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Tienschan Expedition 2000 Im August 2000 haben wir, die Bayerländer Annette Longo und Tilo Dittrich gemeinsam mit Christian Walter, Anne Riedel, Dirk Scholze, Marion Halbfaß, Michael Grohmann und Sven Zschoche (SBB) eine vom DAV-Hauptverein unterstützte Erkundungsexpedition in den 2500 km langen Gebirgszug des Tienschan unternommen. Uns interessierten nicht die höchsten und damit bekannten Gipfeln wie Pik Pobeda 7439 m und Chan Tengri 6995 m, sondern ein wegen der Grenze zwischen Kirgistan und China lange Zeit gesperrtes Gebiet, der Kayup-Kap Gletscher mit dem dominanten Pik Kirow. Mit der Besteigung des Pik Panorama 5039 m, des Kayup Kap Wächters 4803 m, des Pik der Roten Armee 5736 m und der Piramiden Spitze 5233 m konnten wir einiges Neuland erschliessen.
Pik der Roten Armee (Krasnaja Armija) 5736
m in Bildmitte, Die scheinbar endlosen
Seillängen und das anschliessend
wetterbedingte mehrtägige Ausharren am Gipfelgrat zur Piramiden Spitze 5233 m
(UTM 44T 0405371 Ost, 4657149 Nord) war besonders erlebnisreich. Tilo berichtet: 7.8.00.
In dem spaltenreichen Zustieg
ist die weiche Schneedecke heimtückisch. Dirk und Annette, die meiner Spur
folgen, beschweren sich, daß sie ab und zu bis zur Hüfte im Schnee versinken.
Ich kann da kaum Mitgefühl aufbringen, denn beim Spuren breche ich als erster
sowieso immer tief ein und zum anderen beschäftigt mich mehr, eine sichere und
interessante Aufstiegslinie und einen möglichst einfachen Abstieg zu finden. So
spiele ich gedanklich einige Varianten durch. Unser Ziel ist die 680 m hohe
Südwand. Die Wand endet an einem Grat der nach Osten zum Fuß des pyramidenförmigen
Gipfelaufbaues führt. Wie die meisten interessant aussehenden Berge haben sie
meist keinen einfachen Abstieg. Denkbar ist der Abstieg über den gesamten
Westgrat, nur endet dieser mit einem Gletscherabbruch oder einer Steilpassage. Für den Aufstieg schlage ich
Annette und Dirk eine direkte Linie zwischen dem séracbedrohten linken Wandteil
und der rechten Felsbegrenzung vor. Der Anstieg sieht steil d.h. interessant aus
und scheint objektiv sicher zu sein. Dies überzeugt auch Annette und Dirk,
klettern wir doch alle lieber im Steileis als das wir im Tiefschnee spuren. Am Wandfuß (ca. 4500 m)
machen wir noch eine Rast, tauschen die Skistöcke gegen die Eisgeräte und
packen das Seil in den Rucksack. Seilfrei kommen wir im unteren Wandteil gut
voran. Die Schneeauflage wird geringer. Gelegentlich weichen wir in den Fels
aus. Die Eisverhaltnisse werden immer besser und die Steilheit nimmt zu. Das
Blankeis veranlaßt uns, wieder das Seil auszupacken und von da an klettern wir
gesichert. Ich schnaufe voraus, setze ein bis zwei Zwischensicherungen und mache
nach 45m Stand. Dirk und Annette steigen gemeinsam nach. Dirk steigt unter erschwerten
Bedingungen. Aus seinem Rucksack stinkt es fürchterlich nach Gas. Wir konnten
keine neuen Gaskartuschen bekommen sondern nur alte, bereits entleerte
Kartuschen. Diese haben wir mit unserer Basecamp-Gasflasche wiederbefüllt. Nur
leider waren die Kartuschen nicht ganz dicht. Man könnte meinen, dies wäre
zumindest für Raucher gefährlich. Doch weit gefehlt. Die russische Gasmischung
brennt, wie wir später leidvoll
erkennen müssen, unheimlich schwer
an.. Die Wand will kein Ende
nehmen. Die Steilheit wirkt aufgrund des teilweise spröden Eises,
der schweren Rucksäcke
und der doch spürbaren Höhe noch eindrucksvoller. Das Wandende erscheint nicht
mehr weit. Vielleicht noch 2 bis 3 Seillängen. Kaum sind diese geklettert,
kommen wir wieder zu derselben Meinung. Dies wiederholt sich mehrmals. So vergehen die Stunden bis
wir den Ausstieg am Grat erreichen. Zufrieden sitzen wir wieder im Tiefschnee
und blicken ins Tal. Die Hauptschwierigkeiten haben wir hinter uns. Dirk, der im
sächsischen Fels IX klettert, sagt, daß er heute nicht hätte vorsteigen
wollen. Dieses Kompliment erfreut mich, zumal ich mich auch in den steilsten
Passagen immer wohl gefühlt habe. Knapp unterhalb des Grates
schaffen wir uns mit dem Kochgeschirr und Eisgeräten ein ebenes Plätzchen für
unser Zelt (5180 m). Zum Abendbrot gibt es Kartoffelpüree und eine "Heisse
Tasse". 09.08.00
In der Nacht schlägt das Wetter um. Ein Sturm kommt auf und es
beginnt leicht zu schneien. Wir sind froh unser Zelt etwas unterhalb des Grates
errichtet zu haben und so nicht dem größten Wind ausgesetzt zu sein. Am nächsten
Tag ist an einen Gipfelgang nicht zu denken. Wir liegen im Zelt, erzählen
alte Geschichten und debattieren über Ausrüstungsthemen. Vorsorglich haben wir
unser Essen rationiert. Zum Frühstück gibt es für jeden 3 Löffel Müsli. Als
Gelegenheitsvegetarier habe ich einen Schinken dabei. So gibt es zusätzlich
eine Scheibe Brot plus eine Scheibe Schinken. Wer kann da nein sagen. 10.03.00
Schon oft habe ich gehört,
daß das Wetter im Tienschan sehr wechselhaft ist. Dies birgt die Chance, daß
nach Schlechtwetter bald Schönwetter folgt. In unserer zweiten Nacht ändert
tatsächlich das Wetter. Der Sturm hört auf. Nur kommt statt Schönwetter
ergiebiger Schneefall und totaler Nebel. Alle zwei Stunden muß einer von uns
raus, um das Zelt freizuschaufeln. Der Schnee reicht einseitig bis zum Zeltfirst
und drückt die Zeltwand nach innen. So wird das Zelt immer enger. Wir
rationieren weiter die Essenportionen. 11.08.00
In der Nacht hat es aufgehört zu schneien und am nächsten Tag ist
strahlender Sonnenschein. Gegen 7:00 Uhr brechen wir zum Gipfel auf. Der Weg zum
Gipfel führt über den Westgrat. Trotz des Neuschnees ist der Weg relativ
sicher. Nur einmal bricht Dirk durch die Wächte. Bereits gegen 8:00 Uhr
erreichen wir den Gipfel des Piks Pyramidenkopf (5233 m). Vom Gipfel hat man
einen super Ausblick in alle Richtungen. Eindrucksvoll sind der Pik Kirow, der
lange Anstieg zum Pik Pobeda und der steile Chan Tengri. Wir diskutieren den Übergang
zum Pik der Roten Armee. Jedoch haben die starken Schneefälle verbunden mit
starken Wind riesige Wächten an dem Verbindungsgrat zwischen unserem Berg und
dem Pik der Roten Armee entstehen lassen. Eine Begehung ist bei diesen Verhältnisse
zu riskant. Schnell sind wir uns einig abzusteigen. Dank unserer Aufstiegsspur
erreichen wir recht zügig unser Lager. Der Abbau des Zeltes artet richtig in
Arbeit aus. Es ist von allen Seiten tief verschneit und wir kommen beim Graben
ins Schnaufen. Zum Schluß fehlen uns noch zwei Stocksegmente mit, denen wir das
Zelt befestigt hatten. Deren Suche kostet uns eine Dreiviertelstunde. Gegen 11:00 beginnen wir mit
dem Abstieg. Wir sind uns einig, nicht über unsere Aufstiegsroute abzusteigen,
sondern über den leichteren Westgrat. Der Westgrat hat zwei Steilstufen. Der
Abstieg über die obere Steilstufe ist eindeutig und damit leicht zu finden. Wie
wir am besten über die untere Steilstufen auf das Gletscherplateau kommen ist
fraglich, da nicht einsehbar. Die Hoffnung, daß am Grat der Neuschnee verblasen
ist geht nicht in Erfüllung. In der ersten
tiefverschneiten Steilstufe steige ich voraus, in der Seilmitte folgt Dirk und
zum Schluß kommt Annette. Als Annette die steilste Stelle erreicht, löst sich
eine Lawine und sie rutscht auf
ihr Richtung Abbruch. Die Adrenalinproduktion wird schlagartig aktiviert. Dirk
dreht sich in den Liegestütz. Ich quere auf die Seite und versuche mich zu
verankern. Annette rutscht an Dirk vorbei und kommt Gott sei Dank zum Stehen.
Noch mal gut gegangen. Keuchend sitzen wir im Schnee. Wir steigen weiter ab. In den
flacheren Passagen müssen wir bis zur Hüfte spuren. Das braucht viel Zeit und
zehrt an den Kräften. Das Gelände ist sehr unübersichtlich. Wir steigen bis
zum Gletscherabbruch ab. Gut gesichert versuche ich mir von einer Wächte aus
einen Überblick zu verschaffen. Der weitere Abstieg wird von labil aussehenden
Séracs bedroht. Wir entschließen uns schweren Herzens wieder aufzusteigen und
weiter oben in die Südwand zu queren. Dank unserer eigenen Spur ist
der Aufstieg weniger anstrengend als der Abstieg. Wir haben richtig entschieden.
Die Südwand ist steil genug, das sich kein Schnee hält. Gesichert klettern wir
8x45 m nach unten. Gegen 18.30 Uhr erreichen wir den Gletscher. Die etwas bedrückende
Ungewißheit über den Abstieg ist vorbei und wir sind alle drei erleichtert.
Von jetzt an ist es nur noch eine Frage der Kondition, wann wir unser Basecamp
erreichen. Der Pudding ruft! Während des Abstieges hatten
wir auf dem Gletscher drei Personen beobachtet, die in unsere Richtung gespurt
haben. Das waren sicher Christian, Sven und Michael, die uns entgegengekommen
sind. Später sind sie jedoch umgekehrt. Die Schneeverhältnisse haben sich
weiter verschlechtert. Aufgrund der tageszeitlichen Erwärmung und der
abendlichen Abkühlung hat sich eine harte Deckschicht gebildet, die jedoch
nicht trägt. Bei jedem Schritt muß erst die Deckschicht durchbrochen werden
und anschließend versinkt der jeweils erste bis zur Hüfte im Schnee. So
vergeht die Zeit sehr schnell. Wir kommen in die Dunkelheit und es wird
bitterkalt. Die Spalteneinbrüche nehmen zu. Längst haben wir aufgehört, sie
zu zählen. Unser Ziel ist es, die Spur
unserer Kameraden zu erreichen. Die Dunkelheit macht die Orientierung jedoch
schwierig. Wir hatten uns schon fast
damit abgefunden eine eigene Spur zum Lager zu spuren, da entdecke ich im
Dunkeln einen Stock. Ich steuere direkt darauf zu und breche mit beiden Beinen
in einer tiefen Spalte ein. Am Stock finden wir Lebensmittel und eine
Thermoskanne mit Tee. Neben dem Tee freuen wir uns vor allem, daß wir jetzt
eine Spur haben und schneller vorankommen. Um halb zwei in der Nacht
erreichen wir müde aber glücklich unser Base-camp. Mit einem Ruf nach
Pudding wecken wir unsere Freunde und alle kommen zur nächtlichen Party.
Anne verpflegt uns köstlich mit überbackenen Käseschnitten nach
”Schwedenart”, viel, viel Tee und Pudding. Gegen drei liegen wir dann
zufrieden und glücklich in unseren
Schlafsäcken. |
| tilo.dittrich@gmx.net |