| A//Political
Folgendes Interview ist eine schlichte Übersetzung aus dem
Profane Existence # 36. Dies zeugt natürlich nicht gerade von
überbordendem Einfallsreichtum. Trotzdem finde ich, dass diese
Band eine ganze Menge zu sagen hat. Und da es vermutlich noch ein
paar Punx gibt, die das englische Original aus Faulheit oder Mangel
an Englischkenntnissen nicht gelesen haben, wird ihnen die Lektüre
dieser deutschen Version wohl kaum schaden...
A//Political
ist eine Band, bestehend aus aktiven Anarchopunks aus der Gegend
um Baltimore (USA). Momentan ist von ihnen eine Kassette mit dem
Namen "Planting the seeds of Revolution" erhältlich
(Anm.: mittlerweile haben sie auch zwei 7" und eine Split-7"
mit Counterpoise veröffentlicht), welche die aktionsorientierte
Natur ihrer Texte unterstreicht und zudem sehr gute Musik in der
Tradition des klassischen früh 80'er Peacepunk enthält.
Ebenso sind sie stark in Aktivitäten in ihrer Umgebung involviert.
Sie organisieren Benefizkonzerte und wirken in der Anarcho Punk
Federation mit. Wir haben ihnen das im folgenden abgedruckte Interview
per e-mail zugeschickt. Danke an Jordan für seine Hilfe in
Sachen Kommuikation.
Ihr habt
die Slogans "Politics are Punk" und "Fight Back or
Fuck Off" gebraucht. Ist das eine Zusammenfassung eurer Sicht
über den gegenwärtigen anti-politischen Trend im Punkrock?
Der anti-politsche
Trend in der Punkszene ist nichts als reaktionäre Scheisse.
Es ist einfache eine Ausrede sich um nichts zu kümmern. Um
den dekadenten, konsumorientireten Lifestyle, den diese Kids leben
zu rechtfertigen. Die anti-p.c. Bewegung ist nur ein Köder
des rechten Flügels um die Linke zu spalten und die Kids fressen
das auf. Sie sind nicht besser als Rush Limbaugh und sein Republikaner
Zirkus. Also ja, entweder tust du dich drum oder nicht. Insofern
das Punk für die anarchistische Bewegung immer noch einen gewissen
Wert darstellt, hält er immer noch eine Tür zu radikalen
Gedanken offen. Punk diente in den letzten 21 Jahren als grösster
Katalysator für die anarchistische Bewegung. Die Anarchopunk-Bewegung
läuft aber momentan Gefahr, genauso veraltet und zweitrangig
wie die Hippies der Sechziger zu werden.
A//Political
erscheinen heutzutage irgendwie einzigartig, weil ihr RednerInnen
und Infostände aus unterschiedlichen politischen und sozialen
Zusammenhängen auf euren Shows auftreten lässt. Ist dies
Teil einer bewussten Anstrengung, die politische Natur von Punk
zu legitimieren oder einfach ein nostalgischer Trip zurück
in die Tage des Peace-Punk und tragen solche Aktivitäten zur
sozialen Veränderung bei?
Der Zweck unserer
Shows ist die Ideen zu propagieren, die wir vertreten. Wir hatten
die verschiedensten Gruppen an unseren Konzerten, die auch ihre
Ideen verbreiteten. So die Baltimore Gewerkschaft der Weltindustriearbeiter,
das Claustrophobia Anarchistenkollektiv, Black Planet Books, die
Maryland Tieranwälte und Food not Bombs hat bei einigen Gelegenheiten
veganes Essen serviert. Es hilft den Kids zu wissen, was in ihrer
Umgebung so läuft und stellt ihnen Information zur Verfügung,
zu der sie sonst kaum Zugang hätten. Wenn eine/r von ihnen
dabei auf neue Ideen kommt oder sich in einer dieser Gruppen engagiert
ist das Ziel doch erreicht, oder?
Ihr habt
eine Anzahl von Essays produziert, die - wie ich annehme - an euren
Shows verteilt wurden. Ist dieser nicht-musikalische Effort eigentlicher
Teil eurer Band und werdet ihr dies in Zukunft weiterführen?
Bis heute haben
wir 7 gemacht und einige mehr sind noch in Arbeit. Zurzeit haben
wir Pläne, das Ganze Ende Jahr als Buch zu veröffentlichen,
wo alle unsere Essays und Artikel, sowie Artwork und anderes abgedruckt
sein wird.
In einem
eurer Essays kritisiert A//Political die Punkszene als soziales
Ghetto, wo Bands Musik machen, die nur die an eigene Punkmenge appelliert.
Erkennt ihr die Zweiseitigkeit eurer eigenen Aktivitäten und
wie könnt ihr Einfluss auf Leute ausserhalb der Punkszene nehmen?
Das Leben umfasst
vielmehr als nur Punkrock. Wir wollen den Leuten klarmachen, dass
der Slogan "anarchy and peace" nicht beim Verlassen des
Konzertes endet, sondern sich auf alle Facetten des Lebens ausdehnt.
Wir kritisieren die Punkszene weil wir Punks sind. Einen kritischen
Blick auf uns selbst, unsere Aktionen und unsere unmittelbare Umgebung
ist ein erster wichtiger Schritt zur Veränderung der Gesellschaft.
Ein anderer
Essay preist den Anarchosyndikalismus (Arbeitsplatzorganisation
und Gewerkschaftswesen) als wichtiges revolutionäres Werkzeug
und Vision einer zukünftigen Gesellschaft. Die meisten Punks
und jungen Leute allgemein haben aber wohl kaum Zugang zu Gewerkschaftjobs
oder arbeiten an Orten, wo solche Aktivitäten kaum möglich
sind und solche Ideen deshalb nicht vermittelbar sind. Denkt ihr,
dass Syndikalismus in modernen anarchistischen Organisationen einen
Platz hat und wie wollt ihr den Widerstand der organisierten ArbeiterInnenschaft
gegen solche Ideen überwinden?
Die Kontrolle
über die Produktionsmittel zu gewinnen ist ein wichtiger Grundsatz
des Anarchismus. Die ArbeiterInnen haben ein Recht auf all das was
sie produzieren. Egal was für ein Job sie haben, ob bei Mc
Donalds oder in der Stahlfabrik, sie brauchen keinen Boss, der ihnen
sagt was sie zu tun haben und auch keine anderen Parasiten, die
sie aussaugen und von ihrem Schweisse leben. Nicht allzuviele mögen
ihren Boss. Es ist einfach eine Frage wie man mit den Leuten spricht
und sie unterstützt. So wie der einzige Weg den Bossen zu widerstreben
über direkte Aktionen führt, wie Streiks, Proteste, Sit
ins, Slow downs, Sabotage, Besetzungen etc...
A//Political
und das Crasshole Collective sind sehr aktiv in der Idee, eine Internationale
Anarchopunk-Federation zu bilden. Könnt ihr ein wenig erklären
wieso eine solche Föderation so wichtig ist und was ihr in
eurer Gegend tut um sie zu realisieren?
Es gibt eine
Menge Leute in der Anarcho-Punkszene, die sich wirklich kümmern
und eine Menge guter Sachen in Gang bringen. Leider werden ihre
Aktionen vor dem anti-politischen Hintergrund oftmals nicht wahrgenommen.
Sie brennen aus, werden frustriert und isoliert. Einige fühlen
sich genötigt in andere, ihre Ideen stärker akzeptiernde/unterstütztende
Umgebungen zu wechseln, sie wechseln in andere soziale Kreise, gehen
verloren oder stürzen sich in die grassierende Apathie des
Punkrock. Das darf nicht so sein. Anarchopunks sind und waren immer
von den aktivsten Mitgliedern in der d.i.y. Bewegung. Das APF basiert
auf einem Neztwerk, auf gemeinsamen Aktionen und der Bildung von
verstärkten Kommunikationsverbindungen. Wir veröffentlichen
das anarchistische Bulletin "Counterculture" und tun eine
Menge um uns lokal und international zu vernetzten um die Leute
zu mehr Aktivitäten zu ermutigen.
Die Anarchist
Youth Federation der späten 80'er und frühen 90'er wurde
hauptsächlich von Schreibtischfreudigen rund um die Welt aufrechterhalten.
Als der Versuch gemacht wurde, die Organisations-Struktur zu formalisieren
und föderationsweite Aktionen zu veranstalten, zerbrach sie.
Wie wollt ihr diese Probleme bei der Anarchopunk-Federation vermeiden?
Die APF, wie
sie jetzt existiert basiert auf weltweit vernetzten Anarchopunks,
um diejenigen in- und ausserhalb der Szene wissen zu lassen, dass
die Anarchopunk-Bewegung immer noch äusserst lebendig ist.
Wir heben die Solidarität und Kommunikation als wichtige Bestandteile
für unser Ziel hervor. Diejenigen die uns geschrieben und ihr
Interesse signalisiert haben, wünschen auch die Bildung einer
soliden, auf verstärkter Kommunikation beruhenden Föderation.
Wie es momentan aussieht interessieren sich Punks in Chile, den
Philippinen, England und sonstwo in Europa und natürlich überall
in den USA für die Formierung der APF Basisgruppen beabsichtigen
auf lokaler Ebene für die Föderation zu arbeiten und dann
mittels Berichten im "Countercuture" die Welt von ihren
Aktionen wissen zu lassen.
Wir glauben, dass die AYF ihre Probleme in zwei Hauptpunkten hätte
vermeiden können. Erstens hat die AYF immer hervorgehoben eine
Anarchopunk Organisation zu sein. So sind ein Haufen Fraktionskämpfe
zwischen Punks und Nichtpunks entstanden. Und da die APF wünscht,
auch mit unseren "nichtpunk" KameradInnen zusammen zu
arbeiten, werden wir unsere Subkultur spezifisch organisieren. Zweitens
wurde die AYF mehr oder weniger vielerorts, auch in Baltimore, in
erster Linie eine primär modebewusste, aber inaktive Clique.
Die APF betont die Notwendigkeit aktiv zu sein. Ob persönlich
oder gesellschaftlich, soll an der Verbreitung der eigenen Ideale
in einer konstruktiven Art und Weise gearbeitet werden.
Bevor ich
euch die Fragen geschickt habe, hat mir Jordan klargemacht, dass
ihr keine Band- und Musikspezifische Themen wünscht. Doch erscheint
mir, dass ihr einiges an Aufwand investiert um gute Musik zu schreiben.
Wieso minimalisiert ihr diesen Aspekt eurer Band und die Rolle der
Musik um eure Message zu verbreiten?
Die Musik ist
nichts weiter als der Soundtrack zu den Worten. Wir spielen einfach
was wir mögen. Und falls sich unser Geschmack ändern sollte,
könnte sich dies die Musik ebenso. Niemals aber wird die Message
anders sein.
Ist es wichtig
"punkig" auszusehen? Ist dies ein politisches Statement
oder einfach ein modischer Trend?
Uns ist es scheissegal
wie sich jemand kleidet; Mode ist Mode. Für die Jugend wird
es heutzutage zunehmend schwerer sich ein neues, "rebellisches"
Äusseres zu verpassen, doch es ist sehr amüsant zu zusehen
wie sie es versucht.
A//Political
plant einige Konzerte mit Riot/Clone auf ihrer kommenden U.S. Tour
zu spielen. Wie ist es mit einer Band zu spielen, die schon über
ein Dutzend Jahre in der Anarcho-Punkszene aktiv ist und was hofft
ihr von ihrer Erfahrung lernen zu können? Warum macht ihr nicht
die ganze Tour mit ihnen?
Leider können
wir aus bandinternen Gründen einige Konzerte nicht mitspielen.
Doch wir freuen uns Riot/Clone zu treffen und gemeinsam die Zeit
zu verbringen, da sie einige der wendigen noch heute aktiven Bands
dieser Zeit sind.
Ich weiss,
dass Chuck ein Kind hat. Wie hat das Vatersein auf dein Glauben
an Anarchopunk gewirkt?
Ich denke, dass
die Geburt von Lexy (meiner Tochter) mich in meinem Glauben an den
Anarchismus bestärkt hat. Sie jeden Tag zu sehen, heisst zu
wissen, dass das Leben nichts ist, was gehindert und zurückgebunden
werden soll. Ich bin für sie da, um sie auf ihrem Lebensweg
zu begleiten. Nicht als autoritäre Vaterfigur, sondern als
ein gleichwertiger, liebender, sich um sie kümmernder Gefährte.
Ich erkenne stärker den je die Kraft der gegenseitigen Hilfe
und der stark verknüpften Gemeinschaft, besonders im Aufwachsen
der Kinder. Ich kann jetzt vielleicht nicht mehr all die Konzerte
spielen, die ich gerne würde oder auch andere Sachen die ich
sonst täte. Doch ich habe jetzt andere Dinge die nun mein Leben
erfüllen und politisch kann ich immer noch sehr aktiv sein.
Auch in der
Anarcho-Punkszene spielen Frauen weiterhin eine zweitrangige Rolle
in Sachen Partizipation und Führerschaft (aus Mangel an einem
besseren Begriff). Ich sehe das als ungenügende Reflexion gegenüber
der anarchistischen Überzeugung. Wie können wir - als
Männer - an der Zerstörung der patriarchalen Dominanz
innerhalb der Szene mithelfen?
So banal es
erscheint: Indem wir uns damit befassen, indem wir die Leute auf
die Scheisse aufmerksam machen und indem wir die Frauen in der Szene
mit dem Respekt behandeln, der ihnen gebührt. Allzu oft wenn
du auf einem Konzert siehst wie sich ein Mann einer Frau nähert,
geschieht dies nur aus einem einzigen Grund, und das ist krank.
Wir als Männer müssen unseren gesamten Horizont verändern.
Aufgewachsen in einer unglaublich verschissenen patriarchalen Gesellschaft
ist es fast unmöglich der permanenten Beeinflussung zu entkommen.
Also bedarf es einer ständigen Bewusstseinsanstrengung um unsere
Beziehung und Handlungen gegenüber der Frau neu zu definieren.
Gibt's noch
weitere Themen zu denen ihr was sagen wollt? Welches sind die Zukunftspläne
von A//Political?
Momentan arbeiten
wir an der Selbstveröffentlichung einer 7" auf "Crasshole
Records". Sie heisst "Propaganda by Deed". Bald sollte
auch die 7" "Punk is a Ghetto" auf "Profane/Skuld"
draussen sein. Ende Jahr hoffen wir auch das erwähnte Buch
zusammen zu haben und beginnen dann mit der Arbeit an einer LP die
anfangs des nächsten Jahres veröffentlicht werden soll.
Falls du an unseren Essays oder Infos über das Crasshole Kollektiv,
der Anarcho Punk Föderation, Counterculture oder einfach an
einem Schwatz interessiert bist, schicke einfach etwas Porto, wenn
du hast. Letzte Worte...Die Welt tritt zurzeit in eine neue Phase,
in der die Leute den Glauben an die vorhandenen Machtstrukturen
verlieren. Von der marktwirtschaftlichen Demokratie haben die Leute
ebenso genug wie von dem staatlichen Kommunismus. Leider nutzt der
Rechte Flügel diese Unzufriedenheit aus und missbraucht sie
als Rekrutierungswerkzeug. Doch auch freiheitliche Gruppen sind
am wachsen. Anarchismus ist die einzig wirkliche Alternative zu
den beiden anderen Modellen, die für jedes Individuum sorgt
und eine von Grund auf hoch-organisierte Gesellschaft, frei von
den jetzigen Übeln, erlaubt. Es ist eine ernsthafte Bewegung
und momentan ist eine sehr ernst zu nehmende Zeit.
Anarcho Punk Federation
P.O. Box 65341
Baltimore, MD 21209
USA
(ist ausserdem auch die Adresse von A//Political, Counterculture
Press, APF Baltimore....)
inkulant
#1 / 1999
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