Homo Erectus

Irgendwann tief im letzten Herbst war's, als ich in Kaltbrunn an einem Punkfestival umherstolperte, während vorwiegend D-Punktruppen (Annoyed, Popperklopper, Scattergun....) die Anwesenden mit ihrem wohlklingenden Liedgut zu begeistern suchten. Doch irgendwie konnten mich an jenem Abend die Unterhaltungsbemühungen der erwähnten Combos nicht so recht beglücken bis....ja bis Homo Erectus die Bühne betraten, wie wild drauflos knüppelten, schrien, grindeten, crusteten, grunzten, kreischten und mir damit den Abend retteten. Mittlerweile war einige Zeit vergangen und einige dummen Ideen gekommen. Unter anderem die, ein Fanzine zu starten. Und so hab ich mich dann entschlossen, die Jungs von Homo Erectus per Post mit ein paar Interviewfragen zu nerven. Leider musste ich aber erfahren, dass Homo Erectus mittlerweile nicht mehr existieren. Trotzdem hat sich Hofa (Ex-Sänger von Ex-Homo Erectus) netterweise die Zeit genommen, die Fragen sehr ausführlich aus seiner persönlichen Sicht zu beantworten. Et voilà...

Zuerst wie immer die unglaublich phantasievolle, noch nie dagewesene Frage nach der Bandzusammensetzung, Entstehungsgeschichte, Veröffentlichungen....

Homo Erectus sind entstanden um 1992/93. Von Anfang an mit dabei waren der Gitarrist Josch und ich (damals noch Bassist). Sehr bald kamen der zweite Gitarrist Romano und der Trommler Antonio dazu (wir alle hielten bis zum Schluss durch!). Im August 93 veröffentlichten wir unser erstes Kassetli ,,Prehistoric Tunes", es war einfach grauenhaft (undefinierbarer Grindcore). Danach kam Bassist Ebi und Sänger Marc dazu, ich wechselte ebenfalls an den Gesang, in dieser Besetzung (2Sänger) spielten wir einige Konzerte in der ganzen CH und veröffentlichten im Jahre 1996 unsere zweite Kassette ,,Konstante Gewalt", es war eine Live-Aufnahme von einem Konzert. (von diesen Kassetten hat's noch einen ganzen Haufen an Lager, wer eins gratis will, schreibt an: IB, Postfach 55, 8722 Kaltbrunn und schickt eine 70/90er Marke). Irgendwann wurde der zweite Sänger Marc aus der Bänd geknallt, und danach folgte die letzte H.E.-Phase, welche musikalisch wohl die beste war, aber schon hier begann der langsame Zerfall der Bänd. Wir brachten einfach nichts mehr zustande, konkret heisst das, die Motivation ging immer mehr verloren. Wir mussten immer wieder Konzertangebote aus dem In- und Ausland ablehnen, weil gewisse Bandleute einfach andere Prioritäten hatten. Wir hatten im November97 zwar noch ganz geile Aufnahmen gemacht, für eine Split-7" mit Woyczech (Grind-Crust aus Rostock, mit denen hatten wir eine richtige Bändbruderschaft), doch leider waren Woyczech mit ihren Aufnahmen erst soweit, als wir uns schon aufgelöst hatten. Sie werden jetzt die Split-7" vielleicht doch noch veröffentlichen. Letztes Jahr haben wir kaum noch geprobt, keine neuen Lieder mehr gemacht, und kaum noch Konzerte gegeben. Das war der Punkt an dem wir uns Ende 1998 auflösten. Das war jetzt die kurze Version der Bändgeschichte. Die fehlende Motivation führte schlussendlich zum Bruch. Die Bändmitglieder haben inzwischen einfach andere Interessen: Josch, der eigentlich lange Zeit der musikalische und politische Kopf der Bänd war, ist z.B. in die lokale Stamrntisch-Alki-Szene abgerutscht und wird immer mehr zu einem Bergmannli. Antonio und Ebi sind beide in Zureich und machen zusammen weiter, ich hab sie zwar noch nie gehört, aber sie machen wohl irgendwelchen Experimental-Sound. Marc räpt bei einer Crossoverbänd aus Rapperswil, Romano ist in die Goa-Szene abgestürzt und ich bin in der Besetzerlnnen/Polito-Szene in Zureich aktiv.

Von welchen musikalischen und politischen Einflüssen seid ihr "verunstaltet" worden?

Ui, das ist eine umfassende Frage. Da waren einfach die verschiedensten Einflüsse am Werk. Als wir anfingen waren das vor allem die Schweizer HC-Bänds der ersten Stunde: Profax, Womout, Fear of god, X-large,... Vor dem ganzen HC-Ding war ich voll auf Punk, Deutschpunk natürlich, die beiden Gitarreros kamen aus der (Death)-Metal-ecke und HC war einfach unser gemeinsamer Musikgeschmack. Ebi war ein waschechter Skater und Antonio eher so der brave Indiependent-freak. Besonders geprägt hat uns immer Geknüppel, Grind und Crust, die beiden Gitarristen führen da voll drauf ab, ich bin erst später auf den Geschmack gekommen, mir gefiel mehr so der Ami-HC, so SXE-Sachen wie Youth of today oder Gorilla Biscuits. Politisch beeinflusst war ich halt vor allem durch Deutsch-Punk, Slime und so. Josch knüpfte erste Kontakte mit der D.I.Y.-Anarchopunk-Szene. Wir begannen Fanzines zu lesen und es gab coole Plattensampler wie die beiden Avalanche-Compilatios, mit Schweizer Bänds und fetten Booklets mit Berichten über die Besetzerlnnenbewegung in Zureich. Da sind wir dann auch manchmal in die Wohlgroth gegangen und das hatte uns schon beeindruckt. Für die Wohlgroth sind wir dann auch das erste Mal an eine Demo gegangen. Jetzt hatte uns das Zeux schon längst gepackt und wir interessierten uns immer mehr für politische Sachen und wir haben auch begriffen, dass wir selber etwas tun können. Das ganze Autonomen-Zeux ist uns wohl sehr abenteuerlich reingekommen und gegen Bullen und Nazis waren wir sowieso schon immer. Aber da waren auch anarchistische Klassiker (Bakunin, Stimer,...) womit wir uns befassten, hinter dem ganzen steckte also einiges. Hauptsächlich Josch und ich waren hier sehr interessiert, die anderen Bändmitglieder waren nie sehr politisch. Wir schrieben auch hauptsächlich die Songtexte. Dem Josch geht das heute alles ziemlich am Arsch vorbei, er schreibt zwar noch für den Vorwärts, die PdA-Zeitung, aber er macht das auch bloss für den Stutz. Ausser ich, ich bin in dem ganzen Polito-film hangen geblieben, und das ist heute mein Leben. Ich bin auch froh nicht aufgegeben zu haben, denn auf dieser Welt läuft soviel scheisse ab, und niemals möchte ich aufhören dagegen zu kämpfen. Und heute bin ich froh, dass ich damals Punker geworden bin, denn deswegen bin ich wohl mit meinem Leben da wo ich jetzt bin, mitten im erlebnisreichen und abenteuerlichen Kampf gegen das System. Auch wenn's wahrscheinlich das Paradies, für das wir kämpfen, niemals geben wird, am Ende haben doch wir gewonnen.

Welche Message möchtet ihr mit der Band vermitteln und wieviel kann mensch mit Musik bewirken; wo liegen die Grenzen?

Ganz grundsätzlich wollten wir mit unseren Texten den Anarchismus propagieren, sagen dass das kapitalistische System scheisse ist und dass wir kämpfen sollen für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, sprich: die Revolution machen. Aber in erster Linie gab es H.E. schon wegen dem Spass Lärm zu machen und natürlich weil uns Punk/HC gefällt, die Musik aber auch die Ideen die dahinter stecken (Non Profit, D.I.Y., Rebellion,...). Wieviel mensch mit Musik bewirken kann? Oh viel, sehr viel. Punk war der Soundtrack zu vielen Strassenschlachten und Hausbesetzungen. Musik kann der Ausdruck einer Rebellion sein und eine ganze Jugend bewegen. Denk an die Rolling Stones, Jimi Hendrix, Janis Joplin. Und eben das ganze Punk-dings, welches dich ja z.B. dazu bringt ein Fanzine zu machen. Es sind schon tausende durch Punk inspiriert worden, selbst etwas zu tun, selbst aktiv und kreativ zu werden. Es bewirkt eine ganze Menge. Die Grenzen liegen da wo das ganze vom System vereinnahmt wird, Rage against the machine z.B. die machen so radikalen Sound gegen das System und trotzdem scheffelt Sony Millionen durch sie. Musik kann aber auch im kleinen etwas bewirken. Z.B. hat Homo Erectus hier in Kackbrunn und Umgebung einiges bewirkt, es hat sich über all die Jahre eine eigene Szene hier entwickelt, und begonnen hat das ganze eigentlich mit H.E.-Konzerten, die wir selber organisiert haben. Und ich möchte schon behaupten, dass es in Kackbrunn im Vergleich zu anderen Käffern schon mehr kritische Menschen gibt. Die Faschos hatten's bislang schwer hier Fuss zu fassen.

Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen; welche Bedeutung hat er?

Zu unserem Namen wurden wir in der Schule inspiriert, Bio-Unterricht an der Kanti (Josch und ich waren nichts anderes als stupide Kantischüler). Die Evolution des Menschen. Homo erectus heisst der Aufrechtgehende Mensch. Und eigentlich ist es ja ganz wichtig aufrecht durchs Leben zu gehen...

Wie sieht's mit Auftritten aus. Steht ihr öfters auf der Bühne (auch im Ausland)?

Ja eben, mit Auftritten sah es eigentlich gut aus, nur wir, die Band waren das Problem. In der letzten H.E.-Phase waren wir so drauf, dass wir 90% aller Konzertangebote ausgeschlagen haben, und das ist wohl ein eindeutiges Zeichen von mangelnder Motivation. Wir hätten sogar auf eine Ostblock-Tour gehen können, oder ganz konkret war das Angebot für die 3Tage-Tour in der lombardischen Sqatting Connection (Milano, Bergamo, Brescia). Schlussendlich sind wir nur einmal im Ausland aufgetreten, und das war erst noch in Konstanz. Ansonsten haben wir wirklich fast in der ganzen Schweiz gespielt, in den besetzten Häusern und so. In der Umgebung und Zuhause hatten wir natürlich auch viele Auftritte. Ich wäre immer gerne auf Tour gegangen, doch leider hatte es in unserer Bänd Arbeiter, die ihre knappen Ferien nicht fürs touren opfern wollten.

Seid ihr ausserhalb der Band in anderweitige Aktivitäten involviert?

Also das habe ich ja schon bei Frage 1 beantwortet, was die Leute der Bänd inzwischen machen.

Nach euren Texten zu urteilen nehme ich an, ihr ernährt euch vegetarisch / vegan...?

Das ist auch wieder so etwas H.E.-typisches. Der ,,Slaughter of the innocent"-text hat der Josch geschrieben, natürlich haben wir den Text trotzdem gesungen, obwohl wir gar nicht alle von der Bänd Vegetarianer waren. Z.B. Josch, der sogar fast mal Veganer geworden war und sich sehr in dieser Sache engagierte, ist in der Zwischenzeit wieder Fleischfresser geworden. Er ist sowieso ein bisschen ein Verräter-Typ. Und ich z.B. habe diesen Text auch gesungen, aber ich war und bin ein Fleischfresser. Bei mir ist es zwar inzwischen so, dass ich mich auch hauptsächlich vegetarisch ernähre, ich bin einfach dagegen, dass Fleisch gekauft wird. Aber wenn wir einen Kühlschrank voll Würste geschenkt bekommen (ist auch schon passiert) dann freue ich schon und haue Würste rein bis mir schlecht wird. Ich hab auch kein schlechtes Gewissen dabei, denn ich find's immer noch besser, dieses Fleisch zu essen als es wegzuwerfen. (Ich wohne zur Zeit u.a. mit einem überzeugten Veganer und ein paar Vegetarierlnnen zusammen, und für uns ist klar, dass wir beim Kochen Rücksicht nehmen auf den Veganer. Und natürlich kommt es ab und zu zu den üblichen Fleischdiskussionen...)

Lest ihr Fanzines oder liegt auch schon mal ein Buch auf dem Nachttisch? Welche?

Ja logisch lesen wir. Doch kann ich hier auch nur für mich sprechen. Also Fanzines lese ich gerne wenn ich eins in die Hand bekomme, doch leider gibt's es in der CH nur sehr wenig Fanzines, empfehlen kann ich das Hello Hero aus Chur und das Rotz-komix aus Winti. Ansonsten fällt mir nix mehr ein. Es gibt da noch n'paar todlangweilige SxE-Zines. Früher hab ich viele Fanzines (auch international) gelesen. Was ich halt lese, sind die Polito-Zeitschriften (Utopia aus Luzern, Hyäne aus Zureich, Karnickel aus Aarau, manchmal das Megafon aus Bern) und halt die vielen Flugblätter. Zu lesen gibt's eh genug, als ich noch in Kackbrunn wohnte, da baute ich die WVDG-Bibliothek auf mit 200-3OOBüchern/heften und so. Auch in dem Haus wo ich jetzt wohne haben wir eine Volksbibliothek mit vielen Büchern die mich interessieren. (Wir konnten die Überbleibsel der alten Wohlgroth-läsothek übernehmen). Bei mir ist es oft auch so, dass ich Bücher bis weit in die Mitte lese, und dann lass' ich sie liegen und lese sie nie mehr fertig, meistens bin ich sowieso an 4 bis 5 Bücher dran. Ich lese alles mögliche, ausser Trivial- und Unterhaltungsscheisse, meistens halt schon etwas mit politischem Hintergrund. Zur Zeit lese ich viele Antifa-Sachen, weil mir die ganze wachsende Faschoszene Besorgnis bereitet und ich mich wieder vermehrt in Sachen Antifa engagieren möchte. Es ist aber gut einigermassen Bescheid zu wissen, ein Bild zu bekommen um Fehler von früheren Antifa-kämpfen nicht zu wiederholen. Unsere Gesellschaft verschiebt sich immer mehr nach rechts, und das belastet mich auch persönlich, sogar so dass ich nachts oft von Schlachten mit Faschos oder von Faschoaufmärschen träume. Ich möchte diese Stelle gleich nutzen um auf die Demo gegen Rechts in Winterthur hinweisen. Am Samstag 29.Mai99 findet in Winti eine antifaschistische Demo statt und es ist wichtig, dass möglichst viele Leute kommen, um den Faschos zu zeigen, dass sie hier einen starken Widerstand zu erwarten haben. Eine Bewilligung für die Demo wurde auch eingereicht und mensch besammelt sich um l4uhr bei Parkhaus Arch, vis-a-vis vom Bahnhof Wenn es eine grosse starke Demo gibt, und die Faschos sehen, dass es viele sind, die gegen sie sind, dann wird sie das auch ziemlich einschüchtern. Also, kommt alle!

Ich hab mal ein Flyer vom Infoblutt in den Händen gehabt (das Heft hab ich leider nie gesehen). Das Teil kommt ja aus eurem Ort. Könnt ihr mir was darüber erzählen?

Jaja das Infoblutt. Dafür muss ich mich wohl verantwortlich zeigen. Also von der letzten Nummer, die Nr.4 sind noch welche Exemplare erhältlich, wer eins will soll schreiben an: IB, Postfach 55, 8722 Kaltbrnnn und eine 70/90er Briefmarke beilegen fürs zurückschicken. Was soll ich zum IB sagen? Gibt es halt inzwischen auch nicht mehr. Ich hab mich halt auch irgendwann mal entschlossen ein Heftli zu machen und so ist eben das Infoblutt entstanden. In einem Review wurde mal darüber geschrieben, dass es eine gelungene Mischung aus Politik und Musik, Hass und Spass ist. Ich glaub das IB war wirklich ne gute Sache, und ich bin da auch stolz darauf. Schade war, dass es halt nicht in einer so grossen Auflage erschienen ist, nur immer etwa 100-15OStück pro Nummer. Trotzdem ist das IB eigentlich ziemlich bekannt geworden und hat fast Kultstatus erreicht. Es gibt Leute, die sagen, dass es das beste Zine überhaupt war und einige wurden richtiggehende Infobluttfäns. Jedenfalls hab ich von vielen Seiten gehört, dass es schade ist, dass ich damit aufgehört habe. Aber ich bin damals von Kackbrunn weggezogen und machte was neues. Zu einem neuen, eigenen Heftli hat's bis jetzt halt noch nicht gereicht, doch möchte ich unbedingt wieder publizistisch tätig werden. Vielleicht kann ich ja mal für dein Zine etwas schreiben.

Kaltbrunn machte mir damals einen ziemlich "dörflichen" Eindruck. Wie reagieren die Leute auf eure Einstellung und was gibt es da für Aktivitäten (Konzerte, Szene...)?

Ja Kackbrunn ist ein Dorf (3500Einwohnerlnnen). Die Leute reagieren eigentlich überhaupt nicht auf unsere Aktivitäten, jedenfalls haben wir nie gross Probleme bekommen. Sie lassen uns im grossen und ganzen in Ruhe. Ist eigentlich noch erstaunlich. Als ich noch in Kackbrunn wohnte, hatten wir die WVDG-WG, und das Haus war echt mitten im Wohnquartier, auf einer Seite der Kindergarten, auf der anderen Seite der Hausbesitzer in seiner Villa, unten wohnte der Pfaffe und niemals haben wir Ärger bekommen, obwohl das ganze Dorf wusste, dass wir eine illegale Bar im Keller haben und dass bei uns wie verrückt abgekifft wurde. Die WVDG-WG war auch Kult, wir haben da grosse Partys organisiert und Punkkonzerte an Samstagnachmittagen. Da lagen oft besoffene Punks draussen rum und trotzdem liessen die Spiessis uns in Ruhe. Gut wir haben schon in etwa gewusst was wir uns erlauben können und was nicht. Z.B. als das grosse zweitägige Abschlussfest mit etwa 15 Bänds und vollgestopfter Hütte über die Bühne ging, da hat irgendwer Grabsteine auf dem Friedhof umgeschmissen. Zum Glück haben wir das vor irgendjemand anderem bemerkt und haben alles wieder einigermassen herrichten können. Da ist der Friedhof und daneben unser Haus, wer sonst hätte es sein können? Vielleicht haben sie uns in Ruhe gelassen, weil wir trotz allem immer ,,anständig" geblieben sind, aber vielleicht hatten sie auch Angst sich mit uns anzulegen. Mit dem Ende der WVDG -WG vor ziemlich genau einem Jahr, wurde es auch wieder ein bisschen ruhiger hier in Kackbrunn. Aber trotzdem läuft von Zeit zu Zeit etwas, wie eben z.B. das grosse D-Punk-Konzert, an dem du auch warst. Ansonsten gibt es seit 11/2 Jahren die WG der HKK, der hässlichen Kinder Kaltbrunns. Da gibt es manchmal Konzerte im Stall, welche aber nie so der Hammer sind, obwohl die auftretenden Bänds vom feinsten sind, auch aus dem Ausland. Ebola und MVD aus Berlin haben schon hier gespielt, oder NoMurder und Asmodinas Leichenhaus aus Ostdeutschland, Asche zu Staub und Smaug aus Österreich. Also internationale Crust-Spitzenklasse (Insider werden anerkennend nicken...). In der WVDG-WG hatten wir nur selten internationale Bänds, aber da war's jeweils vom feinsten (Woyczech (2x) und Cut your hair aus EX-DDR, oder die superguten Frarmnenti aus Torino). Inzwischen hat Kackbrunn einen Ruf als Punk-Hochburg und so ist es keine Seltenheit mehr, dass auch ausländische Bänds hier auftreten. Doch irgendwie ist das Interesse an solchen Bänds einfach zu gering, die Konzerte sind jedenfalls nie so richtig geil, es erscheint mir fast so als wäre bei der Kackbrunner Szene die Luft ein bisschen draussen. Jedenfalls kann den Bänds, die hier auftreten kaum noch das Benzingeld bezahlt werden, weil einfach so wenig Leute kommen die Eintritt bezahlen. Aber in Zureich ist's oft auch nicht besser...

Was denkt ihr über die aktuelle HC/Punk Szene? Wie steht ihr zu Vorwürfen, dass in der HC-Szene immer öfters tätowierte und solariumgebräunte Bodybuilder auf der Bühne stehen und irgendwelchen apolitischen, wenn nicht gar sozial-darwinistischen Quatsch von sich geben und die Kids im Publikum mehr an ihren Markenklamotten, als an konkreten politischen Inhalten interessiert sind?

Die HC/Punk-Szene ist breit gefächert, oder? Also es gibt hier, wie überall, Leute die okay sind und Leute die Arschlöcher sind. Dann gibt's leider noch viel zu wenig Leute die einfach wirklich gut drauf sind, das sind für mich Leute, die sich was denken, die sich engagieren, die etwas tun. Leute die kritisch, auch selbstkritisch sind. Sprichst du bei deiner Frage auf all die an, für die Sick of it all und Biohazard die grössten sind? Ja also, solche Leute zähle ich nicht mal zur Szene, obwohl Sick of it all ganz guten HC machen. Also für mich fängt die HC/Punk-Szene da an wo sie underground wird, abseits von MTV. Sobald HC/Punk nur noch konsumiert wird, wird es kaputt gemacht, und das geschieht leider auch viel zu oft im underground. Mir ist eigentlich auch egal ob Leute Punx sind oder nicht, das ist kein Kriterium für FreundIn oder FeindIn. Ich kann dir ja mal erzählen, welchen Teil der HC/Punk-Szene mich begeistert, ich bezeichne diesen Teil mal als Anarchopunk-szene. Sie ist wie eine grosse weltumspannende Familie. Es spielt sich vieles in besetzten Häusern ab, Crust ist der Soundtrack dazu, wütend und dreckig. Die internationale Vernetzung, die Bänds auf ihren Toumeen durch die autonomen Zentren und die Keller der besetzten Häusern, die Travaller-punx die mit extrem wenig Kohle durch die Lande reisen und in Wagenburgen und Squats übernachten. Selber Häuser besetzen und was organisieren und viele, viele Punx kennen lernen! Immer im Krieg gegen die Regierung und sich vorm arbeiten drücken und die Klamotten selber machen. Eintritt zu Konzerten immer 5 Schtutz oder soviel wie du gerade hast, auch wenn die Bänds aus fucking Amerikkka kommen. Nonprofit und handfeste Solidarität, kritisch, kreativ und immer aktiv, natürlich dabei wenn's abgeht. Alles ganz ganz geil, und natürlich klappt's auch nicht immer so gut. Trotzdem, diese Szene ist ein sehr konkretes Beispiel für Selbstorganisierung und Autonomie, es geht auch ohne Kapitalismus. Alles schön und gut, das Problem ist, dass es einfach Punk as fuck ist..und hier sind wir gleich bei deiner nächsten Frage.

Habt ihr nicht manchmal den Eindruck, dass eine so kleine (und oftmals zerstrittene Szene) wie die unsere kaum grundlegende gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann?

Grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft gibt es nur, wenn die ganze Gesellschaft sich verändert. HC/Punk wird nun aber niemals die ganze Gesellschaft begeistern können (das wär ja schlimm!), sondern nur ein kleiner Teil der Menschheit spricht überhaupt darauf an. Die HC/Punk-Szene ist in ein Ghetto verbannt, mensch grenzt sich ganz bewusst von der Spiessergesellschaft ab. Sei das nun durch sein/ihr äusseres oder durch krasse Musik. Die meisten Menschen wissen kaum etwas über Punx, ausser dass sie abgefuckt aussehen und Radau machen. Aber was für Ideen und Vorstellungen dahinter stecken wissen sie kaum, obwohl sie vielleicht eine Menge daraus lernen könnten. Wenn wir die Leute/das Volk erreichen wollen, bei ihnen etwas bewirken wollen, dann dürfen wir uns nicht vor ihnen verschliessen, sondern müssen auf sie zugehen. Heute spielt es bei den meisten Menschen sowieso keine Rolle mehr, wie du aussiehst, was für Musik du hörst, die Welt ist schon viel zu crazy um sich über Punk noch ärgern zu können. Da hat Punk vielleicht schon etwas bewirkt, ende der 70er, mehr geschockt als Punk damals hat keine Jugendkultur seither. Da können jetzt sogar Glatzköpfe mit Hakenkreuzen durch die Strassen marschieren. An grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen müssen wir hart arbeiten, wenn wir sie erreichen wollen. D.h. immer und immer wieder auf Menschen zugehen und versuchen ihnen klar zu machen, dass solche Veränderungen nötig sind. Und um das zu tun musst du nicht Punker/Crustie/Hardcore sein...

Tausend Dank für's Interview und alles Gute.

inkulant #1 / 1999