| G8
in Evian
1. - 3. Juni
2003
Ach herrjemine,
diese Männer!! Knackig bekleidet watschelten sie einst vor
ihren Höhlen auf und ab, schwangen unbeholfen ihre Keulen und
gaben rätselhafte Grunzlaute von sich. Ansonsten aber waren
sie ziemlich harmlos. Heute ist es anders. Mit modernster Technologie,
mit perfide organisierter Gewalt und mit beängstigender Effizienz
beherrschen, plündern und zerstören sie unseren Planeten.
Und ausgerechnet
acht besonders grausame Exemplare dieser skrupellosen Spezies wollten
sich vom 1. bis zum 3. Juni 2003 im grenznahen Evian zu einem internationalen
Stelldichein treffen. Diskutieren wollten sie. Diskutieren wie all
dem Elend in der Welt zu begegnen sei. So behaupteten sie es zumindest,
ebenso selbstsicher wie selbstgerecht; diese Bush's, Berlusconis
und Putins, diese analphabetischen Alphatierchen, postfaschistischen
Pinocchios & korrupten Kriegsherren. Und am liebsten hätten
sie für dieses heuchlerische Schauspiel auch noch den euphorischen
Applaus und die unterwürfige Verehrung des gemeinen Volkes
empfangen. Soweit aber sollte es nicht kommen.
Bereits weit
im Vorfeld des G8-Gipfels mobilisierte eine bunte Koalition aus
einem breitgefächerten politischen Spektrum, aus sämtlichen
Ecken unseres Erdballs gegen diese geplante Selbstinszenierung der
Macht. Vom zartbesaiteten Gutmenschen bis zur zornigen Anarchistin
wollten sie alle am Genfersee präsent sein, um den Herren der
Welt ein wuchtiges "Ya Basta!" entgegen zu schmettern.
Der bevorstehende Gipfelstrum sorgte bald auch im helvetischen Blätterwald
für ein unüberhörbares Rauschen, die Nervosität
der helvetischen Elite stieg schwungvoll himmelwärts. Die gute
alte Tradition der Schweiz - nix zu sagen zu haben aber als galante
Gastgeberin dennoch ein bisschen dabei zu sein - schien ernsthaft
gefährdet. Der Griff zur Repressionskeule lag also auf der
Hand. Flugs wurde das grösste Sicherheitsaufgebot der Nachkriegszeit
in die Genferseeregion plaziert: 30'000 PolizistInnen, verstärkt
durch 1000 döitsche KollegInnen, 5600 MilizsoldatInnen, 21
Wasserwerfer und 80 Hubschrauber. Man(n) weiss ja nie!
Doch die präzis
gelenkte Panikmachmaschinerie ratterte und knatterte laut, spie
giftig um sich und verfehlte ihre abschreckende Wirkung trotzdem.
Schon in der Woche vor dem eigentlichen Gipfel entfalteten sich
rege Protestaktivitäten: Widerstandsdörfer entstanden,
Demonstrationen lärmten, die Sonne lachte und der Strom von
AktivistInnen an den Genfersee wurde mit jedem Tag grösser.
Und irgendwie hat Helen und mich dann das Rebellionsvirus auch befallen.
Es lockte uns gar früher als geplant nach Genf. Nach dem bitterbösen
und -kalten Demodebakel am vergangenen WEF (keine Demo, dafür
stundenlanges Frieren im Polizeikessel) hatten wir nämlich
vorgesehen, erst pünktlich zum Höhepunkt der Gegenveranstaltungen,
der Grosskundgebung am Sonntag, in die Rhonestadt zu reisen. Doch
daraus wurde nix und wir packten kurzentschlossen am Freitag unsere
Campingutensilien sowie den Zug Richtung Westschweiz.
Der Empfang, der uns das sommerliche Genf bereitete, war warm, unerwartet
warm. In einem Sportstadion hatten fleissige ZivilschützerInnen
alles daran gesetzt, auch dem/der anspruchsvollen WiderstandstouristIn
ein behagliches Ambiente zu bieten.
Infostände
und Biertische, Telefonkabinen und Mobitois, Konzertbühnen
und Discokugeln, Sanitäter und sanitäre Anlagen, Grillstände
und Feuerlöscher... alles stand zur freien Verfügung!
Kurz bevor die laue Sommernacht das Camp "Bout de Monde"
endgültig in Dunkelheit hüllte, richteten wir uns noch
hurtig ein und unternahmen dann eine kleine Erkundungstour.
In unmittelbarer
Nachbarschaft entdeckten wir das "Zaage", eine selbstverwaltete
libertäre Zone, ein vor DIY-Charme strotzendes Pfadilager für
AnarchistInnen. Da hätten wir wahrscheinlich thematisch besser
hingepasst, aber unser Zeltchen stand zu diesem Zeitpunkt schon
fest verankert auf dem gedüngten Rasen des Sportstadions. Dahin
zogen wir uns nach ein paar ausgedehnten Takten Bier und einigen
Schluck Musik auch wieder zurück.
Am Samstag unternahmen
wir erst einmal einen Ausflug ins Zentrum von Genf. Während
JuwelierInnen noch herzergreifend ihre protestbedingten Umsatzeinbussen
im Geschäft mit Blutdiamanten in die zahlreich vorhandenen
Kameras heulten, bewunderten wir den blühenden Aufschwung des
Kleingewerbes.
Zahlreiche HandwerkerInnen
waren emsig damit beschäftigt, auch noch die letzten Schaufensterscheiben
mit Schalungstafeln zu verkleiden. Ganze Strassenzüge waren
bereits in hölzerne Schluchten verwandelt worden, ganze Strassenzüge
waren von flinken SprayerInnen aber auch in willkommene Werbetafeln
für Globalisierungskritik verwandelt worden: "Je casse,
tu casses, elle casse, nous cassons, vous cassez, ils tuent"
stand da etwa zu lesen. Oder "Macht eine gerechtere Welt denn
soviel Angst?"
Das Protestprogramm
war unglaublich üppig, die Veranstaltungen unüberschaubar
zahlreich. Den Tag über wurde in der ganzen Stadt diskutiert
und politisiert, Filme gezeigt und Vorträge gehalten, gewerkschaftet
und geworkshopt. Gegen Abend dann gelacht, gerockt, getrunken und
getanzt. Genf wurde zur urbanen Spielwiese für PolitaktivistInnen,
zum politischen Festgelände für Widerstandstrunkene und
das Wort "Eintritt" hatte sowieso längst jegliche
Bedeutung verloren...
Als wir an diesem
Samstag spät nachts vom Kulturzentrum Usine zeltwärts
spazierten, bekamen wir dann endlich auch das Schreckensgespenst,
das seit Tagen durch sämtliche Medien geisterte, zu Gesicht.
Ein vermummter Mob tauchte plötzlich aus dem Nichts auf, eifrig
beschäftigt, mit Hammer und begrenzter Sicht seine Vorstellung
von Kommunismus zu verbreiten. Einmal mehr machte sein revolutionärer
Zorn weder vor Logik noch vor dem Service Public halt. Bourgeoise
Bushaltestellen und kapitalistische Kandelaber wurden fachmännisch
in Einzelteile zerlegt! Wir hielten kurz inne, gähnten einmal
herzhaft und verkrochen uns dann in unsere Schlafsäcke.
Als wir am Sonntagmorgen aufwachten, hatten viele das Camp bereits
verlassen. Im Morgengrauen sollte versucht werden, durch gewaltfreie
Blockaden rund um den Genfersee G8-TeilnehmerInnen an ihrer Fahrt
vom Hotel nach Evian zu hindern.
Als wir feststellten,
dass Genf völlig stillstand, waren wir plötzlich in Eile.
Der öffentliche Verkehr wurde völlig eingestellt, sämtliche
Läden geschlossen und PassantInnen waren kaum auszumachen.
Ja, selbst der Gratis-Shuttlebus, der bis anhin zuverlässig
DemonstrantInnen durch Genf kutschiert hatte, verweigerte seinen
Dienst! Statt eines stärkenden Frühstücks stand also
eine 1-stündige Wanderung zurück ins Stadtzentrum auf
dem Programm. Die Zeit drängte, das Gepäck drückte...
denn die Monsterkundgebung war bereits auf 10:00 Uhr terminiert!
Beinahe pünktlich
setzte sich ein gewaltiger Tatzelwurm aus Menschenfleisch in Bewegung,
ergoss sich lärmend, tanzend und lachend über Genfs Strassen,
um langsam aber unaufhaltsam in Richtung Grenze zu kriechen. Dort
sollte er sich mit einem Artgenossen, der zeitgleich im französischen
Annemasse startete, vereinen, um sich als unübersehbares, buntes
Zeichen gegen die graue Profitwelt des Homo Evians zu entfalten.
Die Sonne brannte,
die Strassen glühten und 100'000 Menschen waren sich schwitzend
einig, dass eine andere Welt definitiv möglich ist. Es war
ein Fest, ein Fest das Stunden dauerte, ein Fest das eine ansteckende
Euphorie und eine klare politische Botschaft verbreitete!
Nach diesem
beflügelnden Erfolg machten wir uns zufrieden auf den Rückweg.
In den drei Tagen in Genf wurde unser Blick kaum einmal von diesen
unansehlichen, blau kostümierten Männlein und Weiblein
getrübt. Als wir nun aber die Genfer Innenstadt erreichten,
waren sie auf einmal zahlreich vertreten. Bei reparaturbedürftigen
Tankstellen heulten Sirenen, zwischen entglasten Schaufenstern formierten
sich bewaffnete Staatsdiener, über knirschende Glassplitter
rollten Wasserwerfer... die Zeit für einen flinken Rückzug
nach Bern war reif!
Zuhause erfuhren
wir dann auch, dass der Staat durchaus mit massiver Gewalt gegen
die Proteste vorging. Bereits im Vorfeld des Gipfels wurden Personen
an der Einreise in die Schweiz gehindert. Es ereigneten sich mysteriöse
Einbrüche in kulturelle Zentren, bei denen Infrastruktur wie
Harddisks oder Faxgeräte abhanden kamen. Allein am "Blockadesonntag"
wurden fast 400 Personen verhaftet und rund 40 durch die Polizei
verletzt. Durch explodierende Schockgranaten verloren Personen ihr
Gehör oder erlitten zum Teil schwere Verletzungen oder Verbrennungen.
Bei Verhaftungen verweigerten PolizistInnen wieder einmal Rechte
und machten Gebrauch von ihren Fäusten. Sie stürmten als
Chaoten verkleidet (!) die Usine und erachteten Misshandlungen,
Gewalt, sexuelle und rassistische Übergriffe, wie schon so
oft, als legitime Mittel polizeilicher Arbeit.
Ein besonders
gravierender Vorfall ereignete sich bei einer pazifistischen Aktion
in Aubonne: Mittels eines über die Autobahnbrücke gespannten
Seils, an dessen Ende je eine Person hing, wurde die Fahrbahn blockiert.
Ein Polizist schnitt das Seil kurzerhand entzwei, der britische
Aktivist Martin Shaw fiel 20 Meter in die Tiefe. Er überlebte
nur dank unglaublichem Glück und muss sich zusammen mit zwei
weiteren AktivistInnen voraussichtlich im März 2004 wegen "gefährlichen
Eingriffs in den Strassenverkehr" vor Gericht verantworten.
Gegen den Polizisten wurde bisher nicht einmal ein Verfahren eröffnet...
Ach ja, sie werden wieder kommen, die gefährlich degenerierten
Nachkommen der einst so niedlichen und schrulligen Höhlenbewohner!
Nach Davos zum Beispiel...
inkulant
#3 / frühling 2004
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