Eigernordwand
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Hurra, wir  machen die  Eigerwand! 
Ulrich Schöppler und Tilo Dittrich
Warum? Weil die Eiger-Nordwand für jeden Alpinisten der schärferen Richtung eine
große Herausforderung darstellt und fast so etwas wie eine Pflichttour ist.  Bei
uns ist die Zeit für den Eiger  reif, bei mir fast überreif. Nach drei  durchaus
anspruchsvollen Blankeistouren  im Mont  Blanc-Masiv (Aiguille  Verte -  Couloir
Couturier,  1000  m;  Aiguille  de  Triolet  -  Nordwand,  800  m;  Mont  Blanc 
-  Brenvaflanke, 1300  m) sind  wir der  Überzeugung, daß  wir nun  hinreichend
akklimatisiert und für ein Unternehmen wie die Eigerwand geistig wie  körperlich
gut vorbereitet sind.
Am 10. August 1991  fahren wir von Chamonix,  am Fuße des Mont  Blanc, über Bern
nach Grindelwald an  den Fuß des  Eiger. Die Zahnradbahn  bringt uns abends  zur
Kleinen Scheidegg. Dort herrscht ein reger Verkehr von Menschen aus aller Herren
Länder. Nur Bergsteiger sind kaum und Kletterer schon gar nicht zu sehen.  Alles
drängt sich neugierig um die  Andenkenstände und wer nicht gerade  seine Franken
lockert, flaniert  etwas ziel-  und ratlos  über das  Bahnhofsgelände. Die Eiger
-Nordwand ist hier kein Thema.
Um etwas  Ruhe vor  dem Rummel  um uns  herum zu  haben, ziehen  wir uns  in das
Touristenlager des Bahnhofsrestaurants zurück. Erst  später, es ist so kurz  vor
dem  Dunkelwerden, wandern  wir noch  ein kleines  Stück bergan,  um die  ersten
Wegmeter unseres nächtlichen  Marsches zu erkunden.  Wir sehen uns  ein wenig um
und  kehren  dann  wieder  zum  Bahnhof  zurück,  der  ohne  die  promenierenden
Menschenmassen  fast  etwas  öd und  leer  aussieht,  wie eine  zweckentfremdete
Stätte. Auf dem  Zimmer füllen wir  unsere Flaschen für  den morgigen Tag.  Dann
legen wir uns schlafen. 
Der Wecker steht auf 3 Uhr. Was  soll der Mensch um 3 Uhr morgens  essen? Einige
Löffel Schweizer Müsli vielleicht? Wir bringen das hinter uns.
Dann brechen wir auf. Vor der Bahnhofstür schlägt uns ein warmer Wind  entgegen.
Wir spüren: es ist Sommer - Eigerzeit. Im Schein unserer Stirnlampen suchen  wir
uns  den Weg  in Richtung  »Station Eigergletscher«  der Jungfraujochbahn.  Dort
angekommen, wenden wir uns  nach Osten und steigen  von dem Bergrücken, auf  dem
das Bahngebäude errichtet ist, ab in  das Kar am Fuße der gewaltigen  Eigerwand.
Alles ist ruhig. Kein Lüftchen regt sich mehr, es fällt kein Stein, kein  Wasser
gurgelt unter den  Steinen. Wir hören  nur uns selbst.  Seltsam ist's, nur  sich
selbst zu hören. Oben in der Wand, ungefähr auf der Höhe des »Bügeleisens«,  ist
ein Lichtpunkt sichtbar. Er bewegt sich nicht. Eine Seilschaft sitzt da wohl  im
Biwak und bereitet sich  auf den neuerlichen Aufbruch  vor. Wir hier unten  sind
auch noch schlaftrunken und stolpern ein wenig apathisch durch das grobe Geröll,
überqueren   von   Altschnee   bedeckte   Gräben,   streifen   durch    niederes
Alpenrosengebüsch und vom Tau benetztes Gras. Wir erreichen ein hartes  Firnfeld
unmittelbar am Fuße der Wand und mit ihm den Einstieg. 
Es ist 5 Uhr 30 und der Morgen beginnt zu dämmern.
Wir legen das Kletterzeug an. Dann überschreiten wir die Randkluft an  günstiger
Stelle und sind in der Wand. Zügig geht es voran. Geneigte Platten wechseln  mit
Schuttabsätzen. Es  könnte fast  im Karwendel  sein, wenigstens  der Gesteinsart
nach. Kleinere Altschneeflecken unterbrechen immer wieder den Aufstieg im  Fels.
Doch die Steigeisen brauchen wir nicht in dem griffigen Firn. Nach einer  Stunde
erreichen wir die Höhe des »Ersten Pfeilers«, eine Stunde später - die Kletterei
wird schon etwas steiler -  den Scheitel des »Zerschrundenen Pfeilers«.  Achtzig
Meter darüber, bei  der »Nassen Biwakhöhle«,  legen wir das  Seil an und  queren
nach rechts an den Beginn des »Schwierigen Risses«. Hier fangen die eigentlichen
Schwierigkeiten der Wand erst an. Der Riß samt dem alten morschen Strick, der in
ihm  hängt  -  Überbleibsel  von   Rückzügen  -,  trieft  vor  Nässe.   Mit  den
geschmeidigen Reibungskletterschuhen  wäre es  ein Kinderspiel,  hier hinauf  zu
turnen. Mit  den starren  Sohlen der  Plastikschalen hingegen  können wir  nicht
einfach jede Schrägfläche als Tritt  verwenden, wir müssen uns vielmehr  schmale
Felsleisten oder andere scharfe  Felsvorsprünge aussuchen, um sicher  stehen und
höherklettern  zu können.  Umso notwendiger  ist dies,  als die  meisten Griffe
ziemlich angerundet  und der  Fels im  allgemeinen abwärts  geschichtet ist. Das
alte Tau  im Riß  ist an  manchen Stellen  die bequemere  und schnellere Lösung.
Rotpunkt? Das ist am Eiger nicht die Frage. Der Eiger ist kein Felsproblem.  Wer
reinigt die Route von den alten Seilresten? Die Müllabfuhr von Grindelwald  oder
gar die Sportkletterer? Niemand wird sich wohl je diese Mühe machen.
Am  späten  Vormittag  stehen  wir  am  Beginn  des  legendären  »Hinterstoisser
-Querganges«. Ein  abgenutztes Geländerseil  weist den  Weg, wo  die Erstbegeher
erst mehrere Seilquergänge hinter sich bringen mußten. Recht bequem rutschen wir
ins »Schwalbennest« hinüber, einem recht exponierten Platz hoch über dem Kar  am
Fuße der Wand. Ich erinnere mich hier  an ein Foto mit Matthias Rebitsch, wo  er
als  junger  Mann zusammen  mit  Ludwig Vörg  im  August 1937  bereits  die Wand
versuchte und vom »Todesbiwak am Bügeleisen« aus wieder im Schneesturm  umkehren
mußte. Eine beachtliche Leistung damals! Ein Jahr darauf gelang Vörg mit  Anderl
Heckmair  die Wand.  Rebitsch konnte  nicht mit  dabei sein.  Dafür Harrer  und
Kasparek. So ist das auch im Leben eines Bergsteigers: der Glücklichere gewinnt.
Links des »Schwalbennestes« klettern wir an der westlichen Begrenzungsrippe  des
»Ersten Eisfeldes«  empor bis  in die  Höhe des  »Eisschlauches«, der Nahtstelle
zwischen »Erstem«  und »Zweitem  Eisfeld«. Jetzt  ist er  abgeschmolzen und  ein
Eisbach rauscht an  seinem Platz in  die Tiefe. Um  dem kühlen Bad  zu entgehen,
klettern wir  links des  Wassers über  steile, dachziegelartig  geschichtete und
glatt geschliffene Platten aufwärts. Mit den Plastikstiefeln ist das ein heikles
Manöver.  Wir stehen  schlecht und  finden nur  wenig Haken  zur Sicherung.  Wir
kommen hier nur langsam voran, aber wir bleiben trocken.
Nicht  weniger  heikel  ist der  Übergang  vom  Fels ins  Eis.  Auf  den glatten
Plattenschüssen können wir  nirgendwo die Steigeisen  anlegen, weil die  ohnehin
schon prekäre Gleichgewichtsverteilung ein Herumhantieren mit Riemen und  Bügeln
gar  nicht zuläßt.  Der Seilerste,  Tilo, muß  im dünn  ansetzenden Eis,  kleine
Kerben für die Sohlen schlagend, einfach soweit hinaufklettern, bis das Eis dick
genug wird, um Eisschrauben zur provisorischen, Sicherung setzen zu können. Sind
diese dann einmal ins Eis  gedreht, kann der nun aufatmende  Vordermann, fixiert
an  den  Sicherungsschrauben,  damit beginnen,  die  Steigeisen  anzulegen. Nach
dieser  lästigen  Prozedur steigen  wir  schnell zum  oberen  Rand des  »Zweiten
Eisfeldes«, um vor Steinschlag sicher  zu sein. Dieser scheint sich  zunächst in
Grenzen halten zu wollen, denn es schwirren nur hin und wieder kleine  Geschosse
durch die Luft.  Die gefürchteten bedrohlichen  Kaliber bleiben aus.  Unangenehm
ist nur das ständig herabspritzende Wasser und die Sandauflage auf dem Eis.  Die
Seile sind bleischwer und ringsum voller Sandgeriesel, so daß sich beim  Sichern
das Quarz knirschend  durch den HMS-Karabiner  schiebt. Sandpapier könnte  keine
bessere Wirkung entfalten!
Nach einem 150  Meter langen Linksquergang  am Oberrand des  »Zweiten Eisfeldes«
erreichen  wir  die  Wandstufe  des  »Bügeleisens«.  Dort  gischtet  ein   neuer
Wasserfall herab.  Wir müssen  hindurch. Es  ist die  einzige Möglichkeit,  weil
glatte  Plattenwülste  zur  Linken   und  Rechten  ein  Weiterkommen   unmöglich
erscheinen lassen. Ich  mache mich startklar  und klettere im  Eiltempo diagonal
links aufwärts  durch die  kühle Dusche.  Im fünften  Schwierigkeitsgrad geht es
sonst  freilich  etwas   gemächlicher  zu,  aber   wer  will  angesichts   einer
bevorstehenden Biwaknacht schon gern  ein Vollbad nehmen? Tilo  hingegen scheint
mit der kalten  Brühe schon Freundschaft  geschlossen zu haben,  weil ihn schier
nichts zur Eile anspornen kann. Die Jugend ist halt hart im Nehmen!
Bald darauf fängt  es an zu  donnern. Hoppla! Da  zieht doch glatt  ein Gewitter
heran!  Wir  müssen  uns  langsam  in  Sicherheit  bringen,  da  Regenfälle  den
Steinschlag  erheblich verstärken.  Das Felsgelände  über uns  sieht zwar  nicht
schwer aus,  ist aber  nach wie  vor abwärts  geschichtet und  glatt. Wir kommen
wegen des einsetzenden Graupelns mit nur mäßiger Geschwindigkeit voran. Doch die
schützenden  Überhänge  am  Scheitelpunkt  des  »Bügeleisens«  rücken  näher. Am
vorletzten Standplatz krieche ich unter den Biwaksack, um Schutz vor dem stärker
einsetzenden Regen zu finden. Tilo  erreicht als erster die trockene  Zone unter
der  überhängenden  Wandflucht.  Ich  komme  nach.  Es  ist  halb  sieben.   Die
verbleibenden  zweieinhalb Stunden  Helligkeit können  wir wegen  des Gewitters
nicht mehr nützen,  um die Rampe  noch bis in  halbe Höhe emporzuklettern.  Also
machen wir es uns gemütlich, sehen dem Regen zu, lauschen dem Donnergrollen, dem
Plätschern  des Wassers  neben uns,  kochen Tee  und Suppe,  Suppe und  Tee und
erwarten die Nacht. Morgen wird die Sonne schon wieder scheinen.
Gegen Mitternacht läßt  der Regen nach.  Wann er wirklich  aufgehört hat, wissen
wir nicht,  dafür plätscherte  der Wasserstrahl  rechts von  uns zu  laut in den
Teetopf.
Als es langsam Tag werden will, setzen wir den Kocher wieder in Gang. Das  heiße
Getränk, das wir auf ihm zubereiten, belebt unsere ausgefrorenen Glieder wieder.
Wir  brechen  bald  auf  und  sind guter  Hoffnung,  noch  heute  den  Gipfel zu
erreichen. Aber der Mensch denkt, und Eiger lenkt.
Das  »Dritte   Eisfeld«  in   Fallinie  der   »Spinne«  queren   wir  ohne  jede
Steinschlagüberraschung. Bald betreten wir  die Rampe und können  die Steigeisen
wieder ablegen. In  schöner Kaminkletterei spreizen  wir zwei Seillängen  höher.
Tilo führt gerade, als sich plötzlich ein schabendes und kratzendes Geräusch von
oben her  ankündigt. Ich  stehe am  Standplatz und  harre dessen,  was da kommen
soll. »Das sind doch fürwahr zwei Steigeisen und noch dazu die von Tilo!«  fährt
es mir durch den Kopf. Von  oben erfolgt denn auch kurz darauf  die ernüchternde
Bestätigung. Eine ärgerliche Sache - dieser Steigeisenverlust! Aber was weg ist,
ist hier eben unwiederbringlich weg. C'est la vie! Meine Steigeisen sind  fortan
unsere einzige Chance,  der Wand zu  entkommen. Ich werden  sie hüten wie  meine
Augäpfel.  Bald sind  wir wieder  voller Zuversicht,  denn was  soll uns  schon
aufhalten?
Oberhalb  der  Rampenmitte  ergießt sich  ein  weiterer  Wasserfall über  unsere
Aufstiegsroute in die Tiefe. Entweder wir klettern hindurch oder aber wir wählen
die  »Lachenal-Variante« rechts.  Wir entschließen  uns für  letztere, um  nicht
schon  frühmorgens  ein  Vollbad nehmen  zu  müssen.  Den Rampeneiswulst  danach
meistern  wir  mit einem  Schlenkerer  nach links  und  gewinnen so  über  glatt
gescheuerte, sandbedeckte Platten das Rampeneisfeld. Im Eis obliegt nun mir  die
Führung. Damit  Tilo nicht  zurückgleiten kann,  wenn er  mit seinen unbewehrten
Schuhen abrutscht, sichere ich ihn einfach am straffen Seil nach. So kann nichts
passieren. Wenn nur kein Blankeisquergang mehr kommt!
Mittags stehen wir  endlich unter dem  »Brüchigen Riß«, der  sich als gar  nicht
sonderlich brüchig erweist, sondern  eher eine der schönsten  Kletterstellen der
ganzen Route  ist. Lediglich  das Band,  das zu  ihm führt,  besteht aus vom Eis
zusammengehaltenem  Schamott.  Der  Riß mündet  nach  dreißig  Metern auf  einem
herrlichen Rastplatz. Die Schau in die Tiefe ist grandios. Hier beginnt nun  der
berühmte »Götterquergang«, eine Traverse hoch über den Eisfeldern der Wandmitte,
ausgesetzt und fest wie eine Dolomitenkletterei. Wenn nur die Wolken nicht schon
wieder aufzögen und Donner in der Ferne zu hören wäre! Zunächst queren wir  noch
über abschüssiges und etwas brüchiges Gelände hinweg, bald darauf aber wird  das
Gestein  eisenfest  und macht  dem  Namen dieser  Passage  alle Ehre.  Auf  etwa
fußbreiten  Leisten  schweben wir  dem  Herzstück der  Eigerwand,  der »Spinne«,
entgegen. 
Da  überrascht  uns  - es  ist  zwei  Uhr Nachmittag  -  ein  heftiges Gewitter,
begleitet von Schneefall und Graupel.  Wir kriechen schnell unter den  bergenden
Biwaksack und warten ab. Drüben  in der »Spinne«, einem Eiskessel,  rauschen die
Wasser über das Eis und verschwinden gischtend in der Tiefe. Ganze zwei  Stunden
sitzen wir fest, bis das Gewitter  wieder abzieht und die Sonne aufs  Neue durch
die Wolken lugt. Die Schwaden weichen und die Wasser rieseln, Kaleidoskop  einer
gigantischen Waschküche.
Kurz vor  17 Uhr  erreichen wir  den Eistrichter  der »Spinne«.  Von überall her
empfängt uns  ein Rauschen.  Gischt und  graues Dunstgebräu  streicht durch  die
endlosen Schlote  des himmelwärts  fahrenden Gemäuers.  Naßfirn auf  Blankeis im
unteren Teil, wasser- und sandüberzogenes Blankeis im oberen Teil der  »Spinne«.
Wie schön! Die  Sonne taucht dieses  Inferno aus H2O  und CaCO3 in  die wärmsten
Farben. Herz, was willst du mehr! 
Der Naßfirn  kommt Tilo  gerade recht,  das Blankeis  weiter oben  sähe er  wohl
lieber  nicht.  Aber  was  soll's!   Wir  müssen  hinauf  und  heraus   aus  dem
Steinschlagtrichter. Wir haben  Glück. Uns trifft  kein Stein. Dafür  wartet der
nächste Wasserguß. In  den ersten Seillängen  der Ausstiegsrisse werden  wir von
rechts und links fürsorglich abgeduscht.  Der »Quarzriß« weiter oben -  nochmals
Kletterei im fünften Schwierigkeitsgrad - setzt dem Tropfbad die Krone auf.  Die
Anoraks  sind jetzt  gänzlich durchnäßt.  Als wir  nach links  zum »Cortibiwak«
queren, ist es bereits halb neun und wir richten uns für eine zweite  Biwaknacht
ein. Es klart auf. 
Die Nacht wird hübsch  kalt, auch unter dem  Biwaksack. Die Kleider sind  klamm,
die Füße in den Innenschuhen  verschwitzt, die Sitzgelegenheit ist nicht  gerade
sehr bequem, aber die  Streichhölzer dafür trocken. Man  muß am Eiger immer  das
Positive der jeweiligen Situation sehen, sonst wirst du trübsinnig. Also  lachen
wir schließlich über uns selbst und werfen den Kocher an. Heißer Tee ist  unsere
Rettung. Wenn nur die  Zehen davon auch partizipierten.  Doch jede Nacht -  auch
die bescheidenste - hat ein Ende.
Um 7 Uhr stehen  wir wieder kampfbereit in  unseren starren Stiefeln und  seilen
uns hinunter auf  den Grund einer  Verschneidung, die in  Richtung Gipfeleisfeld
führt. Das Wasser,  das tags zuvor  durch den Verschneidungsgrund  herabgeronnen
ist, hat  sich in  eine dünne  Eisschicht verwandelt,  die dem  Fuß keinen  Halt
gewährt. Zuerst  kann ich  das Eis  noch überspreizen,  in der zweiten Seillänge
aber nützt alle List nichts mehr, ich muß die Steigeisen anlegen. Mit metallenem
Schreien krallen sich  die Eisen in  das dünne Wassereis  und siehe da,  auch so
kommt der Mensch höher. Die Seile, am Abend zuvor noch triefnaß, sind nun  steif
wie Telefonkabel. Bei der Sicherung mit dem HMS-Karabiner schlagen wir Seilräder
so groß  wie Kinderreifen.  Jeder glaubt,  ein Lenkrad  aus Eis  in der  Hand zu
halten. So ist das also hier im Eigerzirkus. Der Eintritt ist frei.
Auf die  eisige Verschneidung  folgt schließlich  noch eine  etwa 150 Meter hohe
Zone aus abwärtsgeschichteten Kalkplatten, die im Frühsommer wohl noch unter Eis
und Firn  begraben liegen  dürften. Jetzt  heißt das  eine weitere Stunde heikle
Platten-  und  Sandschleicherei. Wir  nehmen  es schweigend  hin.  Kurz vor  dem
Gipfeleisfeld  begrüßt uns  ein eiskalter  Ostwind. Wir  machen alle  Lucken an
unserer  Bekleidung dicht  und stürmen  zum »Mittellegigrat«  hinauf, der  Sonne
entgegen. Am Grat legt sich der  Sturm und die Sonne wärmt unsere  Glieder. Fast
unglaublich ist es, daß  wir aus der Wand  sind. Wir wollen es  anfangs noch gar
nicht so recht glauben.
Zehn  Minuten  unterhalb des  Gipfels,  auf einem  windstillen  Platz mit  einem
kleinen Felsmäuerchen ringsum, machen wir Rast und brauen uns auf dem Kocher ein
Getränk. Wunderbar breiten sich die Berner Alpen vom Wetterhorn im Osten bis zum
Aletschhorn  im  Westen   vor  unseren  Augen   hin,  in  der   Mitte  das  kühn
emporstrebende Finsteraarhorn, der Kulminationspunkt der Gruppe. Wir haben  alle
Wasserfälle vergessen, fort sind Kälte  und Eis, alles ist Sonne  und ungetrübte
Bergsteigerfreude. Als wir zum Gipfel weiterzockeln, ist es schon 14 Uhr, gerade
noch recht für den nicht ganz einfach zu findenden Abstieg über den Westgrat. 
Nochmals fünf Stunden Platten-,  Sand- und Wackelblockballett sind  zu meistern,
bis wir endlich bei der »Station Eigergletscher« der Jungfraujochbahn  ankommen.
Von dort ist es  nur ein kurzer Rutsch  zum Bahnhof der Kleinen  Scheidegg. Hier
verbringen wir die Nacht, hier lassen wir  es uns erst einmal gut gehen, wie  es
sich  gehört nach  drei erlebnisreichen  Tagen in  der kalten  und nassen  Eiger
Nordwand.


 
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