Die 20:80-Gesellschaft
»Der richtige Orkan«
1. Die Entwicklung der Arbeit in Deutschland
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Deutschland im Jahr 1996: Mehr als sechs Millionen Arbeitswillige
finden keine feste Anstellung - mehr als je zuvor seit
Gründung der Bundesrepublik. Die durchschnittlichen
Nettoeinkommen der Westdeutschen sinken seit fünf Jahren. Und
dies sei, so künden die Auguren aus Regierung, Wissenschaft
und Unternehmen, erst der Anfang. Mindestens 1,5 Millionen
weitere Jobs würden allein in der Industrie im kommenden
Jahrzehnt gestrichen, prognostiziert der führende Unternehmensberater
der Republik,
Roland Berger,
»obendrein vermutlich
jeder zweite Arbeitsplatz im mittleren Management«.
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Sein Kollege
Herbert Henzler,
Chef der deutschen Filiale der
Beratungsfirma McKinsey, geht noch weiter: »Die Industrie
wird den Weg der Landwirtschaft nehmen«, prophezeit er. Die
Warenproduktion biete zukünftig nur noch für wenige Prozent
der Erwerbsbevölkerung Lohn und Brot.
(4)
Auch in Österreich
melden die Behörden immer bescheidenere Beschäftigtenzahlen,
jedes Jahr brechen 10.000 Industriejobs weg, 1997 soll die
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Arbeitslosenquote bei acht Prozent liegen, fast doppelt so hoch
wie noch 1994.
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2. Anpassen nach unten
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Die von Ökonomen und Politikern verbreiteten Erklärungen
für den Niedergang gipfeln stets in einem Wort: Globalisierung.
High-Tech-Kommunikation, niedrige Transportkosten
und grenzenloser Freihandel lassen die ganze Welt zu
einem einzigen Markt verschmelzen, lautet die stets wiederkehrende
These. Dies schaffe harte globale Konkurrenz, auch
auf dem Arbeitsmarkt. Deutsche Unternehmen würden neue
Arbeitsplätze nur noch im billigeren Ausland schaffen. Vom
Konzernchef bis zum Arbeitsminister kennt die Führungsriege
der Republik nur eine Antwort: Anpassung nach unten.
Unentwegt sind die Bürger einer Kakophonie aus Verzichtsforderungen
ausgesetzt. Die Deutschen - erst recht die Österreicher -
arbeiten zuwenig, beziehen zu hohe Einkommen,
machen zuviel Urlaub und feiern zu oft krank, behauptet ein
Chor aus Verbandsfunktionären, Ökonomen, Sachverständigen
und Ministern. Publizistische Helfer bei Presse und
Fernsehen assistieren. Die »westliche Anspruchsgesellschaft
kollidiert mit ehrgeizigen asiatischen Verzichtsgesellschaften«,
schreibt die
Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Wohlfahrtsstaat
sei »zur Zukunftsbedrohung geworden«, ein
»Mehr an sozialer Ungleichheit ist unausweichlich«.
(6)
Österreichs marktbeherrschendes Massenblatt, die
Neue Kronenzeitung,
zieht mit der Schlagzeile in die Boulevardschlacht:
»Der Kontinent hat über seine Verhältnisse gelebt: Neue
Sparwelle schockt Europa.«
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Selbst der deutsche Bundespräsident
Roman Herzog
sekundiert mit Einstimmungsreden ans
Volk. Der Wandel sei »unausweichlich. Jeder wird Opfer
bringen müssen.«

3. Kündigung des Gesellschaftsvertrags
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Da hat er allerdings etwas falsch verstanden. Es geht keineswegs
um notwendige Opfer für alle in Zeiten der Krise. Kürzung
der Lohnfortzahlung bei Krankheit, Aufhebung des
Kündigungsschutzes, radikale Schnitte bei allen Sozialleistungen
und Lohnsenkung trotz steigender Produktivität sind kein
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Krisenmanagement mehr. Die Reformer im Zeichen der Globalisierung
kündigen vielmehr den ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag
der Republik, der die soziale Ungleichheit durch Umverteilung
von oben nach unten in Grenzen hielt. Das Modell des
europäischen Wohlfahrtsstaats habe ausgedient, propagieren
sie, im weltweiten Vergleich sei er nun zu teuer. Die Betroffenen
verstehen sehr wohl. Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände
senden einen Aufschrei der Empörung durch die Republik.
Selbst die sonst konservative IG Chemie droht mit flächendeckenden
Streiks, und
Dieter Schulte,
Vorsitzender des Deutschen
Gewerkschaftsbundes, warnt vor »Verhältnissen«, denen
gegenüber der französische Massenausstand im Dezember
1995 »ein müder Auftakt war«.
(8)

Doch die Verteidiger des Sozialstaats kämpfen auf verlorenem
Posten. Zwar sind viele Argumente ihrer Gegner einfach
falsch. Per Saldo schaffen Deutschlands Konzerne im Ausland
kaum zusätzliche Jobs, sondern kaufen zumeist nur dortige
Unternehmen, um anschließend die Belegschaft auszudünnen
und regionale Märkte zu versorgen. Auch sind die Soziallasten
in Deutschland keineswegs explodiert, ihr Anteil am Bruttosozialprodukt
war 1995 sogar geringer als 20 Jahre zuvor. Was
wirklich trifft, ist dagegen der stete Verweis auf die Politik der
anderen, bisherigen Industrieländer. Staatsausgaben kürzen,
Löhne senken und Sozialleistungen streichen, das Programm
ist von Schweden über Österreich bis Spanien im Kern gleich.
Und überall endet der Protest in Resignation.

4. Die Internationalionale des Kapitals
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Der Internationalismus, einst eine Erfindung sozialdemokratischer
Arbeiterführer gegen kapitalistische Kriegstreiber,
hat längst die Seiten gewechselt. Weltweit spielen über 40000
transnationale Unternehmen aller Größenordnungen ihre
Beschäftigten ebenso wie die Staaten gegeneinander aus. 40 Prozent
Steuern auf Kapitalerträge in Deutschland? Viel zuviel,
Irland gibt sich mit zehn Prozent zufrieden, Malaysia und
einige US-Bundesstaaten verzichten sogar fünf oder zehn Jahre
lang ganz auf Abgaben. 45 Mark für die Facharbeiterstunde?
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Viel zu teuer, die Briten arbeiten für weniger als die Hälfte, die
Tschechen für ein Zehntel. Nur 33 Prozent Investitionszulage
für neue Fabriken in Italien? Viel zuwenig, in Ostdeutschland
legt der Staat gerne 80 Prozent dazu.

In einer globalen Zangenbewegung hebt die neue Internationale
des Kapitals ganze Staaten und deren bisherige gesellschaftliche
Ordnung aus den Angeln. An der einen Front droht
sie mal hier, mal dort mit Kapitalflucht und erzwingt so drastische
Steuerabschläge sowie milliardenschwere Subventionen
oder kostenlose Infrastruktur. Wo das nicht wirkt, hilft Steuerplanung
im großen Stil: Gewinne werden nur noch in den Ländern
ausgewiesen, wo der Steuersatz auch wirklich niedrig ist.
Weltweit sinkt der Anteil, den Kapitaleigner und Vermögensbesitzer
zur Finanzierung staatlicher Aufgaben beitragen. Auf
der anderen Seite fahren die Lenker der globalen Kapitalströme
das Lohnniveau ihrer steuerzahlenden Beschäftigten
kontinuierlich nach unten. Auch die Lohnquote, der Anteil der
Lohnbezieher am gesellschaftlichen Reichtum, sinkt im Weltmaßstab.
Keine Nation allein vermag sich dem Druck entgegenzustellen.
Das Modell Deutschland, kommentiert der US-Ökonom
Rüdiger Dornbusch, werde im transnationalen Wettbewerb
nun »regelrecht abgekocht«.
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5. Steigende Gewinne, sinkende Löhne und höhere Arbeitslosigkeit
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Börsenkurse und Konzerngewinne steigen mit zweistelligen
Raten, während Löhne und Gehälter sinken. Gleichzeitig
wächst die Arbeitslosigkeit parallel mit den Defiziten der
öffentlichen Haushalte. Niemand benötigt besondere ökonomische
Kenntnisse, um zu verstehen, was geschieht: 113 Jahre
nach dem Tod von
Karl Marx
steuert der Kapitalismus wieder
in jene Richtung, die der revolutionäre Ökonao für seine Zeit
so trefflich beschrieb. »Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen
Produktion ist, den durchschnittlichen Lohnstandard
nicht zu heben, sondern zu senken oder den Wert der Arbeit bis
zu seiner Minimalgrenze zu drücken«, referierte er 1866 vor
dem Generalrat der I. Internationale in London - und ahnte
nicht, daß der Urkapitalismus dereinst demokratisch gezähmt
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werden würde.
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Doch nach den Reformen des sozialdemokratischen
Jahrhunderts bahnt sich nun eine Gegenreform
von historischer Dimension an: Rückwärts geht es in die
Zukunft, und Gewinner wie
Heinrich von Pierer, der Chef des
Weltkonzerns Siemens, triumphieren: »Der Wettbewerbswind
ist zum Sturm geworden, und der richtige Orkan steht
uns noch bevor.«
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6. Globalismus als Naturprozeß
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Die Wortwahl
Pierers
und anderer Bannerträger des neuen
Globalismus soll glauben machen, bei alldem handele es sich um
einen gleichsam naturgegebenen Prozeß, Ergebnis eines unaufhaltsamen
technischen und wirtschaftlichen Fortschritts. Das
ist Unsinn. Die globale wirtschaftliche Verflechtung ist keineswegs
ein Naturereignis, sondern wurde durch zielstrebige
Politik bewußt herbeigeführt. Vertrag für Vertrag, Gesetz für
Gesetz waren es immer Regierungen und Parlamente, deren
Beschlüsse die Barrieren für den grenzüberschreitenden Verkehr
von Kapital und Waren beseitigt haben. Von der Freigabe
des Devisenhandels über den europäischen Binnenmarkt bis
zur fortwährenden Ausdehnung des Welthandelsabkommens
GATT haben Regierungspolitiker der westlichen Industrieländer
systematisch jenen Zustand selbst heraufbeschworen, mit
dem sie nun nicht mehr fertig werden.

7. Demokratie in der Falle
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Anmerkungen
(3)
Wirtschaftsblatt, 14. 6. 1996; Wifo-Prognose, in: Die Presse, 30. 3. 1996.

(4)
Die Woche, 26. 1. 1996.

(5)
Die Zeit, 12. 1. 1996.

(6)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 1. 1996 und 30. 4. 1996.

(7)
Neue Kronenzeitung 14. 5. 1996.

(8)
Frankfurter Rundschau 22. 3. 1996, und Fankfurter Allgemeine Zeitung 4. 6. 1996.

(9)
Der Spiegel 4 / 96.

(10)
Karl Marx / Friedrisch Engels Werke Bd. 16, »Lohn, Preis und Profit«,
Seite 103-152, Berlin 1962.

(11)
Der Spiegel 4 / 96.

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