Die 20:80-Gesellschaft
Weltenlenker unterwegs zu einer anderen Zivilisation
1. Kathedrale des Wohlstands
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Träume von Weltformat sind im Fairmont-Hotel von San
Francisco zu Hause. Es ist Institution und Ikone, Luxusherberge
und Legende der Lebenslust. Wer es kennt, nennt es nur
respektvoll »The Fairmont«, wer darin wohnt, hat es
geschafft.

Wie eine Kathedrale des Wohlstands thront es auf dem Nob
Hill über der gerühmten »City«, ein kalifornischer Protzbau
der Superlative, eine selbstvergessene Mischung aus Jahrhundertwende
und Nachkriegsboom. Besucher überfällt die Blicksucht,
wenn sie im gläsernen Lift außen am Hotelturm ins
Crown's Room Restaurant entschweben. Da öffnet sich das
Panorama auf jene schöne neue Welt, in die sich Milliarden
Menschen hineinträumen: Von der Golden-Gate-Brücke bis
zur Hügelkette von Berkeley glänzt ein unendlich scheinender
Mittelstandsreichtum. Zwischen den Eukalyptusbäumen blitzen
die Swimmingpools der einladend großzügigen Häuser im
milden Sonnenlicht, in fast jeder Einfahrt parken mehrere
Fahrzeuge.

2. Stiftung Michail Gorbaschow
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Das Fairmont markiert wie ein kolossaler Grenzstein die
Schnittstelle zwischen Moderne und Zukunft, zwischen Amerika
und dem pazifischen Raum. Am Abhang vor dem Hotel
leben dicht gedrängt mehr als hunderttausend Chinesen, weit
hinten grüßt die Heimstatt der Computer-Revolution, das
Silicon Valley. Kaliforniens Katastrophengewinnler des Erdbebens
von 1906, US-Weltkriegsgeneräle, die Gründer der
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Uno, Konzernherren und alle Präsidenten Amerikas in diesem
Jahrhundert - sie feierten ihre Triumphe in den weitläufigen,
aufgeplüschten Hallen des Hotels, das der Verfilmung von
Arthur Haileys
Fiktion »Hotel« die Traumkulisse seiner
Wirklichkeit bot und seither von Touristen bestürmt wird.

In diesem geschichtsträchtigen Rahmen begrüßt einer der
wenigen, der selbst Geschichte schrieb, Ende September 1995
die Elite der Welt:
Michail Gorbatschow.
US-Mäzene richteten
ihm ausgerechnet im Presidio, einem nach dem Ende des
Kalten Krieges aufgelassenen Militärareal südlich der
Golden-Gate-Brücke, aus Dankbarkeit eine Stiftung ein. Jetzt hat
Gorbatschow
500 führende Politiker, Wirtschaftsführer und
Wissenschaftler aus allen Kontinenten einfliegen lassen. Der neue
»globale Braintrust«, wie der letzte Staatspräsident der
Sowjetunion und Nobelpreisträger die exklusive Runde definiert,
soll den Weg ins 21. Jahrhundert weisen, »unterwegs zu einer
neuen Zivilisation«.
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3. Weltdiskurs und seine Regeln
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Erfahrene alte Weltenlenker wie
George Bush,
George Shultz oder
Margaret Thatcher treffen auf die neuen Herren
des Planeten wie CNN-Chef
Ted Turner, der seine Unternehmen
mit Time Warner zum weltweit größten Medienkonzern
verschmilzt, oder auf den südostasiatischen Handelsmagnaten
Washington SyCip. Drei Tage lang wollen sie hochkonzentriert
nachdenken, in kleinen Arbeitskreisen mit den Global
Player der Computer- und Finanzwelt, aber auch mit den
Hohenpriestern der Wirtschaft, den Ökonomieprofessoren der
Universitäten von Stanford, Harvard und Oxford. Auch Emissäre
des Freihandels aus Singapur und natürlich Peking wollen
gehört werden, wenn es um die Zukunft der Menschheit geht.
Sachsens Ministerpräsident
Kurt Biedenkopf
bemüht sich um
deutsche Akzente in der Debatte.

Niemand ist zum Schwadronieren angereist. Keiner soll die
freie Rede stören, die aufdringliche Journalistenschar wird
aufwendig abgeschirmt.
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Strenge Regeln zwingen alle Teilnehmer,
jeden rhetorischen Ballast abzuwerfen. Gerade fünf
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Minuten lang dürfen Referenten ein Thema einleiten, keine
Wortmeldung soll länger als zwei Minuten dauern.
Gepflegte ältere Damen halten den diskutierenden Milliardären
und Theoretikern wie Formel-1-Fahrern unübersehbare Zeittafeln
ins Blickfeld: Noch »1 Minute«, »30 Sekunden«,
»Stopp«.

4. Arbeitsmarkt des und mit Computer
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John Gage,
Topmanager bei der US-Computerfirma Sun
Microsystems, stößt die Debattenrunde über »Technologie
und Arbeit in der globalen Wirtschaft« an. Sein Unternehmen
gilt als ein neuer Star der Branche, es entwickelte die Programmiersprache
»Java«, der Aktienkurs von Sun Systems bricht
an der Wall Street die Rekorde. »Jeder kann bei uns so lange
arbeiten, wie er will, wir brauchen auch keine Visa für unsere
Leute aus dem Ausland«, erklärt Gage knapp. Regierungen
und deren Vorschriften für die Arbeitswelt seien bedeutungslos
geworden. Er beschäftige, wen er gerade brauche, derzeit
bevorzugt »gute Gehirne in Indien«, die so lange arbeiten, wie
sie können. Aus allen Erdteilen erhalte die Firma per Computer
Bewerbungen, die für sich sprächen. »Wir stellen unsere Leute
per Computer ein, sie arbeiten am Computer, und sie werden
auch per Computer wieder gefeuert.«

Noch »30 Sekunden«, signalisiert ihm die Tafeldame. »Wir
holen uns ganz einfach die Cleversten. Mit unserer Effizienz
konnten wir den Umsatz seit unserem Beginn vor 13 Jahren
von null auf über sechs Milliarden Dollar hochjagen.« Selbstzufrieden
wendet sich Gage an einen Tischnachbarn und
schmunzelt: »Das hast du längst nicht so schnell geschafft, David.«
Die Sekunden, die ihm bis zum »Stop«-Schild bleiben,
genießt Gage den kleinen Seitenhieb.

5. Arbeitslosenheere als Selbstverständlichkeit
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Der Angesprochene ist
David Packard, Mitbegründer des
High-Tech-Riesen Hewlett-Packard. Der greise Self-made-Milliardär
verzieht keine Miene. Mit hellwachem Verstand
stellt er lieber die zentrale Frage: »Wie viele Angestellte
brauchst du wirklich, John?«

»Sechs, vielleicht acht«, antwortet Gage trocken. »Ohne sie
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wären wir aufgeschmissen. Dabei ist es völlig gleichgültig, wo
auf der Erde sie wohnen.«, jetzt hakt der Diskussionsleiter,
Professor
Rustum Roy
von der Pennsylvania State University,
nach: »Und wie viele Leute arbeiten derzeit für Sun Systems?«
Gage: »16000. Sie sind bis auf eine kleine Minderheit
Rationalisierungsreserve.«

Kein Raunen geht da durch den Raum, den Anwesenden ist
der Ausblick auf bislang ungeahnte Arbeitslosenheere eine
Selbstverständlichkeit. Keiner der hochbezahlten Karrieremanager
aus den Zukunftsbranchen und Zukunftsländern glaubt
noch an ausreichend neue, ordentlich bezahlte Jobs auf technologisch
aufwendigen Wachstumsmärkten in den bisherigen
Wohlstandsländern - egal, in welchem Bereich.

Die Zukunft verkürzen die Pragmatiker im Fairmont auf ein
Zahlenpaar und einen Begriff: »20 zu 80« und
»tittytainment«.

6. Das Ende der Arbeit
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20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im
kommenden Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in
Schwung zu halten. »Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht«,
meint Magnat Washington SyCip. Ein Fünftel aller
Arbeitssuchenden werde genügen, um alle Waren zu produzieren
und die hochwertigen Dienstleistungen zu erbringen, die
sich die Weltgesellschaft leisten könne. Diese 20 Prozent werden
damit aktiv am Leben, Verdienen und Konsumieren
teilnehmen - egal, in welchem Land. Das eine oder andere
Prozent, so räumen die Diskutanten ein, mag noch hinzukommen,
etwa durch wohlhabende Erben.

Doch sonst? 80 Prozent der Arbeitswilligen ohne Job? »Sicher«,
sagt der US-Autor
Jeremy Rifkin,
Verfasser des Buches
»Das Ende der Arbeit«, »die unteren 80 Prozent werden
gewaltige Probleme bekommen.«, Sun-Manager Gage legt noch
einmal nach und beruft sich auf seinen Firmenchef Scott
McNealy: Die Frage sei künftig, »to have lunch or be lunch«,
zu essen haben oder gefressen werden.

In der Folge beschäftigt sich der hochkarätige Diskussionskreis
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zur »Zukunft der Arbeit« lediglich mit jenen, die keine
Arbeit mehr haben werden. Dazu, so die feste Überzeugung der
Runde, werden weltweit Dutzende Millionen Menschen zählen,
die sich bislang dem wohligen Alltag in San Franciscos Bay
Area näher fühlen durften als dem Überlebenskampf ohne
sicheren Job. Im Fairmont wird eine neue Gesellschaftsordnung
skizziert: reiche Länder ohne nennenswerten Mittelstand -
und niemand widerspricht.

7. Was ist »Tittytainmaent«?
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Vielmehr macht der Ausdruck »tittytainment« Karriere,
den der alte Haudegen
Zbigniew Brzezinski ins Spiel bringt.
Der gebürtige Pole war vier Jahre lang Nationaler Sicherheitsberater
von US-Präsident
Jimmy Carter, seither beschäftigt er
sich mit geostrategischen Fragen. »Tittytainment«, so
Brzezinski, sei eine Kombination von »entertainment« und »tits«,
dem amerikanischen Slangwort für Busen. Brzezinski denkt
dabei weniger an Sex als an die Milch, die aus der Brust einer
stillenden Mutter strömt. Mit einer Mischung aus betäubender
Unterhaltung und ausreichender Ernährung könne die frustrierte
Bevölkerung der Welt schon bei Laune gehalten
werden.

Nüchtern diskutieren die Manager die möglichen Dosierungen,
überlegen, wie denn das wohlhabende Fünftel den überflüssigen
Rest beschäftigen könne. Soziales Engagement der
Unternehmen sei beim globalen Wettbewerbsdruck unzumutbar,
um die Arbeitslosen müßten sich andere kümmern. Sinnstiftung
und Integration erwarten sich die Diskutanten vom
weiten Feld der freiwilligen Gemeinschaftsdienste, bei der
Nachbarschaftshilfe, im Sportbetrieb oder in Vereinen aller
Art. »Diese Tätigkeiten könnte man doch durch eine bescheidene
Bezahlung aufwerten und so die Selbstachtung von Millionen
Bürgern fördern«, meint Professor
Roy. Jedenfalls werden
in den Industrieländern schon bald wieder Menschen fast zum
Nulltarif die Straßen sauberhalten oder als Haushaltshilfen
kärglichen Unterschlupf finden, erwarten die Konzernlenker.
Schließlich sei das Industriezeitalter mit seinem Massenwohlstand
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nicht mehr als ein »Wimpernzucken in der Geschichte
der Ökonomie«, analysiert der Zukunftsforscher
John Naisbitt.

8. Das Weltmodell der Zukunft
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Unterwegs zu einer neuen Zivilisation wähnten sich die
Veranstalter der drei denkwürdigen Tage im Fairmont. Doch die
Richtung, welche der versammelte Sachverstand aus Chefetagen
und Wissenschaft wies, führt geradewegs zurück in die
vormoderne Zeit. Nicht mehr die Zweidrittelgesellschaft, vor
der sich die Europäer seit den achtziger Jahren fürchten,
beschreibt demnach die künftige Verteilung von Wohlstand und
gesellschaftlicher Stellung. Das Weltmodell der Zukunft folgt
der Formel 20 zu 80. Die Einfünftelgesellschaft zieht herauf, in
der die Ausgeschlossenen mit Tittytainment ruhiggestellt
werden müssen. Alles maßlos übertrieben?

9. »Der richtige Orkan«
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Anmerkungen
(1)
Bei seiner Tischansprache am 27. September 1995 in San Franzisco.

(2)
Drei Journalisten durften an allen Arbeitskreisen des Treffens in San Franzisco
vom 27. September bis zum 1. Oktober 1995 teilnehmen, darunter Hans-Peter Martin.

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