Schrottbar Festival

1.-3. September 2000, Biel

Freitag

Oops, da war ja schon wieder ein Jährchen verstrichen und das diesjährige Schrottbarfestival stand auf dem Programm. Naja, eine gute Gelegenheit eigentlich, wieder einmal die unwirtliche Gegend ausserhalb meiner eigenen vier Wände zu betreten. Zudem outeten sich Thies & Peschi freiwillig als willige Begleiter. Also wurden am Freitagabend denn hurtig Schlafsack, Bier und der Zug nach Biel gepackt. Kaum waren wir da angekommen, stellte Thies einmal mehr seine Vorliebe für Fettnäpfchen und fatale Fehler unter Beweis. Während ich und Peschi direkt Richtung Couple loszogen, wollte er noch kurz in seiner 12-Zimmer-Jugendstil-Villa (die später als unser Nachtlager dienen sollte) vorbeizuschauen und verpasste damit gleich das ultimative Highlight des Wochenendes!

Auf dem Parkplatz vor dem AJZ legten ELXT90 nämlich gerade mit ihrer Pyro-Show los: Das Spektakel, das da geboten wurde war einfach unglaublich: aus Schrott zusmmengeschweisste Motorräder ratterten, Feuerwerfer fauchten, verkleidete Gestalten in feuerspeienden Anzügen und Helmen wankten umher, andere drehten sich in einem überdimensonalen Hamsterrad oder trommelten auf alten Ölfässern herum. Eine geniale apokalyptische Atmosphäre umhüllte den sonst so tristen Parkplatz vor der Coupole und erinnerte irgendwie an Mad Max-Szenerien, einfach der Hammer schlechthin!

Nach diesem genialen Intro hatten Veni Vidi Vicky (oder so ähnlich...) die undankbare Aufgabe, das musikalische Programm zu eröffnen. Sie waren zu viert, teilweise verkleidet, schrecklich konzentriert und spielten relativ rockigen Punk... haute mich irgendwie nicht so aus den Vegi-Boots. Das war nach der vorangegangenen Pyro-Show wohl auch ziemlich schwer zu realisieren.
Als näxtes betraten zwei auf den ersten Blick eher harmlos ausschauende Jungs die Bühne. Doch schnell war klar, dass sich die zwei adretten Knaben keinesfalls auf gepflegte Töne spezialisiert hatten. Sie nannten sich Brutal Massacre und der Name war Programm! Ich hätte nie erwartet, dass zu zweit ein derartiger Krach veranstaltet werden kann. Mit halb so viel Personal waren sie mindestens doppelt so schnell, derb & heftig wie die vorangegangene Band und lieferten ein absolut geiles Set.
Nach der üblichen Umbaupause stürmten die seit Unzeiten extistierenden Moped Lads aus Luzern die Bühne und wir ergriffen die Flucht nach draussen.... so ein Moped Lads Konzert ist ja immer eine gute Gelegenheit, sich ein wenig umzuschauen. Nicht dass ihr jetzt böses denkt, aber ich hatte die Truppe ja schon des öfteren bestaunt...

Neben der auf Hochtouren laufenden Bar, die Getränke zu absolut fairen Preisen (0,5l Bier für 2.- ist ja schon fast Förderung von Alkoholismus) vertickte, war auch ein Plattenverkaufsstand und sowas wie eine Hotdogbude aufgebaut worden. Punk durfte also exzessiv konsumieren. Erstaunlich war, wie viel buntes Volk sich da auf dem Gelände tummelte. Da waren Punx aus allen Ecken der Welt auf den mehr oder weniger wackligen Beinen. Wie viele da insgesamt rumtorkelten, kann ich nicht sagen, aber mehrere Hundert werden's bestimmt gewesen sein.
Draussen hatten sich ein paar pyromanisch veranlagte Kids dem Feuermachen verschrieben. Da in urbanen Gefilden wie Biel Brennholz eher Mangelware ist, haben sie kurzentschlossen die Messewegweiser verheizt. Gleichzeitig fand nämlich auf dem Gelände irgend so eine Technologiemesse statt... und obwohl die SchrottbarlerInnen appellierten, keinen Stress mit der Messe und deren spiessigen BesucherInnen zu veranstalten (von wegen näxtes Jahr) liess sich wohl die eine oder andere Begegnung nicht vermeiden. Aber grössere Scher(r)ereien (hmmm... wieviele werden das jetzt wieder verstehen?) blieben glaub ich aus.

Irgendwann stiegen drinnen drei zottlige Crusties auf die Bühne und es war wohl klar welch Klänge ihnen folgen würden. Sie lieferten ein absolut dufte Kruste, zeitweise noch unterstützt von einer Sängerin, die das wütende Geschnaube des Sängers noch übertraf, resp. um einige Oktaven unterbieten konnte! (Leider hab ich keine Ahnung, wie die Band hiess... tja mit den Bandnamen hab ich's an diesem Festival eh nicht so gepackt!) Den Schlusspunkt setzten nach einer unglaublich langen Umbaupause, in der fleissig Computer aufgestellt und Kabel eingestöpselt wurden, eine 3er Truppe aus Italien. Sie verzichteten auf klassische Instrumente und liessen stattdessen das Elektronengehirn lärmen. Dazu schrien, grunzten und wüteten sie heftig in die Mikros. Eigentlich keine üble Idee, allerdings kam das Ganze nicht mehr so richtig rüber... und war schneller vorbei als der ganze Aufbau gedauert hatte.
Mittlerweile hatte sich das Publikum, das noch mit Stehvermögen gesegnet war ohnehin auf ein Minimum reduziert. Schliesslich gings auch schon im Eiltempo aufs Morgengrauen zu. So gegen 5 Uhr machten auch wir uns dann in leichter Schräglage auf den Weg zu Thies' Bude. Dieser liess es sich auch trotz Spott und Hohn nicht nehmen, in seinem Delirium noch haufenweise Haselnüsse einzusammeln.... Tja, Sachen gibt's!

Samstag

Am näxten Morgen resp. Mittag war kurz Katerstimmung angesagt. Die wurde aber mit einem gediegenen Morgenessen locker weggeputzt und kurz darauf verliess uns Peschi auch schon und packte den Zug Richtung Bern. Biel machte einen bunteren Eindruck als sonst. Am Bahnhof schnorrten Punx und überall in den Strassen stolperten mehr oder weniger fitte, aber dafür farbige Gestalten umher... man hätte meinen können, die guten alten Zeiten von 80 kehren zurück (okay...die habe ich ja nicht so ganz miterlebt, aber wer hätte diese kleine Schummelei schon bemerkt?).
Am Nachmittag hiess es dann rumhängen, warten, gähnen und Däumchen drehen... naja nix Aufregendes halt. Bis Thies eine morsche Leiter fand und damit unsere D.I.Y.-Geister wachrief. Ein unter der scheren Last seiner Früchte leidender Zwetschgenbaum in Nachbars Garten hatte unsere Mitleid erregt und wurde nun sorgsam um ein paar Kilogramm erleichtert. Selbst die Nüsse, die Thies in der Nacht gesammelt hatte wurden jetzt sorgfältig geknackt, geröstet und gemahlen. Nach stundenlanger Arbeit stand dann ein wunderbarer Früchtekuchen auf dem Tisch und .... er schmeckte tiptop!
So gestärkt konnten wir uns in den Samstagabend stürzten. Als wir in der Coupole auftauchten waren Body Bag bereits am musizieren. Eigentlich machen die Jungs ganz guten HC, allerdings wollten mir die abrupten Wechsel zwischen heftigen Moshparts und Skaeinlagen mit Bläsersektion einfach immer noch nicht so richtig ins Ohr flutschen.
Auffallend viel Volk hatte es wieder. Zum harten Kern hatten sich massenweise Normalo-Samstagabendausgangs-Kids gesellt. Das sorgte zwar optisch (und aromatisch) für etwas Abwechslung, aber dafür musste halt auch hin und wieder ein Natel auf neue SMS abcheckt werden....

Nach Body Bag protzten Hellboozers erst einmal mit einem ultra-langen Soundcheck. Aber die Mucke, die sie danach vom Stapel liessen war einmal mehr messerscharf & mega-brutal und machte dem Hell im Bandnamen alle Ehre!

Auf dem Parkplatz gabs noch einmal eine Miniversion der Pyroshow und die Frauen-Acapella Gruppe Los Tres Calamares, die schon letztes Jahr mit zurechtgebogenen Liedern und skurrilen Texten für Stimmung sorgte, stand auch dieses Jahr wieder kurz auf der Bühne.
Doch während dann die nächste Band (ich glaub es war so ne franz. HC Band) eifrig am musizieren war, attackierte mich das Sandmännchen gar hinterhältig. Gähnend hielt ich also Ausschau nach einem ruhigen und gemütlichen Plätzchen. Thies war eh schon länger irgendwo mit einem Nickerchen beschäftigt. Da mittlerweile der Boden dermassen mit Bier, Siff und Dreck zugepappt war, dass punk bei längerer Bewegungslosigkeit drohte, kleben zu bleiben (für altgediente Bewegungsmuffel wie mich natürlich eine ernst zu nehmende Gefahr!), verkroch ich mich irgendwo auf der Galerie und liess mich kurz mit ein paar süssen Träumen berieseln...
Doch es dauerte nicht lange und ich war wieder hellwach.... die näxte Band, eine 3er Truppe aus Fronkreisch, war unbemerkt auf die Bühne geschlichen und liess es noch einmal heftig krachen...! Sie machten echt geilen und schnellen HC-Punk und liessen sich auch ob den mittlerweile alkohol- und zeitbedingt eher spärlich bestückten Zuschauerreihen nicht beirren.
Nach diesem geglückten Schlussgebrezel zogen wir zum Pennen von dannen.

Sonntag

Am näxten Tag wäre noch Kickerturnier angesagt gewesen und am Abend sollten noch einmal massig Bands spielen. Doch als langsam auf das Graue-Schläfen-Alter zusteuernde Pönx erlaubten wir uns, schon etwas früher davon zu schleichen und stiegen gegen Mittag in den Zug Richtung Heimat...

inkulant #2 / 2000