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Cho-Oyu 8201 m - Expedition - Tibet
9.4.-16.5.2005 Tilo Dittrich
Der Wind hat unseren Traum verblassen - Maximal erreichte Höhe 7100 m

Auszüge aus dem Expeditionstagebuch:
Anreise
In Nyalam hatten wir noch eine unangenehme Ueberraschung der Rucksack von
Andi ist verschwunden. Vermutlich ist er beim Grenzübertritt, den wir zu Fuss,
mit einigen Trägern machen musten verschwunden. Grenzübertritt mit Auto ist
verboten. Zum Glück halten sich die Verluste in Grenzen.
Nach eine ersten Akklimatisationstour auf ca. 4700 m ging es am nächsten Tag
mit 2 LKW's und 3 Jeeps nach Tingri (4300 m). Zwischendurch gab es ein Stop an
einer Minarepa Cave.
In der Höhle hatte ein Budistischer Mönch gelebt. Jetzt wurde eine Gompa (Budistische
Kirche) darüber errichtet. Weiter zum Lalung Leh Pass
zieht sich eine Schotterpiste durch eine wüstenartige Landschaft. Vom Pass hat
man den ersten ueberwältignenden Blick auf einen 8000-er den Shish Pangma. Die
Höhe von 5050 m merkt man deutlich, zudem weht eine starker Wind in dem die
aufgehängten Tibetischen Fahnen knattern.
Anschliessend geht es hinunter in die Tibetische Hochebene auf ca. 4300 m.
Eine wüstenartige Landschaft in der nur Flechten wachsen. Nach 3
Stunden taucht erstmals der Everest und der Cho Ohy am Horizont auf. Sie sind es
wirklich, kaum zu glauben...
Nach 4 Stunden erreichen wir Tingri, eine kleine Siedlung die alle Everest
und Cho Oyu Expedition passieren müssen. Das Wetter ist schön aber der Wind
ist so heftig, dass der Staub aufgewirbelt wird und die Berge am Nachmittag im
Staubdunst verschwinden. Den aufgewirbelten Staub kann man nur entgehen wenn man
alles abdeckt und ein Tuch von dem Mund trägt.
Am nächsten Tag, gestern Fr. den 15.4., ging es mit unserem Tross zum
Chinese Base Camp. Die erste Übernachtung auf 4900 m. Die Akklimatisierung
braucht seine Zeit, alles ruhig angehen ... viel Trinken, wenig Bewegen und
möglichst viel Essen. Zu Begrüssung hat die Küchenmannschaft Pizza und Kuchen
gezaubert. Uns schmeckts, was ja bei der Höhe ein gutes Zeichen ist.
Anmarsch
Über eine Zwischenlager auf 5300 m (17.4) sind wir zum ABC gewandert.
Eine relativ lange Strecke über Moränen mit viel auf und ab.
52 Jaks haben unsere Lasten getragen. Hier am ABC hat es noch einigen Schnee.
Tags bei Sonne kann's sehr heiß sein, letzte Nacht war's in meinem Zelt -16°.
Der Berg war gestern wolkenfrei, sieht gewaltig aus. Ist mir momentan aber egal.
Jetzt erst mal besser akklimatisieren auf quasi Elbrus Höhe.
Gerade hatten wir eine interessante Zeremonie bei der ein Lama unsere
Steigeisen, Eisgeräte, Essen und Bier bzw. sonstige am Berg notwendigen Sachen
geweiht hat. Unser Lage ist jetzt mit Gebetsfahnen geschmückt.
Es geht mir relativ gut, wenn auch die Höhe deutlich spürbar ist. Seit dem
18.4. sind wir im ABC auf 5700m. Meinen Durchfall habe ich jetzt überstanden
und hoffe es bleibt so. Rene hatte Fieber und ist deshalb zurück nach Tringi.
Die anderen sind auch wohl auf.
24.04.05 Am Berg
Heute ist Bewegung angesagt. Entlang des Gyabrag-Gletschers erreichen wir
diesmal schon mit weniger Schnaufen unser Depot auf 6040 m. Dies ist zu gleich
der Fuss des sogenannten Killerhangs, ein 400m hoher Geröllhang. Die losen
Steine, zwei Schritte vor und einen zurück, und die Höhe machen zu schaffen.
Am Ende erreichen wir einen Grat, auf dem zugleich das Lager 1 errichtet wird
(6400m). Der relativ schmale Grat bietet nicht allzuviele Zeltstandplätze. Lutz
und ich machen es uns in einer Gratsenke, relativ windgeschützt, im Zelt
gemütlich. Langsam wird uns der Nachteil dieser Lage bewust. Das Zelt steht auf
Eis, es wird warm, die Wasserstandshöhe erreicht im Zelt ca. 1cm. Unsere Matten
liegen auf Travellunch, die Rucksäcke sind auf Kartuschen hochgelagert. Doch
dies scheint nicht auszureichen. Wir müssen umziehen.
Wie sich später herausstellt treffen wir die richtige Wahl. Statt an der
maximalen Graterhöhung, beziehen wir einen Platz hart am Grat aber nicht an
seiner maximaler Zwischenerhöhung.

Camp 1 auf 6400
m
Oberhalb Camp 1
Blitzschlag
Die Nacht kommt und ein Sturm zieht auf und rüttelt an denen nah am Grat
stehenden Zelten. Ich habe die Augen geschlossen. Plötzlich wird es hell,
anschliessend minutenlanges Donnern. Die Gedanken kreisen über unsere
exponierte Lage am Grat bei Gewitter. Es beginnt zu schneien.
Nach einiger Zeit höhre ich Fabrizio rufen. Er ist Mitglied einer 4
köpfigen italienischen Bergführerexpedition mit denen wir seit der Anreise
häufig zusammen sind. Der italienischen Diskussion mit Markus und Hermann kann
ich nicht folgen, aber es wird klar der Blitz hat in Glorias Zelt eingeschlagen.
Gloria ist eine starke italiensiche Alpinistin aus Arco, Mitglied einer
internationalen Expedition. Vor zwei Tagen hatten wir einen gemütlichen Plausch
beim Cappuccino.
Jetzt ist die Lage absolut ernst. Fabrizio, Markus unser bester Mediziner und
Hermann geben ihr bestes. Bange Minuten und Stunden vergehen sehr langsam.
Endlich die erlösenden Nachricht, Gloria ist wieder okay. Grosse Erleichterung
bei allen.
25.4.
Ein wunderschöner Morgen bricht an. Nichts ist mehr spürbar von der letzten
Nacht. Der Neuschneezuwachs hält sich in Grenzen. Wir steigen entlang eines
abwechslungsreichen Grates auf. Die erste steile Fixseilpassage bringt
allerdings den Rhythmus durcheinander. Nichts bleibt mehr von dem Vorsatz nur
durch die Nase einzuatmen übrig, einfach nur schnaufen ist angesagt. Erst
als es wieder flacher wird komme ich in den gewünschten Rhythmus.

Steilstufe oberhalb von Camp 1 auf 6700 m

Trotz des schönen Wetters herrscht eine eisiger Wind. Das nächste mal muss
ich eine Hose mehr anziehen.
Auf 6700 m sind wir am Beginn eines Steilaufschwungs einer Serac-Zone
(Eisbruch). Vor uns sind 3 Alpinisten mit dem Aufstieg an Fixseilen
beschäftigt. Sie kommen kaum vorwärts, 2 m in 10 Minuten. Da müssten wir
stundenlang warten. Der Wind macht unsere Entscheidung leicht. Wir lassen es gut
sein für diese Akklimatisationsphase und steigen wieder ab.
An der ersten Fixsteilpassage "üben" wir die russische
Absteiltechnik bei der man kein Material braucht. Am Lager 1 legen wir einen
Zwischenstopp ein, anschließend steigen wir über den Killerhang ab und laufen
den langen Hatsch zum Basecamp hinaus, was Markus und ich bereits 14 Uhr
erreichen.
Am Nachmittag gibt es eine Gott sei Dank wieder einen Cappuccino mit Gloria.
Sie hat sich gut erholt. Leichte Verbrennungen an der Nase, die
Damen beachten die Gefährlichkeit von Nasenpiercing bei Blitzschlag, an den
Fingerspitzen und der Hüfte zeugen von der letzten Nacht.
26.4.
Heute ist Ruhetag angesagt und es laufen die Vorbereitungen für die grosse
Party "Gloria Viva".
Ein super Grund zum feiern, mit Gästen aus 8 Nationen kommt trotz der Höhe
tolle Stimmung auf. Jeder hat was zu erzählen und wir können das Zelt auch gut
aufheizen. (Die Nachttemperaturen sind in den letzten Tagen im Zelt vom -16°
auf knapp unter Null angestiegen.)
27.4.
Akklimatisationtag - was ist das? Ausschlafen, viel viel Essen, wenig
Bewegung und nicht allzuviel über die Berge nachdenken, smal talk mit anderen
Expeditionen - einfach auftanken. Die Haupteigenschaft die man für einen
8000-er braucht ist Geduld, die langwierige Akklimatisierung und die optimalen
Verhältnisse am Berg abzuwarten.
Momentan schneits trotz Sonnenschein.
Seit ca. einer Woche hängen wir wetterbedingt im BC rum. Fast jeden Tag hat
es ab Mittag geschneit. Da kann man sich nur in den Schlafsack verkriechen.
Die leichte Lektüre ist gelesen, was bleibt sind nur ein paar Beipackzettel
- wenn man sonst nichts hat... Nachmittagstee bei einer
der anderen Expedition bringt etwas Abwechslung.
Früher hat man wahrscheinlich am Abend bei Gitarre gesungen. Wir machen ab
19:30 Kinovorstellung mit unserem Laptop im Kuppelzelt. Zu sehen gibt es billige
Kopien aus Kathmandu. Bisher habe ich allerdings noch keinen Film bis zum Ende
angeschaut. Entweder war ebenfalls wetterbedingt die Akkukapazität erschöpft
oder Bill Gates hatte etwas dagegen oder es war mir schlicht und einfach zu kalt
bei Minustemperaturen einen Movie zu schauen.
Etwas BC-Tratsch:
Unserer italienischen Kollegen sind mittlerweile abgezogen. Ausser Fabrizio
haben sie die Höhe nicht vertragen, allen Rekorden in den Alpen zum trotz, z.B.
Aufstieg und Abstieg von Cervina aufs Matterhorn in unglaublichen 4 Std. und 16
Min.; sowie 20'000 Hm in 24 Stunden, Felix da müssen wir noch etwas zulegen.
Aber in der Höhe spielt noch mehr mit.
Viel wird hier auch durch Religion der Sherpas bestimmt. Grosse Erleichterung
ist eingetreten seit Gloria das BC verlassen hat (Die Göttin hatte ihr einen
Blitz geschickt).
Voraussichtlich werden wir unseren Gipfelversuch gemeinsam mit Taschi Tensing
Sherpa, den Enkel von Tensing Norgai starten. Seine Familie hat ein sehr starkes
Karma - können wir sicher brauchen. Neben dem Wetterbericht wird für einen
Gipfelversuch auch immer ein Lama befragt.
In den nächsten Tagen werden wir starten, denn viel Zeit bleibt nicht
mehr...
09.05.05
Der Wetterbericht dreht sich hier hauptsächlich um den "Jet", ein
Höhenwind mit Geschwindigkeiten im Bereich von 80 km/h und 160 km/h oder mehr.
Wann ein standhafter Mann weggeblasen wird, wäre nochmals wissenschaftlich zu
erarbeiten. Die Anzahl der Probanden für eine Versuchsreihe ist hier
beschränkt.
Jener Jet sollte laut Innsbrucker Wettervorhersage kurzzeitig abflauen.
So steigen wir am 8.5. voller Hoffnung zum Camp 1 auf. Übernachten
dort, um am 9.5. weiter zum Camp 2 aufzusteigen. Da
beginnt schon die Geschichte der 10 kleinen Negerlein. Steff,
der gestandene Bayer, fühlt leere in seinen Beinen und entschliesst sich
umzudrehen. Vermutlich liegt es daran, dass er in den Hochlager fast nicht essen
kann. Da schwächeln irgendwan auch die stärksten Beine. Wohl dem der immer
einen guten Appetit hat oder zumindest irgendetwas Kalorienreiches runterbringt.




Aufstieg zum Camp 2 7075m
Lutz ist der nächste der zwar bis Camp 2 aufsteigen will aber auf jeden Fall
am nächsten Tag absteigen möchte. Ihm jagt der lange kombinierte Anstieg zum
Gipfel zu viel Respekt ein.
In der Vormonsumzeit ist der Gipfelaufbau im Gegensatz zum Nachmonsum vom
"Gelben Band" 7500m bis zum Gipfel, bis auf ein 200 m Eisfeld, felsig.
Was den Auf- und Abstieg ungleichmäßiger damit anstrengender und auch
schwieriger macht.
Das Jümarn in den steilen Fixseilpassagen strengt nach wie vor an und bringt
jeden kurzzeitig in Atemnot. Dafür gehts im mässig geneigten Gelände diesmal
schon bedeuten leichter und schneller voran.
Bei starken Wind erreichen wir Camp 2, 7070 m und verkriechen uns sofort in
die Zelte.
10.5.2005
Der Wind ist nach wie vor sehr stark. An einen weiteren Aufstieg ist nicht zu
denken. Wir verbringen den ganzen langen Tag im
knatternden Zelt und hoffen auf eine Beruhigung des Windes am nächsten Tag.
Wissend um die Kraftverlust ohne Trinken und Essen schmelze ich
Schnee und esse zum Frühstück Vanillepudding mit Himbeeren und am Nachmittag
Kartoffelpüree und eine Fischbüchse. Alles ist besser
als Simpac Reiter - Fertignahrung, bei deren Anblick ich auch schon satt bin. Zu
allem Überfluss fällt mir ein frisch geschmolzner Topf mit Wasser um. Geistesgegenwärtig
kann ich meinen Schlafsack vor der Wässerung retten. Das Wasser sammelt sich in
eine Ecke des schrägen Zeltes und friert fest.
11.5.2005
Nach der zweiten Nacht auf über 7000 m sind Margit, Joachim, Steffan, Markus
durch Übelkeit, Kotzerrei, Kälte und Schlaflosigkeit ausgelaugt und steigen
ab. Es bleiben Andi, Hermann, Rene, unser Sherpa Chuldim
und ich.
Dies ist unsere letzte Chance. Über den ganzen
Vormittag zieht sich eine Diskussion ob Auf- oder Absteigen. Über
Satelitentelefon holen wir verschieden Wetterberichte ein. Keiner
spricht mehr von einem geringerem Jet. Die Gesamtlage ist schwierig und nicht
eindeutig. Ein Gipfelversuch nach 3 Nächten auf 7000 m
ist sicher eine sehr ungünstige Ausgangssituation.
Mit großer Enttäuschung entschließen wir uns für den
Abstieg. Andi und Rene sind voraus, ich folge allein. In
den Fixseilen treffe ich zwei slovakische Bergsteiger die sehr langsam
absteigen. Sie waren ebenfalls 2 Nächte auf 7000 m.
Auf meinen Gruß reagieren sie kaum aber ich bin auch nicht auf ein große
Kommunikation ein gestellt, will nur schnell runter. Vor einer Spalte die
übersprungen werden muss lassen sie mich vorbei.
Vor Camp 1 hole ich noch Andi und Rene ein. Nach einer Pause steigen wir zum
Basecamp ab. Ueber Funk erfahren wir eine erschütternde Nachricht. Chuldim
findet einen der Slovaken leblos in den Fixseilen hängen, vermutlich Hirnödem
oder Erschöpfung.
Unfassbare Nachricht macht die tatsächliche Bedeutungslosigkeit des Berges
deutlich. Hätten wir vorher mehr über seinen Zustand
gewusst, hätten wir evtl. noch helfen können.
Die Expedition geht zu Ende. Laut Chuldim der den Cho Ohy schon 6x bestiegen
hat war es diesmal eine Saison mit schlechten Wetter. Laut Wetterbericht soll
sich Mitte nächste Woche der Jet nachlassen aber dass nützt uns nichts mehr.
Wer vor hat diesen Berg zu besteigen, sollte das Zeitfenster bis Ende Mai
legen oder in Nachsaison fahren.
Wer hat den Gipfel erreicht?
Als wir angekommen sind hat ein Tscheche, Martin solo im Alpinstil den Gipfel
erreicht.
Dies als "Akklimatisationstour" für den Everest. Kurz
danach waren meine prominenten Zeltnachbarn und 8000-Profis, Ed Viesters, Veika
Gustafson und ein dritter unterwegs. Von ihnen erreichte
Veika den Gipfel, eines seiner härtesten Kletterein - Akklimatisation für
Annapurna...
Drei Polen erreichten ebenfalls bei starken Wind den Gipfel. Zwei müssen
dies jedoch mit schweren Erfrierungen an den Füssen und Händen bezahlen.
Dies ist ein zu hoher Preis.
So fahren wir zumindest gesund wieder heim.

Viel Spass hatten wir beim Eis-Bouldern im
Gletscherbruch


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