Konzertbericht

SIX RICH DEAD, CWILL und GFK


Kuzeb, 21. Februar 2003

Kaum zu glauben, aber bisher war es mir tatsächlich noch nie vergönnt gewesen, die legendäre helvetische HC-Combo CWILL live zu erleben. In Anbetracht dessen, dass sich weder der betagte Rolli noch CWILL zu den jüngsten Semestern unserer Subkultur zählen dürfen, eine eher erstaunliche Tatsache. Doch endlich war die Zeit gekommen, diesen Schönheitsfehler in meiner Biographie zu tilgen. Im KuZeB sollten CWILL an diesem Freitagabend auf und ich zeitgleich vor der Bühne stehen...
So düsten Helen und ich also mit Papis flottem Flitzer und Lepra* auf dem Rücksitz Richtung Bremgarten los. Zur seriösen Vorbereitung des Abends gönnten wir uns auf den ersten Kilometern ein paar Takte aus der neuen CWILL-Scheibe. Danach verwöhnte die zur Bord-DJane erkorene Helen unsere Gehörgänge weiter mit TRAGEDY, POUNDAFLESH, SCATHA, DAGDA und LTS und schon bald einmal lachten uns die Autobahnausfahrt und die paar letzten Kilometer Landstrasse entgegen. Doch kurz vor Bremgarten stiessen wir bei einer Abzweigung auf eine Umleitung, die uns zu ein paar Extrakilometern verdammte. Und dabei sind wir dann wohl irgendwie von der optimalen Routenwahl abgekommen; will heissen, wir haben uns jämmerlichst verfahren! Trotz meines eigentlich einigermassen intakten räumlichen Vorstellungsvermögens, den gesammelten Jahren Pfadfindererfahrung von Lepra und Manta (... yep, das war mein Vulgo**!) und der weiblichen Intuition von Helen hatten wir auf einmal nicht mehr die geringste Ahnung wo wir waren! Da wir, um dem Ruf der Berner gerecht zu werden sowieso recht spät gestartet waren, packte uns langsam die Angst, das Konzert zu verpassen, verdammt!! Nach einer halben Stunde Irrfahrt und intensivem Kartenstudium fanden wir dann wenigstens zurück zur dieser ominösen Abzweigung und von dort aus doch noch einen Weg ins KuzeB.

SIX RICH DEAD aus Genf malträtierten schon heftig ihre Instrumente und die Trommelfelle der Anwesenden als wir in den Konzertkeller hinunterstiegen. Lepra liess sich davon nicht beirren und nahm sofort seinen Stammplatz (ja, genau... vorne rechts!) ein. Helen und mir gefiel der Sound und das Guns 'n' Roses T-Shirt des Gitarristen weniger und drum liessen wir uns von Dieter erst mal die Wandmalereien vorführen. Zwei mit verschwenderisch viel gestalterischem Talent gesegnete Crusties aus der Schrottbar hatten für die 10-Jahre KuZeB-Platte Covers gezeichnet, die dann an die Wände projiziert und nachgemalt wurden... Wow!

Nach diesem beeindruckenden kulturellen Happening, einem bisserl Plaudern und dem einzigen Bierchen an diesem Abend (tja, die Leiden des Chauffeurs!) war's denn endlich soweit: CWILL legten los... Wow zum Zweiten! Wie erwartet und von ihren Platten gewohnt war das Konzert der Hammer! Die Jungs und das Mädel lieferten HC-Kracher am laufenden Band. Bei einigen Stücken kam auch eine Violine zum Einsatz, was dem ohnehin genialen Sound noch 'ne zusätzliche schaurig-schöne Note verleiht... Über den Einsatz von Geigen in HC-Bänds lässt sich natürlich streiten (gelle, Lepra?!), aber mir gefällt das einfach verdammt gut!
Nach CWILL war dann abwarten und Mineralwasser trinken angesagt. Zumindest für mich und Helen, die sich netterweise mit meiner Zwangsabstinez solidarisierte. Von Lepra - der sich wie gewohnt weniger zierte, von alkoholischen Getränken zu kosten - waren nur noch ein gelegentliches Vorbeischwanken und haufenweise Eddingspuren an den Wänden zu sehen.


Nach nicht allzu langer Zeit lärmten schliesslich noch GFK aus Quebec. Musikalisch fand ich die straight edge-Truppe eigentlich gar nicht mal allzu schlecht. Doch mein Interesse galt schon nach den ersten Takten nur noch ihren unglaublichen sportlichen Aktivitäten, die sie da auf der Bühne entfalteten: Die Kanadier zappelten und hüpften rum als wären sie versehentlich auf eine glühende Herdplatte gestellt worden (hat das KuZeB ne Bodenheizng?!)! Dabei trug der Sänger doch ein "drug free" T-Shirt... naja, die haben wohl einen Schluck zuviel Ovomaltine abbekommen! Die physikalischen Höchstleistungen der Kanadier liessen auch good old Lepra nicht kalt und so bewies er der anwesenden Jugend, dass er trotz (oder eher wegen?!) solidem Alkpegel noch gut im Schuss war. Plötzlich stand er vor der Bühne, grinste wie wild und vollführte völlig enthusiastisch eine "Windmühle". Helen und ich haben uns halb tot gelacht!! Vor allem weil noch ein paar völlig verwirrte SxE mit offenem Mund daneben standen und nicht wussten, ob der das ernst meinte!


Kurz nach dem Konzert war's dann höchste Zeit mal wieder Richtung Bern zu düsen. Unser Kampftrinker war nämlich schon dabei, ein paar Gäste lautstark davon zu überzeugen, dass er ein ganz böser Nazi sei! Also gings raus, und zwar durch eine ziemlich kleine Tür... was unserem Bandleader ziemlich missfiel und ihm wieder einmal Anlass zu einer komödiantischen Einlage gab: "Warum muss ich mich bücken, verdammt?! Ich bin doch von Brachland!".

Auf der Rückfahrt wollte ich mir dann eigentlich ein paar Takte "ANIMAL BONDAGE", erlauben, musste aber bald einmal leiser stellen, um der äusserst spannenden Diskussion zu lauschen, die die anderen beiden führten. Und zwar wurde ausufernd erörtert, welches Weltveränderungspotenzial darin liegt, nachts bei Minusgraden auf der menschenleeren Autobahn den Stinkefinger aus dem Fenster zu halten. Wer sowas praktizert hat, verrate ich euch natürlich nicht...


*allseits bekannter Bandleader von Brachland

** bedeutet "Pfadiname"

inkulant #3 / frühjahr 2004