| Prag
danach...
Alle haben sie
gierig darauf gewartet und sie haben sie bekommen, ihre heiss-ersehnten
Bilder von Steinwürfen, Tränengas & Wasserwerfern.
Bilder von DemonstrantInnen die scheinbar unbegründet Gewalt
anwenden, die nix besseres zu tun haben, als den MinisterInnen,
die sich doch sooo selbstlos um das Wohlergehen der Armen und Ausgebeuteten
dieser Welt sorgen, das Leben schwer zu machen. Und als die quotenträchtigen
Bilder im Kasten und die Ausschreitungen pflichttreu als "primitiv,
sinnlos, dümmlich etc." verurteilt waren, konnten sie
nicht schnell genug zurück in ihre warmen Redaktionsstuben
sausen. Von der darauf einsetzenden Hetzjagd der Polizei gegen vermutliche
AktivistInnen, der systematischen Verletzung von Grundrechten, den
massiven Misshandlungen mit zum Teil folterähnlichen Methoden
wollten die feinen ReporterInnen lieber nix berichten....
Ihr habt es ja sicher alle mitbekommen: Auch am IWF/Weltbank-Treffen
in Prag waren wieder unzählige AktivistInnen präsent um
gegen die Machenschaften dieser beiden monetären Institute
zu demonstrieren. Während Tagen fanden farbige, vielfältige
und phantasievolle Gegenaktivitäten statt und am 26. September
(S 26), dem Globalen Aktionstag standen dann die erfolgreichen Grosskungebungen
mit 12'000-15'000 TeilnehmerInnen auf dem Programm. Obwohl es am
Rande, dieser Aktivitäten zu gewaltsamen Zusammenstössen
kam (die auf diese Gewaltexzesse fokussierten Massenmedien haben
ja ausführlich darüber berichtet), gab es vorerst nur
"wenige" Festnahmen.
In der darauf
folgenden Nacht begann die Polizei dann allerdings mit einer regelrechten
und völlig willkürlichen Verhaftungswelle. Während
mehreren Tagen veranstaltete sie eine Hetzjagd, der letztendlich
fast Tausend Personen zum Opfer fielen. Gewöhnlich vollauf
ohne konkrete Tatbestände wurden Personen durch die Strassen
gejagt und verhaftet, wenn sie nur irgendwie den Anschein machten,
zu den DemonstratInnen zu gehören. Dabei wurden sowohl AktivistInnen,
die auf dem Weg zum Essen waren, wie auch ganz normale TouristInnen
und sogar zwei Schulkinder festgenommen. Die überwiegende Anzahl
der Verhafteten hatte überhaupt nix Ungesetzliches gemacht,
viele von ihnen hatten noch nicht einmal an der Demo teilgenommen.
Normalerweise wurden keine Angabe über die Gründe der
Verhaftung gemacht. Insgesamt wurden bei diesen willkürlichen
Verhaftungen an die Tausend Personen festgenommen. Wie bei solchen
Massenverhaftugen üblich wurden Grundrechte praktisch systematisch
verletzt (...ist leider bei uns auch nicht besser). Gesetzmässige
Rechte auf Rechtsbeistand, Telefonat, medizinische Betreuung und
Nahrung wurden fast durchgängig ignoriert.
Schon während den Verhaftungen sind die Bullen alles andere
als zimperlich vorgegangen. Und als die Festgenommenen erst einmal
hinter den dicken Mauern von Gefängnissen und Polizeistationen
von der Öffentlichkeit abgeschirmt waren, schienen die Ordnungshüter
die letzten Hemmungen verloren zu haben.
Viele Berichte bezeugen, dass die Polizei umfassend sadistische
Spiele trieb. Gefangenen wurde der Toilettengang oder der Schlaf
verweigert, sie wurden die ganze Nacht ohne Jacken oder Decken im
Freien festgehalten oder falls sie einschliefen an Stangen festgebunden.
Andere mussten sich vollkommen entkleiden, wurden gezwungen auf
Händen und Knien zu kriechen, stundenlang mit gespreizten Beinen
gegen eine Wand zu stehen oder sollten zu Musik tanzen. Etliche
weibliche Gefangene wurden Opfer von sexuellen Übergriffen.
Im weiteren kam es zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen
und brutalen Polizeiübergriffen. Viele der Festgenommenen wurden
(zum Teil mit Eisenstangen!) geschlagen und getreten, einige wurden
wiederholt mit den Köpfen gegen Wände geschlagen. Es gibt
reihenweise Berichte von gebrochenen Armen, Fingern, Nasen und Rippen,
die anschliessend meist ignoriert und eine medizinische Behandlung
verweigert wurden.
Bei etlichen Misshandlungen spielten auch rassistische Motive eine
massgebliche Rolle (30% der PolizistInnen haben bei kürzlich
stattgefundenen tschechischen Wahlen für die Rechtsextremen
gestimmt). Menschen mit anderer Hautfarbe oder mit anderem Glauben
wurden speziell brutal behandelt. Ein schwarzer Gefangener wurde
an Händen und Füssen gefesselt und dann minutenlang mit
Schlagstöcken auf ihn eingeschlagen. Bei einem weiteren Vorfall
wurde ein jüdischer Mann über eine halbe Stunde lang traktiert.
Dabei erlitt er Knochenbrüche an sämtlichen Rippen einer
Körperseite.
Bei ihrer Jagd
liessen sich die Polizisten angeblich von Nazis unterstützen.
In einigen Fällen öffneten sie den Skinheads sogar die
Zellentüren woraufhin diese auf die Inhaftierten einprügeln
durften!
Beim Versuch
Unterstützungs- und Solidaritätsaktionen für die
Gefangen zu organisieren, antwortete die Polizei umgehend mit erneuter
Repression, mit weiteren Festnahmen. Als INPEG* die ersten Berichte
und Beweise über Polizeibrutalität veröffentlichte,
reagierten die Bullen mit einer Durchsuchung des INPEG-Pressebüros.
Auch wurden JournalistInnen beim Verlassen des Independent Media
Centers in Prag abgefangen.
Auswertungen
von Film und Fotoaufnahmen enthüllten, dass viele PolizeibeamtInnen
ihre Dienstnummern entfernt oder unlesbar gemacht hatten. Ebenfalls
lässt sich erkennen, dass als Demonstranten verkleidete Polizeiprovokateure
eingesetzt wurden. Die tschechische Zeitung Lidove Noviny berichtete:
"Beobachter filmten einen Mann, der ein Fenster zerschlug und
sich dann ungehindert durch den Polizeikordon entfernte" oder
"Reporter trafen Polizisten, die sich mit schwarzen Sweatshirts
und schwarzen Tüchern als Demonstranten verkleidet hatten.
Bei Tylovo Namesti beobachteten Reporter einen der maskierten Polizisten,
als er mit der Metallstange eines ausgerissenen Geländers auf
ein Schaufenster einschlug; später nahm er Aktivisten fest".
Als Reaktion auf diese Anschuldigungen forderte der tschechische
Innenminister, Personen die solche Beweise vorlegen, seien ebenfalls
zu verhaften!
Dass die ganze Aktion völlig willkürlich ablief und vor
allem Einschüchterung und Angst erzeugen sollte, geht auch
daraus hervor, dass letztendlich nur gerademal gegen 25 der 950
Verhafteten Anklage erhoben wurde.
In der Folge kam es in vielen Städten in aller Welt zu Solidaritätsaktionen.
Proteste vor den tschechischen Botschaften in Stockholm, Paris,
Venedig, London, Wien, Barcelona, Berlin und Frankfurt forderten
die sofortige Freilassung aller Gefangenen. In Bern besetzten AktivistInnen
der FAUCH und der Anti-WTO-Koordination das Botschaftsgebäude
und in Athen musste das Büro von Amnesty International daran
glauben.
Ein genaues
Bild von der Gesamtsituation und von der Richtigkeit einzelner Angaben
ist natürlich zur Zeit noch schwer zu machen. Juristische Teams
arbeiten noch an der Sammlung und Auswertung von Berichten sowie
der Einleitung von Beschwerdeverfahren. Leider kommt erschwerend
hinzu, dass einzelne AktivistInnen nach ihrer Freilassung derart
verängstigt waren, dass sie das Land so schnell wie möglich
verliessen ohne dass ihre Berichte aufgenommen werden konnten. Viele
verzichteten, aus welchen Gründen auch immer auf eine Anzeige.
Unbestreitbar
ist es aber in Prag zu massiven Misshandlungen und brutalen Übergriffen
von seiten der Polizei gekommen, die keinesfalls akzeptiert werden
dürfen und lückenlos aufgeklärt werden müssen.
Zumal sich die Tschechei der baldigen Aufnahme in die EU sicher
sein kann.
*die INPEG (Initiative
gegen wirtschaftliche Globalisierung) hatte die Aktionen gegen die
IWF/WB-Konferenz koordiniert/organisiert.
Die folgenden Informationen stammen von 88 Fragebögen, die
von Personen eingereicht wurden, die am Donnerstag und Freitag (sowie
am frühen Samstag Morgen) aus dem Gefängnis entlassen
wurden ...
82.5 % der
Informationen aus dieser Befragung stammen von Männern
96% der Befragten wurden im Gefängnis nicht über ihre
Rechte informiert
62% der Befragten wurden geschlagen, von den Geschlagenen wurden
69%
im Gefängnis geschlagen
77% der Befragten wurden mit Gewalt festgehalten
70% der Befragten wurden verhört
45% der Befragten mußten sich zur Durchsuchung entkleiden
96% der Befragten durften nicht telefonieren
51% der Befragten erhielten keinen Übersetzer
21% der Befragten wurde Wasser verweigert
43% der Befragten wurde Essen verweigert
von ihnen bezahlten einige die Wachen, um Essen zu erhalten
69% der Befragten wurde Schlaf verweigert
mehr Infos gibt's zum Beispiel unter:
http://praha.indymedia.org
inkulant
#2 / 2000
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