26.09.03 Chronik Andreas Buchwald

Eine Idee wird Wirklichkeit

Inhalt:

 

Sommer 1991

Mühle an der Rehbacherstr.Verträumt liegt der Kirchenacker zwischen Nimrod- und Rehbacher Straße in der Sonne. Mit der alten Streuobstwiese daneben versteht er sich gut. Seit vielen, vielen Jahren liegen sie nebeneinander, erleben gemeinsam den Wechsel der Jahreszeiten und verlassen sich auf die traditionell festgelegten Verhältnisse und den Schutz ihres altangestammten Besitzers, der Kirchgemeinde Knauthain. Sie wissen, dass sie ein schönes Stück Natur sind, kaum je berührt von Kriegen oder Katastrophen, und sie hoffen, es zu bleiben.
Da kommt ein Herr Remy des Weges, Finanzmakler, ein Mensch mit unruhig-unternehmerischem Geist. Häuser möchte er bauen, schöne, helle Häuser, die lebendig sind, Häuser, in denen man gerne wohnt. Geld dazu ist da, Finanzriesen stehen hinter dem Mann, der Deutsche Herold und die Mainzer Bausparkasse beispielsweise. So werden es teure Häuser sein, das Geschäft seines Lebens soll es werden. Nur das Land hat er gesucht, das richtige Bauland für seine Vision; und jetzt steht er vor dem Acker und der Streuobstwiese. Und sofort weiß er: Das ist es! Das ist der Platz, wo er bauen will.

Dezember 1991

CospudenKontakte sind geknüpft worden, wichtige Kontakte. Da ist die AG ZimmerMeister, außerdem die Firma Regen. Das Projekt ist interessant geworden. Und Dr. Vosberg, der Pfarrer der Knauthainer Gemeinde, sieht neue Horizonte. Es ist Kirchenland, um das es geht; das Wörtchen, das er mitredet, gilt viel. Eigene Vorstellungen hat er, andere, bodenständige. Geschäft will er auch, es wird seine Gemeinde vorwärtsbringen, doch sozial soll alles sein, christlich, bezahlbar. Da flaut der Westwind ab, der Herrn Remy hierhergeweht hat. Der Mann steigt aus, mit ihm die Bausparkasse Mainz.
Der Samen jedoch ist gesät, der Boden ist fruchtbar. Herr Strauß tritt auf, mit ihm Herr Ostermair, beide aus dem wirtschaftskräftigen Bayern. Sie übernehmen das ganze, planen, schaffen den ideellen Grund, reden mit den Vätern der Stadt.

Juli 1992

LöwenzahnDer Plan steht fest, die Grundlage. Und das Land soll bei der Kirche bleiben. Verkauf wird es nicht geben, sondern Erbbaurecht. Sozial für die Bauherren, langfristig hilfreich für die Gemeinde. Den Vertrag liegt vor, die Weichen sind gestellt. Herr Ostermair kann ans Reißbrett gehen, erst soll der Stift gestalten, wie und was gebaut wird. Aus Kassel kommt ein Architekt dazu, Herr Fingerling.
Und Dr. Vosberg hält den Zeitpunkt für geraten, der Presse zu verkünden, was er vorhat mit dem Land seiner Gemeinde, wie es vorwärts gehen soll in Knauthain. Richtige Ossis sollen sich hier ansiedeln, meint er, Leute, auf die man sich verlassen kann, die hierbleiben. Da er Pfarrer ist, wünscht er sich Kirchenbesucher. Einhundertzwanzig Häuser, sonnenenergiebeheizt und von evangelisch-lutherischen Sachsen bewohnt, das ist es, was ihm vorschwebt. Natürlich weiß er, dass diese Zielgruppe weder groß noch sonderlich finanzkräftig ist, doch die Vorstellung verführt ihn. Noch ist die Zeit der Visionen, noch ist alles offen.

August 1992

In Bayern gibt es Musterhäuser zum Ansehen, Häuser, wie Dr. Vosberg sie sich vorstellt und Herr Ostermair sie bauen will. Ein Busausflug führt sie in die Nähe der Freistaatshauptstadt, wo sie Nahrung finden für ihre inneren Bilder. Mit verstärktem Tatendrang kehren sie zurück.
Herr Fingerling entwirft in großen Zügen, wie alles aussehen soll. Das Ergebnis heißt "Vorhaben- und Erschließungsplan" und entsteht noch im gleichen Jahr.

Juli 1993

Tintlingsweg & SteinpilzwegDie erste schwere Schreibtischhürde ist genommen: Das Vorhaben findet die Billigung der Stadt Leipzig. Ein großer Schritt für die Mühlen der deutschen Behörden, ein kleiner jedoch für die tatendurstigen Siedlungsplaner. Denn von nun an werden sie ausgebremst, behindert, hingehalten. In verwirrender Korrespondenz mit dem Rathaus sitzen sie fest, verstricken sich in scheinbaren Widersprüchen. Eine harte Kämpferin gegen ihr Projekt ist aufgetreten, unter der Fahne des Rechts errichtet sie ihre Bollwerke. Ullmann heißt sie, Frau Dr.-Ing., und ihre Argumente haben behördliches Schwergewicht. Als sie nach längerem Geplänkel der Überredungskunst des Herrn Fingerling erliegt und die Waffen streckt, rätselt Dr. Vosberg immer noch über die Motive des Schreibtischkrieges und der Langbanktaktik.
Denn einen zweiten Siedlungsplan gibt es, einen von der Stadt Leipzig selbst. Ein ganzes Stück weiter, hinter Knauthain, soll gebaut werden. Was, wenn der Stadtrat um Bewerber fürchtet, weil die Kirche schneller sein könnte? Zumal sie so marktmitmischlustig geworden ist und es keinen Verlass mehr gibt auf fromme Biederkeit und geduldiges Abwarten...
Auch die Stadt möchte ihr Land verkaufen. Und ihre Väter wissen bereits, dass es schwer wird.

Dezember 1994

SonnenblumeEndlich dürfen sie loslegen. Viele Briefe, viele Gespräche hat es gegeben, Gegner mussten sie umstimmen, Befürworter finden. Einer der letzteren ist Herr Drewitz vom Stadtplanungsamt, er hat geholfen, wo er konnte.
Aus Ackerland wird Bauland, da gibt es viel Geld zu verdienen. Geld, das gerade die Stadt Leipzig dringend braucht, die chronisch leeren Kassen mahnen. So besteht sie auf einem hohen Anteil, einer kräftigen Abgabe.
Doch Dr. Vosberg hat noch einen Trumpf, einen, der Eindruck macht und der ihm gut ansteht: den sozial gestaffelten Erbbauzins. Und diese Karte sticht wirklich, die andere Seite zeigt Einsicht. Das Einverständnis kommt, die Revision der Ansprüche.
Und der Bau beginnt, Herr Ostermair hat ihn übernommen. Auf diesen Moment hat er gewartet, er ist in seinem Element. Verkaufen soll Ingeborg Heider-Thieß, eine Frau aus München, die sich der Herausforderung des deutschen Ostens stellen will. Als sie zum ersten Mal in ihrem schwarzen Porsche den Bahnübergang an der Rehbacher Straße überquert und schmerzvoll das Kratzen und Rumpeln des kostbaren Fahrgestells registriert, überkommt sie eine vage Ahnung der Grenzen ihrer Kompetenz für dieses Geschäft.

Weitere Teile der Chronik sind bereits in Arbeit, doch leider mangelt es noch an Material!