| Demo
gegen Rechtsextremismus & die 18%-Initiative
Samstag 16.
September Luzern
Unter dem Motto
"Gemeinsam gegen Rassismus und die 18%-Initiative" sollte
an diesem Samstagnachmittag ein Protestmarsch von Emmen nach Luzern
stattfinden. Der Ausgangspunkt der Demo war nicht rein zufällig
festgelegt worden: Emmen war im letzten Frühling in die Schlagzeilen
geraten, weil das Volk dort in rassistischer Weise Einbürgerungsgesuche
von AntragsstellerInnen aus Ex-Jugoslawien pauschal ablehnte.
Na denn los....
Bewaffnet mit der obligaten schwarz-roten Fahne und dem üblichen
Kleinkram ging ich also an diesem trüben, regnerischen Samstagmorgen
(naja, eigentlich war ja bereits Mittag) noch massig verpennt zum
Bahnhof Bern und löste artig mein Billet. Keine Minute später
erfuhr ich von einem vorbeiziehenden Punk, dass die BernerInnen
eigentlich extra ein paar Busse organisiert hätten. "Born
to lose" hallte es da in meinen langsam aktiv werdenden Gehirnwindungen:
Das war ja wieder typisch, dass ich nix von dem Ganzen wusste! Aber
unbestreitbar eine Tiptop-Idee war's schon, da die Glatzen nach
solchen Demos liebend gerne vereinzelt Heimreisende im Bahnhof abfangen
und "bearbeiten". Nun, da aber nicht ganz klar war, ob
noch Plätze in den Bussen frei waren und ich mein Ticket eh
bereits gekauft hatte reisten ich und Thies, der kurz darauf auch
im Bahnhof auftauchte, dann doch wie vorgesehen mit dem Zug nach
Emmenbrücke. Dank der abartigen Fahrplangestaltung erreichten
wir unseren Zielort fast eine Stunde zu früh. Also war erst
einmal Warten an dem immer begehrteren regengeschützten Plätzchen
angesagt. Der Schauer wurde immer schauriger und ich konnte ein
paar verträumte Gedanken an mein wohlig warmes Bett nicht unterdrücken...
Nach und nach traf immer mehr Volk ein und emsig wurden Flyer &
Infomaterial verteilt. Kurz vor 15:00 war es endlich soweit. Der
Regen setzte aus und der Demonstrationszug sich in Bewegung.
Schon nach den ersten paar hundert Metern kam zum ersten mal Unruhe
auf. Ein paar Vermummte stürzten plötzlich wie wild aus
dem Demozug. Was genau abging war eher unklar, aber ich glaube,
ein Skinhead hatte sich etwas mangelhaft getarnt am Wegrand versteckt
und musste jetzt seine Sprinterqualitäten unter Beweis stellen.
Danach gings Richtung Luzern weiter... und zwar auf einem kaum drei
Meter breiten Veloweg, eingepfercht zwischen Bahntrasse, Fluss und
Autobahn! Verständlicherweise stiess diese Routenwahl vielen
ziemlich sauer auf. Einen von der Zivilisation isolierteren Weg
nach Luzern hätte sich wohl kaum finden lassen (Hey, näxtes
mal marschieren wir doch gleich durch den Lötschbergtunnel,
so könnte noch effizienter verhindert werden, dass das die
Demo wahrgenommen wird!!!). Entsprechend ruhig, stellenweise schon
fast gespenstisch Still wälzte sich der Zug durch diese verlassene
Gegend und einzig ein paar selbstgemachte Unterhaltungsversuche
sorgten für etwas Stimmung: So wurde einem der brav mitmarschierenden
Polizisten die verlauste Mütze geklaut. Aufgrund seiner durchaus
realistischen Einschätzung der Kräfteverhältnisse
zog er es vor, diesen frechen Diebstahl nur mit einem leicht unbeholfenen
Lächeln zu quittieren... ein wahrlich weiser Mann, hehe!
Dann endlich erreichten wir den Eingang der Stadt Luzern wo auch
akustische Verstärkung in Form einer Gruppe von TrommlerInnen
zur Demo stiess. Bevor es aber weiterging, wurden die ersten Redebeiträge
gehalten. Die Redner betonten, dass die vergleichsweise "hohe"
AusländerInnenzahl in der Schweiz nur eine Folge der äusserst
restriktiven Einbürgerungspolitik ist (die Schweiz hat die
niedrigste Einbürgerungsquote Europas). Wichtig sind also eine
bessere Integration, erleichterte Einbürgerung, rechtliche
Möglichkeiten wie z.B. AusländerInnenstimmrecht und natürlich
die Ablehnung der fremdenfeindlichen 18%-Prozentinitiative am nächsten
Wochende!*
Von da an durften
wir (oh Wunder!) auf der Hauptstrasse weiterziehen und so machte
die Demo endlich auch einen würdigen Eindruck. Die Sonne zeigte
sich und ein farbiger, lautstarker und bunt gemischter Demozug zog
durch die Strassen. Für mich war das der beste Teil der Demo.
Erst jetzt zeigte sich, wie zahlreich und vor allem vielfältig
die mitmarschierenden Menschen waren. Laut Bullen waren es 2'500,
laut OrganisatorInnen bis zu 5'000 Personen (das altbekannte Spielchen
eben....). Irgendwann machte auf der gegenüberliegenden Flusseite
ein Skinhead auf sich und seine nicht vorhandene Intelligenz aufmerksam:
Im Schutze der Polizeiabsperrungen provozierte er mit Gesten à
la "Kommt nur rüber ihr feigen Schwoine, grunz., sabber,
blablabla... " (ok... hab ich jetzt ziemlich frei interpretiert).
In seinem schauspielerischen Rausch bemerkte er leider nicht, dass
ein paar dieser "gewaltbereiten vermummten Autonomen"
längst durch die Polizeiabsperrungen gedrungen waren... und
schon verpassten sie dem nicht-behaarten Hitzkopf mit ein paar gezielten
Schlägen die nötige Abkühlung. Tja... dumm gelaufen,
Junge was?
Nun, damit war der Faschospuk leider noch nicht vorbei. Keine Hundert
Meter weiter hatten sich in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit
der Polizei eine Handvoll Boneheads auf einer Holzbrücke eingenistet.
Während die Bullen die Brücke gegenüber der Demonstration
absperrten, konnten die Faschos geschützt und ungestört
mit Hitlergruss und Schweizerfahne die vorbeiziehenden Menge provozieren
und Steine in die Masse werfen. Das ganze Schauspiel sorgte natürlich
für gehörig Wut, Aufregung und lautstarke Parolen. Das
arg strapazierte "Schweizer Polizisten, schützen die Faschisten!"
war hier nun einmal wirklich nicht deplaziert. Da die Bullen nicht
bereit waren, ihren Polizeischutz für die Skinheads aufzugeben,
wurde die Absperrung nach einigen Diskussionen kurzerhand eingedrückt
und die Skinheads anschliessend attackiert. Bei dem Gerangel ist
dann wohl auch der später in jedem Bericht erwähnte Polizist
leicht verletzt worden. Keine Erwähnung in der Presse fand
aber der Punk, der durch einen Steinwurf am Kopf verletzt wurde
und ob die Skinheads danach noch alle in bester körperlicher
Verfassung waren, wage ich mal zu bezweifeln.
Nach diesem
Intermezzo zog die Demonstration ohne weitere Zwischenfälle
durch die Luzerner Altstadt zu einem Platz in der Nähe des
Bahnhofs, wo die Abschlusskundgebung stattfand. Noch einmal wurden
Redebeiträge gehalten und irgendwann nach 17:00 Uhr löste
sich die Demo auf.
Nach etwas verwirrenden Diskussionen (tja....immer diese führerlosen
AnarchistInnen!) zog die punkige Fraktion der Demo anschliessend
im sicheren Konvoi zum Kauffmannweg (Squat), wo dann erstmal abhängen,
ausruhen, diskutieren, rumprotzen usw. auf dem Programm stand. Ein
paar Schnellentschlossene sicherten sich in der Vokü noch die
letzen Reste Essbares, die anderen pilgerten in den nahegelegenen
Pizza-Blitz oder ernährten sich flüssig. Irgendwann nach
19:00 Uhr verdünnte sich der Pöbel langsam, so dass auch
wir den näxtbesten Zug nach Bern zurück packten.
Blieb also noch
der Blick in die Medien. Dieser war aber einmal mehr ernüchternd.
Ausser dem üblichen "es-demonstrierten-so-und-so-viel-Personen-gegen-das-und-das-dabei-wurde-ein-Polizist-verletzt"
war fast nix zu erfahren. Scheisse! In den letzten 6 Wochen wurde
wohl kaum einem Thema mehr Gewicht beigemessen als dem Rechtsextremismus,
die Zeitungen überboten sich gegenseitig in der Berichterstattung
über dieses Thema und reihenweise durften sich PolitikerInnen
(die sich bis dahin kaum zu dem Thema äusserten!) mit Forderungen
nach konkreten Taten, deutlichen Zeichen und vermehrter Zivilcourage
ins Rampenlicht stellen. Dass jetzt ausgerechnet eine gelungene
Demonstration gegen Rassismus & Rechtsextremismus keiner Zeitung
oder Fernsehstation mehr als die mehr oder weniger geschickt umformulierte
Polizeimeldung wert war, nervte mich gehörig... fuck!
* die Initiative wurde zum Glück mit 64% abgelehnt.
inkulant
#2 / 2000
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