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Antifaschistischer Abendspaziergang
Samstag 22.
Januar 2000, Bern
Parallel zu
den Wahlerfolgen der rechstpopulistischen SVP hatte auch die rechtsextreme
Szene rund um Bern in den letzten Monaten einen regelrechten Aufschwung
erlebt. Skinheads organisierten und vernetzten sich, waren plötzlich
in diversen Lokalen in der Innenstadt anzutreffen und attackierten
zunehmend häufiger AusländerInnen, HausbesetzerInnen,
Punx und Andersdenkende. In Biel wurde gar auf ausländische
Lebensmittelgeschäfte, in Bern auf besetzte Häuser geschossen.
Höchste Zeit also, dieser bedenklichen Entwicklung Widerstand
entgegenzusetzen.
So war denn
eigentlich alles klar: Das Bündnis "Alle gegen Rechts"
hatte zum ersten "Antifaschistischen Abendspaziergang in Bern"
aufgerufen und die Lokalpresse in einer die-Bundeshauptstadt-wird-im-Blut-versinken-Kampagne
Panik verbreitet. So wusste also jeder frustrierte Buchhalter, wo
er sein langweiliges Leben mit ein paar wohldosierten Krawallen
und Gewaltexzessen aufwerten konnte und auch ich hatte meinen Terminkalender
nach dem bevorstehenden Ereignis gerichtet.
Kurz vor 20 Uhr kurvte ich mit meinen sieben Sachen bepackt der
Innenstadt entgegen. Doch als ich gerade fröhlich "a las
barricadas" vor mich hinträllernd über den Bundesplatz
holperte, entdeckte ich Compañero Simon umringt von einem
guten Dutzend militant gekleideter Gesetzeshüter. So kam ich
wohl oder übel nicht darum herum, kurz nach dem Rechten zu
sehen. Allerdings waren die lieben Freunde und Helfer da etwas anderer
Meinung und zogen es vor, selbst nach dem Rechten zu sehen... zuerst
im Rucksack, dann in den Hosentaschen usw. Das gesicherte Material
wurde fein säuberlich in Plastiksäcke verpackt, wir beide
mit Handschellen gefesselt und dann in den Luftschutzkeller der
Kaserne verfrachtet... all das ohne Grundsatzdiskussion und Plenumsentscheid.
Kurz nach uns wurden dann weitere extrem staatsgefährdende
Subjekte angeliefert: Zuerst zwei Rechtsstudentinnen, die von der
Demo gar nix wussten und sich über die Blüten ihres Studienobjekts
doch mittelmässig brüskiert zeigten. Dann eine Handvoll
Popperkiddies mit mehr Pommade im Haar als Verstand im Kopf. Auch
sie wollten offensichtlich nicht auf die Demo.
Etwa ab 21 Uhr
schien dann auch der letzte Bulle das Einsatzkonzept gerafft zu
haben und es wurden vornehmlich aggressiv bis dumm aus der Bomberjacke
lugende Glatzen eingefahren. Mit ihnen auch diverse Waffen wie mit
Hakenkreuz bestückte Baseballschläger, Messer, Schlagringe...
Dann endlich führten mich zwei Gesetzeshüter in ihre Amtsstube
und bewiesen mir mit ernsthafter Mine all ihr in der Polizeischule
erlerntes Können: Personalienaufnahme, Fotografieren, Protokolle
ausfüllen. Und als der eine begleitet von einem brummigen "Ausziehen,
aber ganz!" zu den Latexhandschuhen griff war für mich
der lustige Teil des Abends endgültig vorbei. Da stand ich
also im Adamskotüm vor zwei Bullen in Kampfmontur und fühlte
mich einfach nur noch beschissen, ohnmächtig, erniedrigt...
Danach wurde ich in eine Zelle gesperrt und hatte zum ersten Mal
den Hauch einer Ahnung, was es heissen könnte, Gefangen/r zu
sein. Ein kleiner fensterloser Raum, eine stinkende Plastikmatratze
und ein Pissoir, daneben nichts als mit grauen Kacheln beklebte
Leere.
Zum Glück
wurde etwas später Simon zu mir in den Kerker geworfen und
das Ganze wurde erträglicher bis zuweilen sogar ziemlich amüsant.
Geduldig ertrugen wir unser Schicksal während von Zeit zu Zeit
ein treuer Staatsdiener einen professionell-prüfenden Blick
durch den Schieber in der schweren Eisentür warf. Ansonsten
passierte erwartungsgemäss nicht viel Aufregendes. Nach ein
paar Stunden wurde die Matratze doch etwas unbequem, die Zelle bedrückend
eng und wir hatten das Gefühl genug gebüsst zu haben (für
was eigentlich war nach wie vor unklar. Die Beamten weigerten sich
beharrlich uns darüber aufzuklären, obwohl dies doch auch
Teil ihres Gesetzes wäre, das sie sonst mit so beängstigender
Verbissenheit verteidigen).
Irgendwann nach ein Uhr war es endlich soweit und der Kerkermeister
öffnete uns das Tor zur Freiheit. Allerdings wurden ein paar
der lieben Uniformierten so kurz vor Feierabend übermütig
und liessen ihre anfängliche Unparteilichkeit endgültig
fallen. Sie scherzten mit den verdammt zahlreichen Glatzen herum,
während sie uns als "eindeutig der unliebsameren Seite
zugehörend" beschimpften. Als kleines Dankeschön
stellten sie uns dann praktisch zeitgleich mit den Faschos vor die
Kaserne, so dass wir gezwungen waren zu später Stunde noch
einmal unsere sportlichen Qualitäten unter Beweis zu stellen
und die Stadt fluchtartig zu verlassen.
Und nun war eigentlich nix mehr so klar: noch vor Beginn der bewilligten
(!) Demo wurden wir vorsorglich in Schutzhaft genommen und jetzt
war die Stadt einzig noch von in Autos herumkurvenden Faschos bevölkert.
Was dazwischen war, wie die Demo verlaufen ist, wie viele Leute
anwesend waren, ob es zu Zusammenstössen kam; von all dem hatte
ich beim zu Bett gehen keinen blassen Schimmer. Na ja... geschlafen
habe ich dann auch dementsprechend.
Erst im Nachhinein
habe ich erfahren, dass die Demo doch ein ziemlicher Erfolg war.
Laut Polizei 800, laut VeranstalterInnen 1500 Personen haben ihren
Samstagabend geopfert um an der Demonstration teilzunehmen. Durch
einen entschlossenen, kraftvollen aber durchwegs friedlichen Auftritt
ist es gelungen, ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und rechte
Gewalt zu setzten, so dass für einmal auch die Presseberichte
einigermassen akzeptabel ausfielen. Trotz meiner gegenteiligen Erfahrung
war scheinbar auch der Polizeieinsatz nicht allzu übel, da
es gelungen ist, einen organisierten Naziangriff auf die Demo zu
verhindern. Obwohl es natürlich nicht ganz der Wahrheit entspricht,
dass nur "rechtsextreme Störer" -wie behauptet- eingeknastet
wurden. Bedenklich auch, dass ganze 250 (wie auch immer diese Zahl
zu werten ist) Glatzen nach Bern gereist sind um den Demonstrationszug
anzugreifen.
Ein trauriges
Nachspiel hatte das Ganze in der Westschweiz. Wohl als Racheakt
für die vereitelte Attacke haben noch in derselben Nacht etwa
40 Skinheads den Espace Autogéré in Lausanne angegriffen.
Ausser ein paar Fensterscheiben kam aber zum Glück niemand
zu schaden.
inkulant
#2 / 2000
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