträge über die begehrten
zinsbegünstigten Milliardenkredite zur Abstimmung vor.
Und erst dann gibt er mit seiner Unterschrift das Geld frei.

2. Eine drohende Katastrophe
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Doch am kalten Montagabend des 30. Januar 1995 ist diese
wohlerprobte Routine nichts mehr wert. Gegen 21 Uhr
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erreicht
Camdessus
eine Nachricht, die ihn schaudern läßt. Von
einer Minute zur anderen trägt er allein die Verantwortung,
eine Katastrophe abzuwenden, die er bis dahin für nahezu
unmöglich gehalten hatte. In höchste Anspannung versetzt, bleibt
er nicht mehr an seinem Schreibtisch. Er packt seine Unterlagen
und geht durch sein riesiges, mahagonigetäfeltes Chefzimmer
hinüber in den noch größeren Konferenzsaal, in dem
üblicherweise die 24 Exekutivdirektoren des Fonds über die
Vergabe der IWF-Kredite entscheiden. Jetzt aber ist
Camdessus
allein mit einem Telefon. »Ich suchte die Antwort auf eine
Frage, die sich nie zuvor gestellt hatte«, erzählt er später.
(1)
Soll
er die ehernen Gesetze des IWF außer Kraft setzen und ohne
Bedingungen, ohne Vertrag und ohne die Zustimmung der
Geldgeber den größten Kredit in der fünfzigjährigen Geschichte
seiner Organisation freigeben?
Camdessus greift zum
Hörer, und binnen weniger Stunden schrumpft der sonst so
machtbewußte Direktor des weltgrößten Kreditgebers selbst
zur Marionette, deren Fäden Leute in Händen halten, die er
nicht einmal kennt.

3. Operation »Peso Shield«
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Anmerkungen
(1)
Gespäch am 6. 2. 1996 in Washington, D.C.

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