Homo
Erectus
Irgendwann tief
im letzten Herbst war's, als ich in Kaltbrunn an einem Punkfestival
umherstolperte, während vorwiegend D-Punktruppen (Annoyed,
Popperklopper, Scattergun....) die Anwesenden mit ihrem wohlklingenden
Liedgut zu begeistern suchten. Doch irgendwie konnten mich an jenem
Abend die Unterhaltungsbemühungen der erwähnten Combos
nicht so recht beglücken bis....ja bis Homo Erectus die Bühne
betraten, wie wild drauflos knüppelten, schrien, grindeten,
crusteten, grunzten, kreischten und mir damit den Abend retteten.
Mittlerweile war einige Zeit vergangen und einige dummen Ideen gekommen.
Unter anderem die, ein Fanzine zu starten. Und so hab ich mich dann
entschlossen, die Jungs von Homo Erectus per Post mit ein paar Interviewfragen
zu nerven. Leider musste ich aber erfahren, dass Homo Erectus mittlerweile
nicht mehr existieren. Trotzdem hat sich Hofa (Ex-Sänger von
Ex-Homo Erectus) netterweise die Zeit genommen, die Fragen sehr
ausführlich aus seiner persönlichen Sicht zu beantworten.
Et voilà...
Zuerst wie
immer die unglaublich phantasievolle, noch nie dagewesene Frage
nach der Bandzusammensetzung, Entstehungsgeschichte, Veröffentlichungen....
Homo Erectus
sind entstanden um 1992/93. Von Anfang an mit dabei waren der Gitarrist
Josch und ich (damals noch Bassist). Sehr bald kamen der zweite
Gitarrist Romano und der Trommler Antonio dazu (wir alle hielten
bis zum Schluss durch!). Im August 93 veröffentlichten wir
unser erstes Kassetli ,,Prehistoric Tunes", es war einfach
grauenhaft (undefinierbarer Grindcore). Danach kam Bassist Ebi und
Sänger Marc dazu, ich wechselte ebenfalls an den Gesang, in
dieser Besetzung (2Sänger) spielten wir einige Konzerte in
der ganzen CH und veröffentlichten im Jahre 1996 unsere zweite
Kassette ,,Konstante Gewalt", es war eine Live-Aufnahme von
einem Konzert. (von diesen Kassetten hat's noch einen ganzen Haufen
an Lager, wer eins gratis will, schreibt an: IB, Postfach 55, 8722
Kaltbrunn und schickt eine 70/90er Marke). Irgendwann wurde der
zweite Sänger Marc aus der Bänd geknallt, und danach folgte
die letzte H.E.-Phase, welche musikalisch wohl die beste war, aber
schon hier begann der langsame Zerfall der Bänd. Wir brachten
einfach nichts mehr zustande, konkret heisst das, die Motivation
ging immer mehr verloren. Wir mussten immer wieder Konzertangebote
aus dem In- und Ausland ablehnen, weil gewisse Bandleute einfach
andere Prioritäten hatten. Wir hatten im November97 zwar noch
ganz geile Aufnahmen gemacht, für eine Split-7" mit Woyczech
(Grind-Crust aus Rostock, mit denen hatten wir eine richtige Bändbruderschaft),
doch leider waren Woyczech mit ihren Aufnahmen erst soweit, als
wir uns schon aufgelöst hatten. Sie werden jetzt die Split-7"
vielleicht doch noch veröffentlichen. Letztes Jahr haben wir
kaum noch geprobt, keine neuen Lieder mehr gemacht, und kaum noch
Konzerte gegeben. Das war der Punkt an dem wir uns Ende 1998 auflösten.
Das war jetzt die kurze Version der Bändgeschichte. Die fehlende
Motivation führte schlussendlich zum Bruch. Die Bändmitglieder
haben inzwischen einfach andere Interessen: Josch, der eigentlich
lange Zeit der musikalische und politische Kopf der Bänd war,
ist z.B. in die lokale Stamrntisch-Alki-Szene abgerutscht und wird
immer mehr zu einem Bergmannli. Antonio und Ebi sind beide in Zureich
und machen zusammen weiter, ich hab sie zwar noch nie gehört,
aber sie machen wohl irgendwelchen Experimental-Sound. Marc räpt
bei einer Crossoverbänd aus Rapperswil, Romano ist in die Goa-Szene
abgestürzt und ich bin in der Besetzerlnnen/Polito-Szene in
Zureich aktiv.
Von welchen
musikalischen und politischen Einflüssen seid ihr "verunstaltet"
worden?
Ui, das ist
eine umfassende Frage. Da waren einfach die verschiedensten Einflüsse
am Werk. Als wir anfingen waren das vor allem die Schweizer HC-Bänds
der ersten Stunde: Profax, Womout, Fear of god, X-large,... Vor
dem ganzen HC-Ding war ich voll auf Punk, Deutschpunk natürlich,
die beiden Gitarreros kamen aus der (Death)-Metal-ecke und HC war
einfach unser gemeinsamer Musikgeschmack. Ebi war ein waschechter
Skater und Antonio eher so der brave Indiependent-freak. Besonders
geprägt hat uns immer Geknüppel, Grind und Crust, die
beiden Gitarristen führen da voll drauf ab, ich bin erst später
auf den Geschmack gekommen, mir gefiel mehr so der Ami-HC, so SXE-Sachen
wie Youth of today oder Gorilla Biscuits. Politisch beeinflusst
war ich halt vor allem durch Deutsch-Punk, Slime und so. Josch knüpfte
erste Kontakte mit der D.I.Y.-Anarchopunk-Szene. Wir begannen Fanzines
zu lesen und es gab coole Plattensampler wie die beiden Avalanche-Compilatios,
mit Schweizer Bänds und fetten Booklets mit Berichten über
die Besetzerlnnenbewegung in Zureich. Da sind wir dann auch manchmal
in die Wohlgroth gegangen und das hatte uns schon beeindruckt. Für
die Wohlgroth sind wir dann auch das erste Mal an eine Demo gegangen.
Jetzt hatte uns das Zeux schon längst gepackt und wir interessierten
uns immer mehr für politische Sachen und wir haben auch begriffen,
dass wir selber etwas tun können. Das ganze Autonomen-Zeux
ist uns wohl sehr abenteuerlich reingekommen und gegen Bullen und
Nazis waren wir sowieso schon immer. Aber da waren auch anarchistische
Klassiker (Bakunin, Stimer,...) womit wir uns befassten, hinter
dem ganzen steckte also einiges. Hauptsächlich Josch und ich
waren hier sehr interessiert, die anderen Bändmitglieder waren
nie sehr politisch. Wir schrieben auch hauptsächlich die Songtexte.
Dem Josch geht das heute alles ziemlich am Arsch vorbei, er schreibt
zwar noch für den Vorwärts, die PdA-Zeitung, aber er macht
das auch bloss für den Stutz. Ausser ich, ich bin in dem ganzen
Polito-film hangen geblieben, und das ist heute mein Leben. Ich
bin auch froh nicht aufgegeben zu haben, denn auf dieser Welt läuft
soviel scheisse ab, und niemals möchte ich aufhören dagegen
zu kämpfen. Und heute bin ich froh, dass ich damals Punker
geworden bin, denn deswegen bin ich wohl mit meinem Leben da wo
ich jetzt bin, mitten im erlebnisreichen und abenteuerlichen Kampf
gegen das System. Auch wenn's wahrscheinlich das Paradies, für
das wir kämpfen, niemals geben wird, am Ende haben doch wir
gewonnen.
Welche Message
möchtet ihr mit der Band vermitteln und wieviel kann mensch
mit Musik bewirken; wo liegen die Grenzen?
Ganz grundsätzlich
wollten wir mit unseren Texten den Anarchismus propagieren, sagen
dass das kapitalistische System scheisse ist und dass wir kämpfen
sollen für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft,
sprich: die Revolution machen. Aber in erster Linie gab es H.E.
schon wegen dem Spass Lärm zu machen und natürlich weil
uns Punk/HC gefällt, die Musik aber auch die Ideen die dahinter
stecken (Non Profit, D.I.Y., Rebellion,...). Wieviel mensch mit
Musik bewirken kann? Oh viel, sehr viel. Punk war der Soundtrack
zu vielen Strassenschlachten und Hausbesetzungen. Musik kann der
Ausdruck einer Rebellion sein und eine ganze Jugend bewegen. Denk
an die Rolling Stones, Jimi Hendrix, Janis Joplin. Und eben das
ganze Punk-dings, welches dich ja z.B. dazu bringt ein Fanzine zu
machen. Es sind schon tausende durch Punk inspiriert worden, selbst
etwas zu tun, selbst aktiv und kreativ zu werden. Es bewirkt eine
ganze Menge. Die Grenzen liegen da wo das ganze vom System vereinnahmt
wird, Rage against the machine z.B. die machen so radikalen Sound
gegen das System und trotzdem scheffelt Sony Millionen durch sie.
Musik kann aber auch im kleinen etwas bewirken. Z.B. hat Homo Erectus
hier in Kackbrunn und Umgebung einiges bewirkt, es hat sich über
all die Jahre eine eigene Szene hier entwickelt, und begonnen hat
das ganze eigentlich mit H.E.-Konzerten, die wir selber organisiert
haben. Und ich möchte schon behaupten, dass es in Kackbrunn
im Vergleich zu anderen Käffern schon mehr kritische Menschen
gibt. Die Faschos hatten's bislang schwer hier Fuss zu fassen.
Wie seid
ihr auf den Bandnamen gekommen; welche Bedeutung hat er?
Zu unserem Namen
wurden wir in der Schule inspiriert, Bio-Unterricht an der Kanti
(Josch und ich waren nichts anderes als stupide Kantischüler).
Die Evolution des Menschen. Homo erectus heisst der Aufrechtgehende
Mensch. Und eigentlich ist es ja ganz wichtig aufrecht durchs Leben
zu gehen...
Wie sieht's
mit Auftritten aus. Steht ihr öfters auf der Bühne (auch
im Ausland)?
Ja eben, mit
Auftritten sah es eigentlich gut aus, nur wir, die Band waren das
Problem. In der letzten H.E.-Phase waren wir so drauf, dass wir
90% aller Konzertangebote ausgeschlagen haben, und das ist wohl
ein eindeutiges Zeichen von mangelnder Motivation. Wir hätten
sogar auf eine Ostblock-Tour gehen können, oder ganz konkret
war das Angebot für die 3Tage-Tour in der lombardischen Sqatting
Connection (Milano, Bergamo, Brescia). Schlussendlich sind wir nur
einmal im Ausland aufgetreten, und das war erst noch in Konstanz.
Ansonsten haben wir wirklich fast in der ganzen Schweiz gespielt,
in den besetzten Häusern und so. In der Umgebung und Zuhause
hatten wir natürlich auch viele Auftritte. Ich wäre immer
gerne auf Tour gegangen, doch leider hatte es in unserer Bänd
Arbeiter, die ihre knappen Ferien nicht fürs touren opfern
wollten.
Seid ihr
ausserhalb der Band in anderweitige Aktivitäten involviert?
Also das habe
ich ja schon bei Frage 1 beantwortet, was die Leute der Bänd
inzwischen machen.
Nach euren
Texten zu urteilen nehme ich an, ihr ernährt euch vegetarisch
/ vegan...?
Das ist auch
wieder so etwas H.E.-typisches. Der ,,Slaughter of the innocent"-text
hat der Josch geschrieben, natürlich haben wir den Text trotzdem
gesungen, obwohl wir gar nicht alle von der Bänd Vegetarianer
waren. Z.B. Josch, der sogar fast mal Veganer geworden war und sich
sehr in dieser Sache engagierte, ist in der Zwischenzeit wieder
Fleischfresser geworden. Er ist sowieso ein bisschen ein Verräter-Typ.
Und ich z.B. habe diesen Text auch gesungen, aber ich war und bin
ein Fleischfresser. Bei mir ist es zwar inzwischen so, dass ich
mich auch hauptsächlich vegetarisch ernähre, ich bin einfach
dagegen, dass Fleisch gekauft wird. Aber wenn wir einen Kühlschrank
voll Würste geschenkt bekommen (ist auch schon passiert) dann
freue ich schon und haue Würste rein bis mir schlecht wird.
Ich hab auch kein schlechtes Gewissen dabei, denn ich find's immer
noch besser, dieses Fleisch zu essen als es wegzuwerfen. (Ich wohne
zur Zeit u.a. mit einem überzeugten Veganer und ein paar Vegetarierlnnen
zusammen, und für uns ist klar, dass wir beim Kochen Rücksicht
nehmen auf den Veganer. Und natürlich kommt es ab und zu zu
den üblichen Fleischdiskussionen...)
Lest ihr
Fanzines oder liegt auch schon mal ein Buch auf dem Nachttisch?
Welche?
Ja logisch lesen
wir. Doch kann ich hier auch nur für mich sprechen. Also Fanzines
lese ich gerne wenn ich eins in die Hand bekomme, doch leider gibt's
es in der CH nur sehr wenig Fanzines, empfehlen kann ich das Hello
Hero aus Chur und das Rotz-komix aus Winti. Ansonsten fällt
mir nix mehr ein. Es gibt da noch n'paar todlangweilige SxE-Zines.
Früher hab ich viele Fanzines (auch international) gelesen.
Was ich halt lese, sind die Polito-Zeitschriften (Utopia aus Luzern,
Hyäne aus Zureich, Karnickel aus Aarau, manchmal das Megafon
aus Bern) und halt die vielen Flugblätter. Zu lesen gibt's
eh genug, als ich noch in Kackbrunn wohnte, da baute ich die WVDG-Bibliothek
auf mit 200-3OOBüchern/heften und so. Auch in dem Haus wo ich
jetzt wohne haben wir eine Volksbibliothek mit vielen Büchern
die mich interessieren. (Wir konnten die Überbleibsel der alten
Wohlgroth-läsothek übernehmen). Bei mir ist es oft auch
so, dass ich Bücher bis weit in die Mitte lese, und dann lass'
ich sie liegen und lese sie nie mehr fertig, meistens bin ich sowieso
an 4 bis 5 Bücher dran. Ich lese alles mögliche, ausser
Trivial- und Unterhaltungsscheisse, meistens halt schon etwas mit
politischem Hintergrund. Zur Zeit lese ich viele Antifa-Sachen,
weil mir die ganze wachsende Faschoszene Besorgnis bereitet und
ich mich wieder vermehrt in Sachen Antifa engagieren möchte.
Es ist aber gut einigermassen Bescheid zu wissen, ein Bild zu bekommen
um Fehler von früheren Antifa-kämpfen nicht zu wiederholen.
Unsere Gesellschaft verschiebt sich immer mehr nach rechts, und
das belastet mich auch persönlich, sogar so dass ich nachts
oft von Schlachten mit Faschos oder von Faschoaufmärschen träume.
Ich möchte diese Stelle gleich nutzen um auf die Demo gegen
Rechts in Winterthur hinweisen. Am Samstag 29.Mai99 findet in Winti
eine antifaschistische Demo statt und es ist wichtig, dass möglichst
viele Leute kommen, um den Faschos zu zeigen, dass sie hier einen
starken Widerstand zu erwarten haben. Eine Bewilligung für
die Demo wurde auch eingereicht und mensch besammelt sich um l4uhr
bei Parkhaus Arch, vis-a-vis vom Bahnhof Wenn es eine grosse starke
Demo gibt, und die Faschos sehen, dass es viele sind, die gegen
sie sind, dann wird sie das auch ziemlich einschüchtern. Also,
kommt alle!
Ich hab mal
ein Flyer vom Infoblutt in den Händen gehabt (das Heft hab
ich leider nie gesehen). Das Teil kommt ja aus eurem Ort. Könnt
ihr mir was darüber erzählen?
Jaja das Infoblutt.
Dafür muss ich mich wohl verantwortlich zeigen. Also von der
letzten Nummer, die Nr.4 sind noch welche Exemplare erhältlich,
wer eins will soll schreiben an: IB, Postfach 55, 8722 Kaltbrnnn
und eine 70/90er Briefmarke beilegen fürs zurückschicken.
Was soll ich zum IB sagen? Gibt es halt inzwischen auch nicht mehr.
Ich hab mich halt auch irgendwann mal entschlossen ein Heftli zu
machen und so ist eben das Infoblutt entstanden. In einem Review
wurde mal darüber geschrieben, dass es eine gelungene Mischung
aus Politik und Musik, Hass und Spass ist. Ich glaub das IB war
wirklich ne gute Sache, und ich bin da auch stolz darauf. Schade
war, dass es halt nicht in einer so grossen Auflage erschienen ist,
nur immer etwa 100-15OStück pro Nummer. Trotzdem ist das IB
eigentlich ziemlich bekannt geworden und hat fast Kultstatus erreicht.
Es gibt Leute, die sagen, dass es das beste Zine überhaupt
war und einige wurden richtiggehende Infobluttfäns. Jedenfalls
hab ich von vielen Seiten gehört, dass es schade ist, dass
ich damit aufgehört habe. Aber ich bin damals von Kackbrunn
weggezogen und machte was neues. Zu einem neuen, eigenen Heftli
hat's bis jetzt halt noch nicht gereicht, doch möchte ich unbedingt
wieder publizistisch tätig werden. Vielleicht kann ich ja mal
für dein Zine etwas schreiben.
Kaltbrunn
machte mir damals einen ziemlich "dörflichen" Eindruck.
Wie reagieren die Leute auf eure Einstellung und was gibt es da
für Aktivitäten (Konzerte, Szene...)?
Ja Kackbrunn
ist ein Dorf (3500Einwohnerlnnen). Die Leute reagieren eigentlich
überhaupt nicht auf unsere Aktivitäten, jedenfalls haben
wir nie gross Probleme bekommen. Sie lassen uns im grossen und ganzen
in Ruhe. Ist eigentlich noch erstaunlich. Als ich noch in Kackbrunn
wohnte, hatten wir die WVDG-WG, und das Haus war echt mitten im
Wohnquartier, auf einer Seite der Kindergarten, auf der anderen
Seite der Hausbesitzer in seiner Villa, unten wohnte der Pfaffe
und niemals haben wir Ärger bekommen, obwohl das ganze Dorf
wusste, dass wir eine illegale Bar im Keller haben und dass bei
uns wie verrückt abgekifft wurde. Die WVDG-WG war auch Kult,
wir haben da grosse Partys organisiert und Punkkonzerte an Samstagnachmittagen.
Da lagen oft besoffene Punks draussen rum und trotzdem liessen die
Spiessis uns in Ruhe. Gut wir haben schon in etwa gewusst was wir
uns erlauben können und was nicht. Z.B. als das grosse zweitägige
Abschlussfest mit etwa 15 Bänds und vollgestopfter Hütte
über die Bühne ging, da hat irgendwer Grabsteine auf dem
Friedhof umgeschmissen. Zum Glück haben wir das vor irgendjemand
anderem bemerkt und haben alles wieder einigermassen herrichten
können. Da ist der Friedhof und daneben unser Haus, wer sonst
hätte es sein können? Vielleicht haben sie uns in Ruhe
gelassen, weil wir trotz allem immer ,,anständig" geblieben
sind, aber vielleicht hatten sie auch Angst sich mit uns anzulegen.
Mit dem Ende der WVDG -WG vor ziemlich genau einem Jahr, wurde es
auch wieder ein bisschen ruhiger hier in Kackbrunn. Aber trotzdem
läuft von Zeit zu Zeit etwas, wie eben z.B. das grosse D-Punk-Konzert,
an dem du auch warst. Ansonsten gibt es seit 11/2 Jahren die WG
der HKK, der hässlichen Kinder Kaltbrunns. Da gibt es manchmal
Konzerte im Stall, welche aber nie so der Hammer sind, obwohl die
auftretenden Bänds vom feinsten sind, auch aus dem Ausland.
Ebola und MVD aus Berlin haben schon hier gespielt, oder NoMurder
und Asmodinas Leichenhaus aus Ostdeutschland, Asche zu Staub und
Smaug aus Österreich. Also internationale Crust-Spitzenklasse
(Insider werden anerkennend nicken...). In der WVDG-WG hatten wir
nur selten internationale Bänds, aber da war's jeweils vom
feinsten (Woyczech (2x) und Cut your hair aus EX-DDR, oder die superguten
Frarmnenti aus Torino). Inzwischen hat Kackbrunn einen Ruf als Punk-Hochburg
und so ist es keine Seltenheit mehr, dass auch ausländische
Bänds hier auftreten. Doch irgendwie ist das Interesse an solchen
Bänds einfach zu gering, die Konzerte sind jedenfalls nie so
richtig geil, es erscheint mir fast so als wäre bei der Kackbrunner
Szene die Luft ein bisschen draussen. Jedenfalls kann den Bänds,
die hier auftreten kaum noch das Benzingeld bezahlt werden, weil
einfach so wenig Leute kommen die Eintritt bezahlen. Aber in Zureich
ist's oft auch nicht besser...
Was denkt
ihr über die aktuelle HC/Punk Szene? Wie steht ihr zu Vorwürfen,
dass in der HC-Szene immer öfters tätowierte und solariumgebräunte
Bodybuilder auf der Bühne stehen und irgendwelchen apolitischen,
wenn nicht gar sozial-darwinistischen Quatsch von sich geben und
die Kids im Publikum mehr an ihren Markenklamotten, als an konkreten
politischen Inhalten interessiert sind?
Die HC/Punk-Szene
ist breit gefächert, oder? Also es gibt hier, wie überall,
Leute die okay sind und Leute die Arschlöcher sind. Dann gibt's
leider noch viel zu wenig Leute die einfach wirklich gut drauf sind,
das sind für mich Leute, die sich was denken, die sich engagieren,
die etwas tun. Leute die kritisch, auch selbstkritisch sind. Sprichst
du bei deiner Frage auf all die an, für die Sick of it all
und Biohazard die grössten sind? Ja also, solche Leute zähle
ich nicht mal zur Szene, obwohl Sick of it all ganz guten HC machen.
Also für mich fängt die HC/Punk-Szene da an wo sie underground
wird, abseits von MTV. Sobald HC/Punk nur noch konsumiert wird,
wird es kaputt gemacht, und das geschieht leider auch viel zu oft
im underground. Mir ist eigentlich auch egal ob Leute Punx sind
oder nicht, das ist kein Kriterium für FreundIn oder FeindIn.
Ich kann dir ja mal erzählen, welchen Teil der HC/Punk-Szene
mich begeistert, ich bezeichne diesen Teil mal als Anarchopunk-szene.
Sie ist wie eine grosse weltumspannende Familie. Es spielt sich
vieles in besetzten Häusern ab, Crust ist der Soundtrack dazu,
wütend und dreckig. Die internationale Vernetzung, die Bänds
auf ihren Toumeen durch die autonomen Zentren und die Keller der
besetzten Häusern, die Travaller-punx die mit extrem wenig
Kohle durch die Lande reisen und in Wagenburgen und Squats übernachten.
Selber Häuser besetzen und was organisieren und viele, viele
Punx kennen lernen! Immer im Krieg gegen die Regierung und sich
vorm arbeiten drücken und die Klamotten selber machen. Eintritt
zu Konzerten immer 5 Schtutz oder soviel wie du gerade hast, auch
wenn die Bänds aus fucking Amerikkka kommen. Nonprofit und
handfeste Solidarität, kritisch, kreativ und immer aktiv, natürlich
dabei wenn's abgeht. Alles ganz ganz geil, und natürlich klappt's
auch nicht immer so gut. Trotzdem, diese Szene ist ein sehr konkretes
Beispiel für Selbstorganisierung und Autonomie, es geht auch
ohne Kapitalismus. Alles schön und gut, das Problem ist, dass
es einfach Punk as fuck ist..und hier sind wir gleich bei deiner
nächsten Frage.
Habt ihr
nicht manchmal den Eindruck, dass eine so kleine (und oftmals zerstrittene
Szene) wie die unsere kaum grundlegende gesellschaftliche Veränderungen
bewirken kann?
Grundlegende
Veränderungen in der Gesellschaft gibt es nur, wenn die ganze
Gesellschaft sich verändert. HC/Punk wird nun aber niemals
die ganze Gesellschaft begeistern können (das wär ja schlimm!),
sondern nur ein kleiner Teil der Menschheit spricht überhaupt
darauf an. Die HC/Punk-Szene ist in ein Ghetto verbannt, mensch
grenzt sich ganz bewusst von der Spiessergesellschaft ab. Sei das
nun durch sein/ihr äusseres oder durch krasse Musik. Die meisten
Menschen wissen kaum etwas über Punx, ausser dass sie abgefuckt
aussehen und Radau machen. Aber was für Ideen und Vorstellungen
dahinter stecken wissen sie kaum, obwohl sie vielleicht eine Menge
daraus lernen könnten. Wenn wir die Leute/das Volk erreichen
wollen, bei ihnen etwas bewirken wollen, dann dürfen wir uns
nicht vor ihnen verschliessen, sondern müssen auf sie zugehen.
Heute spielt es bei den meisten Menschen sowieso keine Rolle mehr,
wie du aussiehst, was für Musik du hörst, die Welt ist
schon viel zu crazy um sich über Punk noch ärgern zu können.
Da hat Punk vielleicht schon etwas bewirkt, ende der 70er, mehr
geschockt als Punk damals hat keine Jugendkultur seither. Da können
jetzt sogar Glatzköpfe mit Hakenkreuzen durch die Strassen
marschieren. An grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen
müssen wir hart arbeiten, wenn wir sie erreichen wollen. D.h.
immer und immer wieder auf Menschen zugehen und versuchen ihnen
klar zu machen, dass solche Veränderungen nötig sind.
Und um das zu tun musst du nicht Punker/Crustie/Hardcore sein...
Tausend Dank
für's Interview und alles Gute.
inkulant
#1 / 1999
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