Willkommen in der Wohlfühlwelt

Manche Leute behaupten, in diesem Land hätte man keinen Grund sich zu beklagen. Nirgendwo sonst hätte der Mensch so viel Geld und Freizeit, nirgendwo sonst könne man so frei sagen was man denke, nirgendwo sonst funktioniere das System bzw. die Demokratie so gut wie hier. Wir hätten jeden Tag etwas zu essen und (praktisch) alle ein Dach über dem Kopf, ja haben gar die Möglichkeit, uns das Leben durch Luxusgüter zu vereinfachen bzw. zu versüßen...
Wer sich dennoch gegen die Zustände (um nicht zu schreiben Missstände) in diesem Land (oder gegen die, die von diesem Land ausgehen) auflehnt, sei nichts als ein pubertierendes Wohlstandskind, welches besser mal darüber nachdenken würde, wie es wäre, in der 3. Welt geboren zu sein und abends mit hungerndem Bauch zu Bett gehen zu müssen....

Tausendmal wurde mir dieser Scheiss erzählt. Tausendmal sollte ich irgendwem dankbar sein, in der privilegierten Situation zu sein, jeden Tag etwas zu essen zu haben. Tausendmal sollte ich dankbar sein, dass nicht irgendwer mich als Sklave hält, tausendmal sollte ich dankbar sein für etwas, was doch grundsätzlich das Bedürfnis und das Recht eines jeden Menschen ist: nämlich Essen, Trinken, ein Zuhause und ein soziales Umfeld zu haben.

Aber es gibt sie ja nicht, die Gründe mit den hiesigen Lebensumständen unzufrieden zu sein. Denn Lebensqualität und Wohlbehagen eines Menschen stehen in jedem Fall im Verhältnis zum materiellen Wohlstand. All der überflüssige Luxusscheiss, all das sinnlose Streben nach mehr Geld, Konsum, gesellschaftlicher Anerkennung, das Konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt zwischen Arbeitgebern, wie auch zwischen Arbeitsnehmern, all der Stress, die Hektik, das schön gesellschaftlichnormierte Klischeedenken von Schönheit und Sauberkeit, von Benehmen und Anstand, all der in unserer "zivilisierten" Gesellschaft tiefverankerte Neid und die Missgunst, all die Heuchelei und Arschkriecherei sollen demnach keine negativen Auswirkung auf das Wohl der Bevölkerung haben. Und auch die Tatsache, dass wir, mit fast jedem Produkt welches wir kaufen oder am Arbeitsplatz produzieren, Hand in Hand mit Ausbeutung und Unterdrückung gehen, und als Einzelperson kaum was dagegen tun können, soll uns nicht im geringsten stören.

Da frage ich mich, warum unser so hochgelobtes Land die Rangliste der Selbstmörder anführt, warum all die Menschen an körperlichen und seelischen Erkrankungen leiden. Tausende von Alkoholikern, Medikamentenfressern, frustrierten Stubenhockern und Fensterguckern, deren einziges Vergnügen darin besteht, stundenlang vor dem TV zu hängen oder darauf zu achten, dass kein Sprayer sein Tääg auf der gegenüberliegenden Schallschutzwand hinterlässt oder kein Hund auf den saubergemähten Rasen scheisst.
Es macht mich krank, all die sooo zufriedenen Menschen zu sehen, welche sich krampfhaft an Dingen festhalten, die den Begriff "Wert haben" gar nicht verdient haben. Wie sie ihre Hecken scheren, welche ihre Parzelle von derer ihres Nachbarn trennen, wie sie Sichtblenden montieren, damit die Einen nicht sehen können, was die Anderen zu Mittag essen. Wie sie ihre Autos polieren, Gartenzäune streichen, Unkraut jäten, in schön rechtwinklig angelegten Gartenbeeten. Wie sie an den Bushaltestellen ihre Uhren fixieren und sich ab jeder "verlorenen" Minute schwarz ärgern, wie sie sich in Zügen und Bussen hinter ihren Handys und Gratiszeitungen verstecken, um ja dem Gegenübersitzenden nicht in die Augen sehen zu müssen.

Unser heutiges, "zivilisiertes Leben" ist so etwas von abgestumpft, oberflächlich, ignorant. Vergiftet durch die Massenflut der globalberichtenden Medien, irreales mit realem, wichtiges mit nichtigem vermischt. Soap-Operas und volksverdummende, heileweltvorspielende Sendungen auf allen Kanälen, bewusst beeinflussend, ausgerichtet auf ein Zielpublikum; realitätsvorgaukelnd, weitsichtversperrend.
Wo soll in diesem Wirrwarr von eigenen (ideologischen?) Gedanken, Informationsfluten, und von allen Seiten fremdeingehämmerten Werten der "normale" Mensch noch den Überblick bewahren? Wie soll der Mensch unter diesen Umständen seine wirklich eigene Individualität beibehalten? Wo kann in diesem Sumpf von gehirnwaschender Werbung, gesellschaftlicher Normierung und wirtschaftlicher Expandierung noch die Rede von "Frei sein" sein?

Im Allgemeinen werden diese Tendenzen von einem grossen Teil der Gesellschaft und deren führenden Köpfe schlicht ignoriert, ja gar bestritten. Doch pünktlich zu Weihnachten (da dieses Scheissding zur Zeit der Verfassung dieses Textes wieder einmal vor der Tür steht), wenn der "wohlhabende" Mensch inmitten seines Konsumrausches (verursacht durch reine Nächstenliebe), eine ruhige Minute findet, in den grauüberzogenen Winterhimmel starrt oder eine flackernde Kerzenflamme sein Herz berührt und ihn die düstere, aber trotz allem heimelige Stimmung zwingt, sich mit sich selber zu beschäftigen, packt ihn plötzlich das schlechte Gewissen. Dann gedenkt er dem Leid des armen Negerlein, welches auch zur Weihnachtszeit hungern muss, dem armen Kind, welches ihm für eine Schüssel Reis seine Schuhe hergestellt hat, der armen Gans, welche im Tiefkühler für den grossen Schmaus bereitliegt und welche sprichwörtlich "vollgestopft" wurde. Ja, mensch gedenkt plötzlich der verschandelten und zu Boden gestampften Landschaften, den gequälten und geächteten Tieren, den ausgebeuteten und gebeutelten Menschen, an deren Schicksal wir in unseren Breitengraden alle, ob bewusst oder unbewusst, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, mitschuldig sind.

nr. 19

inkulant #3 / frühling 2004