| 26.09.03 | Chronik | Andreas Buchwald |
Eine Idee wird Wirklichkeit
Inhalt:
Verträumt
liegt der Kirchenacker zwischen Nimrod- und Rehbacher Straße in der Sonne.
Mit der alten Streuobstwiese daneben versteht er sich gut. Seit vielen, vielen
Jahren liegen sie nebeneinander, erleben gemeinsam den Wechsel der Jahreszeiten
und verlassen sich auf die traditionell festgelegten Verhältnisse und den
Schutz ihres altangestammten Besitzers, der Kirchgemeinde Knauthain. Sie wissen,
dass sie ein schönes Stück Natur sind, kaum je berührt von Kriegen
oder Katastrophen, und sie hoffen, es zu bleiben.
Da kommt ein Herr Remy des Weges, Finanzmakler, ein Mensch mit unruhig-unternehmerischem
Geist. Häuser möchte er bauen, schöne, helle Häuser, die
lebendig sind, Häuser, in denen man gerne wohnt. Geld dazu ist da, Finanzriesen
stehen hinter dem Mann, der Deutsche Herold und die Mainzer Bausparkasse beispielsweise.
So werden es teure Häuser sein, das Geschäft seines Lebens soll es
werden. Nur das Land hat er gesucht, das richtige Bauland für seine Vision;
und jetzt steht er vor dem Acker und der Streuobstwiese. Und sofort weiß
er: Das ist es! Das ist der Platz, wo er bauen will.
Kontakte
sind geknüpft worden, wichtige Kontakte. Da ist die AG ZimmerMeister, außerdem
die Firma Regen. Das Projekt ist interessant geworden. Und Dr. Vosberg, der
Pfarrer der Knauthainer Gemeinde, sieht neue Horizonte. Es ist Kirchenland,
um das es geht; das Wörtchen, das er mitredet, gilt viel. Eigene Vorstellungen
hat er, andere, bodenständige. Geschäft will er auch, es wird seine
Gemeinde vorwärtsbringen, doch sozial soll alles sein, christlich, bezahlbar.
Da flaut der Westwind ab, der Herrn Remy hierhergeweht hat. Der Mann steigt
aus, mit ihm die Bausparkasse Mainz.
Der Samen jedoch ist gesät, der Boden ist fruchtbar. Herr Strauß
tritt auf, mit ihm Herr Ostermair, beide aus dem wirtschaftskräftigen Bayern.
Sie übernehmen das ganze, planen, schaffen den ideellen Grund, reden mit
den Vätern der Stadt.
Der
Plan steht fest, die Grundlage. Und das Land soll bei der Kirche bleiben. Verkauf
wird es nicht geben, sondern Erbbaurecht. Sozial für die Bauherren, langfristig
hilfreich für die Gemeinde. Den Vertrag liegt vor, die Weichen sind gestellt.
Herr Ostermair kann ans Reißbrett gehen, erst soll der Stift gestalten,
wie und was gebaut wird. Aus Kassel kommt ein Architekt dazu, Herr Fingerling.
Und Dr. Vosberg hält den Zeitpunkt für geraten, der Presse zu verkünden,
was er vorhat mit dem Land seiner Gemeinde, wie es vorwärts gehen soll
in Knauthain. Richtige Ossis sollen sich hier ansiedeln, meint er, Leute, auf
die man sich verlassen kann, die hierbleiben. Da er Pfarrer ist, wünscht
er sich Kirchenbesucher. Einhundertzwanzig Häuser, sonnenenergiebeheizt
und von evangelisch-lutherischen Sachsen bewohnt, das ist es, was ihm vorschwebt.
Natürlich weiß er, dass diese Zielgruppe weder groß noch sonderlich
finanzkräftig ist, doch die Vorstellung verführt ihn. Noch ist die
Zeit der Visionen, noch ist alles offen.
In Bayern gibt es Musterhäuser zum Ansehen, Häuser, wie Dr. Vosberg
sie sich vorstellt und Herr Ostermair sie bauen will. Ein Busausflug führt
sie in die Nähe der Freistaatshauptstadt, wo sie Nahrung finden für
ihre inneren Bilder. Mit verstärktem Tatendrang kehren sie zurück.
Herr Fingerling entwirft in großen Zügen, wie alles aussehen soll.
Das Ergebnis heißt "Vorhaben- und Erschließungsplan" und
entsteht noch im gleichen Jahr.
Die
erste schwere Schreibtischhürde ist genommen: Das Vorhaben findet die Billigung
der Stadt Leipzig. Ein großer Schritt für die Mühlen der deutschen
Behörden, ein kleiner jedoch für die tatendurstigen Siedlungsplaner.
Denn von nun an werden sie ausgebremst, behindert, hingehalten. In verwirrender
Korrespondenz mit dem Rathaus sitzen sie fest, verstricken sich in scheinbaren
Widersprüchen. Eine harte Kämpferin gegen ihr Projekt ist aufgetreten,
unter der Fahne des Rechts errichtet sie ihre Bollwerke. Ullmann heißt
sie, Frau Dr.-Ing., und ihre Argumente haben behördliches Schwergewicht.
Als sie nach längerem Geplänkel der Überredungskunst des Herrn
Fingerling erliegt und die Waffen streckt, rätselt Dr. Vosberg immer noch
über die Motive des Schreibtischkrieges und der Langbanktaktik.
Denn einen zweiten Siedlungsplan gibt es, einen von der Stadt Leipzig selbst.
Ein ganzes Stück weiter, hinter Knauthain, soll gebaut werden. Was, wenn
der Stadtrat um Bewerber fürchtet, weil die Kirche schneller sein könnte?
Zumal sie so marktmitmischlustig geworden ist und es keinen Verlass mehr gibt
auf fromme Biederkeit und geduldiges Abwarten...
Auch die Stadt möchte ihr Land verkaufen. Und ihre Väter wissen bereits,
dass es schwer wird.
Endlich
dürfen sie loslegen. Viele Briefe, viele Gespräche hat es gegeben,
Gegner mussten sie umstimmen, Befürworter finden. Einer der letzteren ist
Herr Drewitz vom Stadtplanungsamt, er hat geholfen, wo er konnte.
Aus Ackerland wird Bauland, da gibt es viel Geld zu verdienen. Geld, das gerade
die Stadt Leipzig dringend braucht, die chronisch leeren Kassen mahnen. So besteht
sie auf einem hohen Anteil, einer kräftigen Abgabe.
Doch Dr. Vosberg hat noch einen Trumpf, einen, der Eindruck macht und der ihm
gut ansteht: den sozial gestaffelten Erbbauzins. Und diese Karte sticht wirklich,
die andere Seite zeigt Einsicht. Das Einverständnis kommt, die Revision
der Ansprüche.
Und der Bau beginnt, Herr Ostermair hat ihn übernommen. Auf diesen Moment
hat er gewartet, er ist in seinem Element. Verkaufen soll Ingeborg Heider-Thieß,
eine Frau aus München, die sich der Herausforderung des deutschen Ostens
stellen will. Als sie zum ersten Mal in ihrem schwarzen Porsche den Bahnübergang
an der Rehbacher Straße überquert und schmerzvoll das Kratzen und
Rumpeln des kostbaren Fahrgestells registriert, überkommt sie eine vage
Ahnung der Grenzen ihrer Kompetenz für dieses Geschäft.
Weitere Teile der Chronik sind bereits in Arbeit, doch leider
mangelt es noch an Material!