Die 20:80-Gesellschaft
Demokratie in der Falle
1. Die Heilslehre des Neoliberalismus
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Die globale Integration ist begleitet vom Aufstieg einer
wirtschaftspolitischen Heilslehre, die eine Heerschar von
Wirtschaftsberatern fortwährend in die Politik trägt: des
Neoliberalismus. Dessen Grundthese lautet vereinfacht: Der Markt ist
gut, und staatliche Eingriffe sind schlecht. Ausgehend von den
Ideen des führenden Vertreters dieser wirtschaftswissenschaftlichen
Schule, des US-Ökonomen und Nobelpreisträgers
Milton Friedman,
erhoben die mehrheitlich wirtschaftsliberalen
Regierungen des Westens während der achtziger Jahre dieses
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Dogma zur Richtschnur ihrer Politik. Deregulierung statt
staatlicher Aufsicht, Liberalisierung von Handel und Kapitalverkehr
sowie Privatisierung der staatlichen Unternehmen
wurden die strategischen Waffen im Arsenal marktgläubiger
Regierungen und der von ihnen gelenkten internationalen
Wirtschaftsorganisationen, der Weltbank, des Internationalen
Währungsfonds (IWF) und der Welthandelsorganisation
(WTO). Mit diesen Instrumenten fochten sie einen Freiheitskampf
fürs Kapital, der bis heute andauert. Ob Luftfahrt oder
Telekommunikation, Banken oder Versicherungen, Bauindustrie
oder Softwareentwicklung und eben auch die Arbeitskraft,
nichts und niemand soll sich dem Gesetz von Angebot
und Nachfrage entziehen.

2. Die Diktatur des Weltmarkts
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Der Zusammenbruch der Parteidiktaturen des Ostblocks
verschaffte diesem Glauben zusätzlichen Schub und globale
Durchschlagskraft. Befreit von der Drohung der Diktatur des
Proletariats, wird seitdem um so härter an der Errichtung der
Diktatur des Weltmarktes gearbeitet. Plötzlich erscheint die
massenhafte Teilnahme der Arbeitnehmer an der allgemeinen
Wertschöpfung nur als ein Zugeständnis im Kalten Krieg, das
der kommunistischen Agitation die Basis entziehen sollte.
Doch der »Turbo-Kapitalismus«
(12),
dessen weltweite Durchsetzung
jetzt unaufhaltsam scheint, zerstört die Grundlagen seiner
Existenz: den funktionsfähigen Staat und demokratische
Stabilität. Das Tempo der Veränderung und die Umverteilung
von Macht und Wohlstand erodieren die alten sozialen Einheiten
schneller, als das Neue sich entwickeln kann. Die bisherigen
Wohlstandsländer verzehren die soziale Substanz ihres Zusammenhalts,
schneller noch als die ökologische. Neoliberale Ökonomen
und Politiker predigen der Welt das »amerikanische
Modell«, doch diese Parole gleicht furchterweckend der
Propaganda der DDR-Regierung, die bis zu ihrem Ende von der
Sowjetunion das Siegen lernen wollte. Schließlich wird der
gesellschaftliche Zerfall nirgendwo deutlicher als im Ursprungsland
der kapitalistischen Gegenrevolution, den USA: Die
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Kriminalität hat epidemische Ausmaße angenommen. Im
Bundesstaat Kalifornien, für sich genommen die siebtgrößte
Wirtschaftsmacht der Erde, übersteigen die Ausgaben für die
Gefängnisse den gesamten Bildungsetat.
(13)
Schon 28 Millionen
Amerikaner, mehr als zehn Prozent der Bevölkerung, haben sich
in bewachten Hochhäusern und Siedlungen verschanzt. Für private
bewaffnete Wächter geben die US-Bürger doppelt soviel
Geld aus wie ihr Staat für die Polizei.
(14)

3. Der überforderte Nationalstaat
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Aber auch Europa und Japan, China und Indien spalten sich
in eine Minderheit von Gewinnern und eine Mehrheit von
Verlierern. Für viele hundert Millionen Menschen gilt: Der globalisierte
Fortschritt ist gar keiner. Wie ein Hohn muß für sie die
Formel klingen, welche die Regierungschefs aus den sieben
führenden Industrienationen zum Leitmotiv ihres G-7-Gipfels
Ende Juni 1996 in Lyon erhoben: »Aus der Globalisierung
einen Erfolg zum Nutzen aller machen«.

So trifft der Protest der Verlierer auf Regierungen und Politiker,
deren Gestaltungsmacht kontinuierlich schrumpft. Egal,
ob soziale Gerechtigkeit hergestellt oder die Umwelt geschützt
werden muß, ob Medienmacht begrenzt oder die internationalisierte
Kriminalität bekämpft werden soll: stets ist der einzelne
Nationalstaat überfordert, und ebenso regelmäßig scheitert
die internationale Konzertierung. Wenn aber Regierungen
in allen existentiellen Zukunftsfragen nur noch auf die
übermächtigen Sachzwänge der transnationalen Ökonomie
verweisen, gerinnt alle Politik zu einem Schauspiel der Ohnmacht,
und der demokratische Staat verliert seine Legitimation. Die
Globalisierung gerät zur Falle für die Demokratie.

4. Weltmarkt am Stammtisch der Verlierer
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Nur naive Theoretiker oder kurzsichtige Politiker glauben,
man könne, wie derzeit in Europa, Jahr für Jahr Millionen
Menschen um Jobs und soziale Sicherheit bringen, ohne dafür
irgendwann den politischen Preis zu bezahlen. Das muß schiefgehen.
Anders als in der betriebswirtschaftlichen Logik der
Konzernstrategen gibt es in demokratisch verfaßten Gesellschaften
keine »surplus peoples«, keine überflüssigen Bürger.
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Die Verlierer haben eine Stimme, und sie werden sie nutzen.
Kein Grund zur Beruhigung: Dem sozialen Erdbeben wird das
politische folgen. Sozialdemokraten oder soziale Christen werden
so schnell keine neuen Triumphe feiern. Statt dessen wird
sichtbar, wie immer mehr Wähler die stereotypen Formeln der
Globalisierer wirklich ernst nehmen. Nicht wir sind es gewesen,
die ausländische Konkurrenz ist schuld, erfährt der Bürger
in jeder zweiten Nachrichtensendung aus dem Mund derer, die
seine Interessen vertreten sollten. Von diesem - ökonomisch
falschen - Argument ist es nur ein kleiner Schritt zur offenen
Feindschaft gegen alles Fremde. Längst suchen Millionen
verunsicherter Mittelstandsbürger ihr Heil in Fremdenhaß,
Separatismus und der Abschottung vom Weltmarkt. Die
Ausgegrenzten antworten ihrerseits mit Ausgrenzung.

5. Die Angst vor der Armut gefährdet die Demokratie
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Der national-autoritäre Populist
Ross Perot
fuhr 1992 bei
seinem ersten Antritt zur Präsidentschaftswahl in den USA
19 Prozent der Stimmen ein. Ähnliche Wahlergebnisse erzielen
der französische Prediger der nationalen Wiedergeburt
Jean-Marie Le Pen
und Österreichs radikaler Rechtspopulist
Jörg Haider.
Von Quebec über Schottland bis in die Lombardei
verzeichnen auch Separatisten wachsenden Zulauf. Sie ergänzen
den Kanon des Fremdenhasses um den Zorn auf Zentralregierungen
und die Abgrenzung von den vermeintlichen Kostgängern
in ärmeren Landesteilen. Gleichzeitig wächst in aller Welt
die Masse vagabundierender Migranten, die dem Elend entfliehen
wollen.

20:80, die Einfünftelgesellschaft, wie sie die elitären Visionäre
im Fairmont-Hotel für das nächste Jahrhundert ausmalten,
folgt durchaus der technischen und wirtschaftlichen Logik,
mit der Konzernführer und Regierungen die globale Integration
vorantreiben. Aber der Welt-Wettlauf um höchste Effizienz
und niedrigste Löhne öffnet der Irrationalität die Türen zur
Macht. Es sind nicht die wirklich Notleidenden, die rebellieren.
Unkalkulierbare politische Sprengkraft entspringt vielmehr
der Furcht vor Deklassierung, die sich jetzt in der Mitte
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der Gesellschaft ausbreitet. Nicht die Armut gefährdet die
Demokratie, sondern die Angst davor.

6. Ungleichzeitigkeit von Wirtschaft und Politik
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Schon einmal führte die ökonomische Aufhebung aller Politik
in die globale Katastrophe. 1930, ein Jahr nach dem großen
Börsencrash, kommentierte das britische, stets kapitalfreundliche
Magazin
The Economist:
»Das größte Problem unserer
Generation besteht darin, daß unsere Erfolge auf wirtschaftlicher
Ebene den Erfolg auf der politischen Ebene dermaßen
übertreffen, daß Wirtschaft und Politik nicht miteinander
Schritt halten können. Ökonomisch ist die Welt eine umfassende
Handlungseinheit. Politisch ist sie zerstückelt geblieben.
Die Spannungen zwischen den beiden gegensätzlichen
Entwicklungen haben reihenweise Erschütterungen und
Zusammenbrüche im gesellschaftlichen Leben der Menschheit
ausgelöst.«

7. Die Ökonomie sozial bändigen
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Geschichte wiederholt sich nicht. Gleichwohl ist der Krieg
noch immer das wahrscheinlichste Ventil, wenn soziale Konflikte
unerträglich werden, und sei es in Form des Bürgerkriegs
gegen ethnische Minderheiten oder abtrünnige Regionen. Die
Globalisierung muß nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen
führen, aber sie kann, wenn es nicht gelingt, die entfesselten
Kräfte der transnationalen Ökonomie sozial zu bändigen.
Die bislang formulierten politischen Antworten auf die
wirtschaftliche Vernetzung der Welt verneinen, daß dieser Prozeß
überhaupt beherrschbar sei. Doch es gibt Instrumente und
Wege, die Steuerung wieder in die Hand gewählter Regierungen
und ihrer Institutionen zu legen, ohne die Nationen gegeneinander
aufzubringen. Einige davon werden in diesem Buch
vorgestellt und diskutiert.

Die vornehmste Aufgabe demokratischer Politiker an der
Schwelle zum nächsten Jahrhundert wird die Instandsetzung
des Staates und die Wiederherstellung des Primats der Politik
über die Wirtschaft sein. Geschieht dies nicht, wird die dramatisch
schnelle Verschmelzung der Menschheit durch Technik
und Handel schon bald ins Gegenteil umschlagen und zum
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globalen Kurzschluß führen. Unseren Kindern und Enkeln bliebe
nur die Erinnerung an die goldenen neunziger Jahre, als die
Welt noch geordnet schien und das Umsteuern noch möglich
war.

8. Alles ist überall
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Anmerkungen
(12)
Diesen Begriff prägte der amerikanische Ökonom Edward Luttwark 1995.

(13)
Financial Times, 30. 4. 1996.

(14)
Nach Recherchen von Timothy Egan, »Many Seek Security in Private Communities«
in: New York Times, 3. 9. 1995; Lester Thurow, The Future of Capitalism, New
York 1996.

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