Null Kelvin - der absolute Nullpunkt

Mit zerknitterter Seele reite ich dahin, mit Wut im Herzen und Unzufriedenheit im Gehirn, suche das Nächste, was mir Verderben bringt. Erkannt und hilflos lieg ich da - verlacht und verhöhnt, vom Leben ausgespuckt in schmierigen Lehm, als dass ich mir damit die Wunden salbe. Stürmisch und voller Elan, das war einmal; der Becher der Jugend ist ausgetrunken und wird mir nicht mehr gefüllt. Die Glieder schmerzen, das Gedächtnis zerfällt; gut so, wohl für sämtliches, welches endlich vorbei geschritten. Weshalb länger Sein als auch bloss nötig. Und verscharrt unter verlogen huldigendem Lobgesang wird in hiesigen Breitengraden ein mancher. Stellt sich mir die Frage, wer schlussendlich mehr zu bedauern ist: der verrottende Leichnam oder die falsche Trauergemeinde, welche in Fluten von Schamröte zu ersaufen droht.

"Noch nicht", habe ich mir allzu oft zugemurmelt - bis ich mir letztlich selber Glauben schenkte, um in dem grell billig blechern blitzenden Jahrmarktswagen meines Lebens Trost zu suchen. Zu weit entfernt, zu weit gefehlt, zu stark verfehlt und trotzdem noch unter seinesgleichen, so argwöhnte er mich dort mit seinen Augen an; die Zähne unappetitlich nach vorn gerichtet; ein wüster Hund und ein falscher dazu. Nichts an ihm wahr, vom Geschlecht bis zu seinem ureigensten Wesen; gekrönt von sich selbst, gehuldigt von seinem Pöbel, sucht er seit je her nur die Eifersucht, herrscht über den Sturm im Wasserglas, dass gar dem Pinky Panther eine Denkerstirn erwächst. Was soll das Geschrei, was soll der plump inszenierte Tumult, was soll die lächerlich wirkende Aggression?? Ein Stück richtigen Lebens scheint den Weg zu mir gefunden - in keinster Weise mit dem wahren Leben zu verwechseln. Dieses blitzt nur all zu selten unter metertiefem Kot und Staub hervor, um im selben Augenblick wieder unter der stinkenden Masse zu verschwinden.

Zu oft hab ich damals nur so aus Spass auf das Bild meiner Mutter gespuckt, um es hernach unter Tränen wieder trocken zu reiben; genau wie heut', nur eben anders. Und alles wird finster, verschwindet in den blutroten Farben des Vergessenen - versteinert und unglücklich wird sich alles auflösen und nichts wird besser sein als es zuvor je war.


Mag sich einE jedeR selber fragen, wie viele fremde Worte ich in den Mund nahm um sie euch lustlos eingespeichelt ins Gesicht zu klatschen.

simmel

inkulant #3 / frühling 2004