Frauenhandel & Zwangsprostitution in Europa

Der Windschatten der wirtschaftlichen Globalisierung, die Trümmer der zusammengebrochenen Sowjetunion und der Staub des zerfallenen Kosovos haben einem der skrupellosesten Geschäfte zum Boom verholfen: Das Geschäft mit der Ware Frau. Mit Frauen, die getäuscht und betrogen, ihrer Rechte beraubt und gegen ihren Willen ausgebeutet werden. Hundertausende Mädchen und Frauen aus Osteuropa erleiden jedes Jahr ein ähnlich tragisches Schicksal. Sie werden mit falschen Versprechungen angelockt, manchmal gar gewaltsam entführt, gefügig gemacht und letztendlich in europäische Metropolen geschleust wo sie zur Prostitution gezwungen werden. Händler und Zuhälter erzielen damit Profite, wie sie sonst wohl nur im Drogen- bzw. Waffenhandel existieren, gehen aber kaum das Risiko ein, jemals für ihr widerliches Tun bestraft zu werden.

Der Handel mit der Ware Frau ist effizient organisiert. Es gibt Lieferländer zu denen vor allem Russland, die Ukraine oder Rumänien gehören, wo Frauen rekrutiert werden. In den Transitländern, zu denen in erster Linie Albanien und das ehemalige Jugoslawien zählen, werden die Frauen verkauft und gefügig gemacht um danach in westlichen Zielländern wie Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz in Bordellen oder auf dem Strich eingesetzt zu werden.

Moskau gilt als einer der zentralen Umschlagplätze und Ausgangsorte des europäischen Frauenhandels. Mehrere Hundert, zum Teil ganz legale "Unternehmen" versorgen von dort aus die Sexindustrie laufend mit neuen Frauen. Diese werden mit lukrativen Arbeitsplatzangeboten im Westen angelockt, einer Methode die aufgrund des gewaltigen Elends und der grassierenden Armut in Osteropa besonders gut funktioniert. Manche Frauen wissen zwar vermutlich auch, dass hinter den wohlklingenden Versprechungen, als Köchin, Sekretärin, Barfrau oder Tänzerin viel Geld zu verdienen, das schmutzige Geschäft mit der Prostitution lauert. Dass sie aber von Menschenhändlern und Zuhältern schlicht zur menschliche Ware degradiert und in völlig rechtlose, sklavengleiche Verhältnisse ausgeliefert werden, können sie sich sicher nicht vorstellen.

Nach dem ständig gleichen, aber leider effektiven Schema werden die Frauen der sexuellen Ausbeutung preisgegeben. Am Zielort eingetroffen wird ihnen zu "Registrationszwecken" der Pass abgenommen und nicht wiedergegeben. Anschliessend werden sie gezwungen, angebliche und meist sehr hohe "Vermittlungsgebühren" durch Prostitution abzuarbeiten. Frauen, die sich dagegen zur Wehr setzen, wird ohne zu zögern Gewalt angetan. Sie werden geschlagen, geprügelt und vergewaltigt.

Besonders düster sieht es im ehemaligen Jugoslawien aus. In Brcko in Bosnien-Herzegowina sowie im serbischen Novi Sad haben sich regelrechte Sklavinnenmärkte etabliert. Menschenhändler bieten dort - einer Viehschau gleich - osteuropäische Frauen zum Kauf an. Nackt (!) werden diese zur Schau gestellt und für weit weniger als 1000 Euro an Zuhälter verkauft, die sie nach erfolgtem Geschäft vielfach erst einmal vergewaltigen und misshandeln, ehe sie sie in Bordelle sperren oder weiterverkaufen. Es existieren dokumentierte Fälle von Frauen, die so bis zu achtzehnmal ihren Besitzer wechselten... dazwischen erlitten sie die immer gleiche, brutale Behandlung.

Einen zusätzlichen Aufschwung des Prostitutionsgeschäfts verursachte zudem die Stationierung von KFOR-Soldaten, UN-Mitarbeitern und diversen westlichen Hilfsorganisationen im Kosovo. Kaum waren diese eingetroffen, schossen Bordelle wie Pilze aus dem Boden! Die Internationale Gemeinschaft reagierte äusserst zaghaft auf diese unübersehbare Entwicklung. Es wurden einzig ein paar amerikanische Offiziere aus dem Dienst entlassen, zwei als Freier beschuldigte Dänen ausgewiesen sowie Ermittlungen gegen deutsche KFOR-Soldaten eingeleitet, nachdem sie in Bordellen angetroffen wurden, die Minderjährige beschäftigten.

Dass der Handel mit Frauen fast ungehindert funktioniert, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Menschenhändler vielerorts im Schutze der lokalen Polizei agieren können und äussert gute Kontakte zu den Behörden pflegen. Im ehemaligen Jugoslawien reicht Korruption vermutlich gar bis in die Spitzen des Staatsapparates.

Noch grässlicher scheint die Lage in Albanien. Dort wurde ein regelrechtes Prostitutionskartell aufgebaut, das rege Geschäftsbeziehungen zu anderen kriminellen Vereinigung aufrecht erhält und seine Aktivitäten stetig ausweiten kann. Das System und die Scheusslichkeit, mit der Mädchen und Frauen in Albanien behandelt werden, hat sogar Christian Amiard die Sprache verschlagen. Als Chef des Büros für die Bekämpfung von Menschenhandel in Frankreich (OCRTEH) hat er schon viel Grauenhaftes gesehen. Dennoch konnte er kaum glauben, dass in Albanien regelrechte Lager existieren, wo Mädchen vergewaltigt und abgerichtet werden, bis ihr Wille völlig gebrochen ist. Frauen, die versuchen Widerstand zu leisten, werden gar gefoltert. Ihnen werden Verbrennungen zugefügt, Elektroschocks verpasst oder sogar Gliedmassen abgeschnitten!

Detaillierte Zahlen über die Ausmasse des Prostitutionshandels existieren kaum. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) geht aber davon aus, dass alljährlich 200'000 osteuropäische Frauen in die Hände westlicher Zuhälter fallen. Werden diese Zahlen auf die Schweiz umgerechnet, muss angenommen werden, dass jährlich rund 1500 bis 3000 Frauen als Opfer von Menschenhändlern in unser Land geschleust werden.

Der boomende Sexmarkt in der Schweiz erwirtschaftet Schätzungen zufolge einen Jahresumsatz von 3,5 Milliarden Franken und die Gewinnmargen von mehr als 50 Prozent übertreffen die Renditen der profitabelsten und geldgierigsten Multis wie UBS und Novartis bei weitem. Interpol hat zudem errechnet, dass eine Prostituierte ihrem Zuhälter pro Jahr durchschnittlich 107'000 Euro einbringt.

Angesichts dieser Grössenordnung ist es beschämend, dass die europäischen Behörden dem Problem quasi untätig gegenüberstehen. In der Schweiz wird beispielsweise pro Jahr gerade mal in null bis fünf Fällen eine Verurteilung wegen Prostitutionshandel ausgesprochen. In Russland ist Menschenhandel noch nicht einmal ein Strafbestand! Ebenso inexistent sind gesamteuropäische Bemühungen, dem verwerflichen Geschäft entschieden zu begegnen. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt, dass sich die westeuropäischen Staaten schon in ihrer Grundhaltung gegenüber der Prostitution uneinig sind.
Die einen sehen in der Prostitution ein lästiges aber unvermeidbares Übel und versuchen sie einigermassen zu reglementieren. Die anderen betrachten sie als prinzipiell unvereinbar mit der Würde des Menschen und möchten sie als Ganzes abschaffen. Davon profitieren natürlich in erster Linie die Menschenhändler. Diese wissen die von Land zu Land unterschiedlichen Gesetzeslagen geschickt für sich zu nutzen.

Aber auch in der Bevölkerung scheint das Geschäft mit der Prostitution wenig Empörung zu verursachen. Die sexuelle Vermarktung des weiblichen Körpers wird gemeinhin als "das älteste Gewerbe der Welt" hingenommen oder gar als "Schutzwall gegen Vergewaltigung" angepriesen. Dass es sich dabei aber vor allem um eine besonders gravierende Form von Sexismus, um die Unterordnung des weiblichen Körpers unter männliche Bedürfnisse handelt, wird gerne ausgeblendet. Prostitution ist aber nicht nur Schauplatz der Ausbeutung der Frau durch den Mann. In ihr kommen ebenso die klaffen Gräben zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West zum Ausdruck.

Massnahmen müssen auf mehreren Ebenen getroffen werden. Sie dürfen sich nicht nur auf Polizei- und Justizarbeit beschränken. Obwohl auch in diesem Bereich ein immenses Defizit nicht bestreitbar ist. Wenn mensch bedenkt, dass beispielsweise in Frankreich die mit der Bekämpfung des Menschenhandels beauftragte Behörde (das oben erwähnte OCRTEH) gerade mal vierzehn BeamtInnen zur Verfügung hat.

Ebenso wichtig ist ein verstärktes Engagement im Bereich der Prävention. Es muss sichergestellt werden, dass Frauen und Mädchen umfassend vor den verwerflichen Geschäften der Menschenhändler und Zuhälter geschützt werden. Effizientes vorbeugendes Mittel wäre zweifellos, dem Prostitutionsgeschäft den wichtigsten Nährboden - nämlich die Armut - zu entziehen, was aber angesichts der globalen Ausbeutungs- und Unrechtsstrukturen wohl ein ziemlich frommer Wunsch bleiben wird. Abgesehen davon müssen Frauen wirksam vor den ihnen drohenden Gefahren gewarnt werden. Zaghafte Versuche in diese Richtung gab es beispielsweise in Bulgarien, wo Listen von sämtlichen Unternehmen publiziert wurden, die eine Genehmigung für das Anwerben von Arbeitskräften für's Ausland haben.
Nicht zu vergessen sind diejenigen, die von der Zwangslage der Frauen profitieren ohne direkt in den Handel involviert zu sein. Familienväter, die Prostituierte aufsuchen. Geschäftsherren, die ihre Erfolge in Cabarets feiern. Ohne diese Freier, diese Ehemänner, diese Arbeitgeber als zahlende "Konsumenten" könnte der Frauenhandel gar nicht erst stattfinden.

Nicht zuletzt müssen Frauen, die die Hölle der Zwangsprostituion erlitten haben, endlich ausschliesslich als Opfer betrachtet werden! Sie brauchen Schutz anstelle von Kriminalisierung. Tragischerweise ist es immer noch üblich, dass in Bordellen oder auf dem Strich aufgegriffene "illegale" Frauen zu Täterinnen gemacht und einfach in ihre Heimatländer ausgeschafft werden. Hilflos und Alleingelassen droht ihnen dort nicht selten derselbe Albtraum von neuem.


Deshalb ist es wichtig, dass betroffenen Frauen unverzüglich ein unbegrenztes Bleiberecht und Straffreiheit garantiert wird. Sie müssen psychologische Betreuung, finanzielle Sicherheit sowie Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten erhalten, um ihnen so eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Damit sie in Zukunft endlich ein freies, selbständiges und lebenswertes Leben führen können.

 

weiterführendes Material:
Dokumentation "betrogen und verkauft -
Frauenhandel in der Schweiz und anderswo"

bestellbar beim FIZ:
Fraueninformationszentrum
Badenerstrasse 134
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www.fiz-info.ch

inkulant #3 / frühling 2004