Alles ist überall
Die Wucht der Globalisierung und der globale Zerfall
1. Werbeflächen des Wohlstands in Maos Reich
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Die Welt wird eins. Und am Anfang war das Bild von der
einen Erde.
Fast drei Flugstunden von Peking entfernt, aber auch drei
von Hongkong und zwei vom tibetischen Lhasa, liegt
Chengdu. Allenfalls Liebhabern der scharfen chinesischen Küche
ist das abgelegene Zentrum der Provinz Szetschuan mitten
im Reich der Mitte ein Begriff, ausländische Reisende nähern
sich der Stadt nur bei unfreiwilligen Zwischenlandungen. Dabei
zählt Chengdu bereits 3,4 Millionen Einwohner und ist
eines der am schnellsten wachsenden Stadtungeheuer der Welt.

Zwischen den Baustellen der neuen Hochhauswüsten zeigen
Maos
kunstvolle Plakatmaler, welches Gesicht jetzt der Fortschritt
trägt. Umhüllt vom beißenden Staub der schon überfüllten,
aber noch ungeteerten Straßenzüge, locken grelle Gemälde
wie TV Riesenleinwände die Passanten: schweinchenrosa die
einstöckige Villa, griftgrün der Rasen, hellblau der Swimmingpool,
glücklich das chinesische Paar vor seinem übergroßen
Cabriolet.
(1)

2. Weltweite Verheißungen
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Auch auf der anderen Seite des Erdballs, weit hinten in
Amazonien und nahe der bolivianisch-brasilianischen Grenze,
beherrscht die gleiche Verheißung das Straßenbild. Der Baukonzern
Mendes Junior aus Sao Paulo wirbt im Regenwald
großflächig für die gepflegte, naturvernichtende Einzelhausidylle
nach US-Vorbild. In den muffigen Hütten am trüben Rio
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Purus debattieren junge Caboclos, die vermischten Nachfahren
der Indianer und schwarzen Sklaven, über die Oberweite
der Rettungsschwimmerin
Pamela Anderson aus der kalifornischen
TV-Serie »Baywatch«, als wäre sie ein Mädchen von
nebenan. Mit Videorecordern und Filmkassetten aus Hollywood
bestechen Holzhändler die Handvoll verbliebener Indianerstämme
im Bundesstaat Rondonia, um in den Reservaten
die letzten Mahagonibäume fällen zu dürfen.
(2)

Die Macht der bewegten Bilder prägt inzwischen sogar die
Ianomami-Indianer, für deren Einzigartigkeit sich unter anderem
Rockstar
Sting begeistert hatte, ebenso wie die Jugend im
vermeintlich letzten Shangri-La, in Bhutan. In dieser buddhistischen
Ökodiktatur am Fuße des Himalaya sind die Bewohner
zwar gezwungen, stets einen kniebedeckenden Kittel zu
tragen und mit mittelalterlichen Mitteln die Felder zu bestellen.
Bewundert werden allerdings jene Einheimischen, die über
die nationale Einheitstracht eine Lederjacke ziehen und mit
Raubkopien von US-Filmen aus Indien handeln.
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3. Die Medieneinheit der Welt
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Selbst im fernen Osten Rußlands ist der »Denver Clan«
längst heimisch. Der Leiter des Flughafens von Chabarowsk
entrüstet sich ehrlich über Besucher, die glauben, ihm erklären
zu müssen, was
Der Spiegel
sei. Jede Woche kann er ihn doch
lesen, in Auszügen als Nachdruck in der regionalen Tageszeirung.
(4)
An der Copacabana wiederum hißt ein Strandverkäufer
an Wochenenden aus Überzeugung die deutsche Flagge. Der
dunkle Mann ist kein Nachfahre germanischer Nationalisten,
vielmehr bewundert er »die Gerechtigkeit in Deutschland, wo
auch einfache Leute nicht arm sind«.
(5)

Keine Frage: Müßte die Menschheit heute über einen
Welt-Lebensstil abstimmen, sie könnte es. Mehr als 500 aktive
Satelliten bestreichen inzwischen die Erde mit den Funksignalen der
Moderne. Uniforme Bilder auf einer Milliarde Fernsehschirmen
nähren die gleiche Sehnsucht an Amur, Jangtse, Amazonas,
Ganges und Nil. Satellitenschüsseln und Sonnenkollektoren haben
auch in stromfernen Gegenden wie im westafrikanischen
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Niger Millionen Menschen »von ihrem dörflichen Leben in
eine planetare Dimension gestoßsen«, wie es
Bertrand Schneider
formuliert, der Generalsekretär des Club of Rome.
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4. Die Mühsal der Despoten mit der Medienwelt
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Die Abwehrschlacht des chinesischen Regimes gegen Faxbriefe,
E-mail und Fernsehsender aus der Kapitalistenwelt dient
nur mehr dem eigenen Machterhalt, nicht aber der Verteidigung
eines anderen Gesellschaftskonzeptes. Wo TV-Bilder der universellen
Warenwelt verpönt sind wie noch in Nordkorea und in
den Ländern des Islam, machen doch Fotos und detailgenaue
Erzählungen die Runde. Selbst im Iran gilt amerikanischer
Heavy-Metal-Rock als populärste Musik unter den Teenagern
der Mittelschicht.
(7)
Auch Ajatollahs bekommen den Luftraum
ihres Hoheitsgebietes nicht mehr unter Kontrolle.

Niemals zuvor hörten und wußten so viele Menschen so vieles
über den Rest der Welt. Erstmals in der Geschichte eint die
Menschheit eine gemeinsame Phantasie des Seins.

Könnten die knapp sechs Milliarden Erdenbürger tatsächlich
per Völkerentscheid bestimmen, wie sie leben wollten, es
gäbe eine überwältigende Mehrheit für ein Mittelstandsdasein
wie in einem Vorort von San Francisco. Eine qualifizierte,
informierte Minderheit würde sich zusätzlich die sozialen Standards
der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren vor dem
Mauerfall wünschen. Die Luxuskombination einer Karibik-Villa
mit schwedischer Wohlfahrtsabsicherung wäre noch immer
der Traum der Träume.

5. Disny über alles
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Anmerkungen
(1)
Unfreiwillige Zwischenlandung im April 1994.

(2)
Besuch im Januar 1995.

(3)
Besuch im Januar 1993.

(4)
Besuch im März 1992.

(5)
Zuletzt im Februar 1996.

(6)
Gespräch am 27. 10. 1992 in Paris.

(7)
New Perspectives Quarterly, Fall 1995, p. 3.

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